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Kirche in WDR 3 | 20.07.2017 | 07:50 Uhr

Aus tiefer Not

„Ich kann nicht mehr“, sagt die Frau, die mir gegenüber sitzt, „ich halte das nicht aus.“ Ich sitze an einem Küchentisch, es ist Vormittag ungefähr 11 Uhr. Ihr Mann ist seit drei Tagen vermisst. 35 Jahre sind die beiden miteinander verheiratet, haben Höhen und Tiefen erlebt. Zwei erwachsene Kinder. Ihre Tochter sitzt mit am Tisch, ihr Sohn steht am Fenster und telefoniert. Ich bin Pfarrer in der Notfallseelsorge und begleite die Drei.

„Mein Mann ist ein absoluter Familienmensch“, sagt sie. „Ich kann es einfach nicht begreifen. Wir waren bis vor drei Tagen die perfekte Familie.“ Sie kennt ihren Mann vielleicht besser als er sich selbst. Aber wie schlecht es ihm ging in den letzten Wochen, hat sie nicht mitbekommen. Seine Niedergeschlagenheit hat sie bemerkt. Sie wusste, dass er in psychologischer Behandlung ist. Immer wieder hat er gesagt: „Es wird schon.“ In wenigen Tagen sollte seine Kur beginnen. Aber vor drei Tagen lag ein Abschiedsbrief auf dem Küchentisch. Seither keine Spur von Michael.

Warten, Bangen und Hoffen. Ich spüre die Not, die Verzweiflung in jeder Geste, in jedem Blick, sie füllt den ganzen Raum. Das Auto stand verschlossen auf einem Parkplatz nahe einem kleinen Wald. Die Polizei hat es am selben Tag gefunden. Auch Freunde haben stundenlang den Wald und alle Wege abgesucht. Aber keine Spur von Michael.

Aus tiefer Not schrei ich zu Dir, so heißt es im Lied Martin Luthers, das er im Winter 1533/34 gedichtet hat. Die Melodie folgt dem Auf und Ab der Verzweiflung, dem der Text nachspürt. Rauf und runter geht es, immer wieder, jede Strophe neu. Hoffen und Bangen, Klagen und Lachen gehören zusammen auch an diesem Küchentisch.

Was hilft hier? Was hilft Menschen, wenn die Verzweiflung sie ganz im Griff hat? „Ich harre des Herrn, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort“ heißt es im Psalm 130. Dieser Bibeltext hat Luther zu seinem Lied inspiriert. Harren ist mehr als Warten. „Harren“ weiß um das nagende Fragen in der Seele, das keine Ruhe lässt. Eine Hoffnung, die aus dem Harren erwächst, keimt von ganz tief unten auf.

„Und ob es währt bis in die Nacht, Und wieder an den Morgen“, heißt es in Luthers Psalmlied. Die Nächte, so sagen es vermissende Menschen, sind am schlimmsten. Die Gedanken, die Phantasien, was geschehen sein könnte, treiben ihr Spiel mit der ruhelosen Seele. Aber keine Nacht dauert ewig. Es kommt ein neuer Morgen. Und vielleicht mit ihm eine neue Chance.

Was hilft? Am besten wissen Menschen in solchen Lagen selbst, was ihnen hilft. Sie haben in ihrer Not ein genaues Gespür, was und wer ihnen jetzt gut tut. Und genau das ist die Aufgabe in der Seelsorge, das hervorzubringen und Menschen darin zu bestärken, das zu tun, was jetzt dran ist.

„Ich kann meine beste Freundin jetzt nicht anrufen“, sagt die Tochter. „Sie ist Zelten an der Nordsee“. „Würdest Du wollen, dass sie dich anruft, wenn es ihr so ginge wie Dir jetzt?“ frage ich zurück? „Ja“, sagt sie. Dann nimmt sie zögernd ihr Handy, wartet noch und wählt die Nummer.

Und es gibt sie, die Freundin, die einfach einen Topf Suppe vorbeibringt. Es gibt die Nachbarin, die einfach vorbeikommt und fragt, was sie tun kann. Auf einmal gehen die beiden Frauen spazieren, draußen, bewegen sich an der frischen Luft.

Das kann gut tun. Und das Gebet auch. „Sein Hand zu helfen hat kein Ziel, Wie groß auch sei der Schaden.“, schreibt Luther. Es kann helfen, die eigene Not vor Gott zu bringen oder sie hinaus zu schreien oder zu weinen, je nachdem. Diese Adresse hält etwas aus. „Doch soll mein Herz an Gottes Macht verzweifeln nicht noch sorgen“, heißt es im Choral. Nicht immer gelingt das. Aber genau deshalb gibt es Choräle wie diesen. Wenn die Not die eigenen Worte verschlingt, Zuflucht nehmen zu einem Psalm, das kann helfen. Und Choräle lassen sich auch hören, wenn man sie braucht, so wie heute morgen.

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