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Das Geistliche Wort | 15.07.2018 | 08:35 Uhr

Bach hat mein Leben gerettet: Johann Sebastian

Autorin: Überleben. Wie geht das eigentlich? Ich meine, innerlich überleben. Wenn es eigentlich nicht mehr auszuhalten ist. Die Alkoholkrankheit der Eltern oder des Partners, die sexuellen Übergriffe des Onkels, die lebensbedrohliche Erkrankung. Dass man das überlebt hat. Die Schikanen des Partners, der Partnerin, die ewige Untreue. Den Konkurs des Betriebes, die Sparmaßnahme der Behörde.

Manchmal wundert man sich, dass es einem heute so gut geht. Das man das überlebt hat: Und dass man wieder arbeitet, Geld verdient, ein geordnetes Leben führt. Zumindest das, was viele darunter verstehen.

Musik: J.S. Bach: French Suite No. 5 in G; BWV 816

Interpret: James Rhodes; CD: Inside Track: The Mix Tape; Komponist: Johann Sebastian Bach; Label: Signum Records; LC 36140

Überleben – seelisch gut weiterleben – das nennt sich Resilienz. Überleben trotz widriger Umstände. Wie dies mit Hilfe von Johann Sebastian Bach gelingen kann, das hat James Rhodes erlebt. Er ist heute ein bekannter Konzertpianist. Die Musik hat ihm im wahrsten Sinne des Wortes das Leben gerettet. Für viele Traumatisierte, seelisch schwer Verletzte, tief Traurige, unendlich Enttäuschte ist die Musik von Bach zu einem sicheren Ort geworden, zu einer Heimat, zu einem Heilmittel. Zu einer Chance auf ein zweites Leben, zu einer Chance für einen Neuanfang.

Musik: J.S. Bach: French Suite No. 5 in G; BWV 816

Interpret: James Rhodes; CD: Inside Track: The Mix Tape; Komponist: Johann Sebastian Bach; Label: Signum Records; LC 36140

Autorin: Für ihn ist es die Hölle gewesen. Das englische Internat. Für den Konzertpianisten James Rhodes. Er ist gerade mal fünf, als sein Sportlehrer ihn sexuell missbraucht. Es bleibt nicht bei diesem einen Mal. Er tut es von nun an regelmäßig und alle sehen zu. Niemand hilft ihm - weder Eltern, noch Lehrer. Was ihn schließlich rettet, ist die Musik. Nicht irgendeine Musik, sondern diese 14 einhalb Minuten von Johann Sebastian Bach.

Musik: J.S. Bach Chaconne – aus Partita Nr. 2 d

Interpret: James Rhodes; CD: Razor blades, little pills, big pianos; Komponist: Johann Sebastian Bach; Label: Signum Classics; LC 15723

O-Ton: Ich war war gerade mal sieben, als ich dieses Stück hörte und war sofort verzaubert. Es war das, was Therapeuten meinen, wenn sie sagen du musst einen sicheren Ort finden. Das war diese Musik. Eine ganz neue Welt ging auf.

Musik: .S. Bach Chaconne – aus Partita Nr. 2 d

Interpret: James Rhodes; CD: Razor blades, little pills, big pianos; Komponist: Johann Sebastian Bach; Label: Signum Classics; LC 15723

Autorin: Bach hatte die Chaconne nach dem Tod seiner ersten Frau geschrieben, seiner großen Liebe.

„Die Chaconne ist ein „Tombeau“, ein Grabmal, sagt Helga Thöne, Musikwissenschaftlerin aus Düsseldorf. Und Luise Reddemann, Psychoanalytikerin, ergänzt: Bach hat Wege gefunden, zu trauern. Er hat es geschafft, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Seiner tiefen Trauer und bitteren Not. Der kleine James, sexuell missbraucht, fühlt sich – als er die Chaconne hört - zutiefst verstanden und geborgen. Plötzlich gibt es für ihn ein Morgen:

O-Ton: Es änderte sich alles für mich, in dem Moment wusste ich, ich werde eine lebenslange Beziehung zu Musik haben und ich will Pianist sein.

Autorin: Der kleine James beginnt, Klavier zu spielen. Der Lehrer merkt es sofort und alle anderen auch: Das Kind ist talentiert. Warum er sich ansonsten so komisch benimmt, weiß niemand. Der Missbrauch geht weiter. Fünf quälende, ewig lange Jahre. Dann verlässt er die Hölle, wechselt auf eine andere Schule.

Musik: Goldberg Variationen Nr. 9 (Nr. 10 auf CD)

Interpret: Igor Levit; CD: Bach Goldberg Variations; BWV 988 Var. 9 – Canone alle Terza a 1 Clav.; Komponist: Johann Sebastian Bach, Label: Sony Classical, LC-Nr. 06868

Autorin: Doch das Trauma wirkt weiter. Bereitet ihm seelische und körperliche Qualen. Er hört auf, Klavier zu spielen als er 18 ist, wird Heroin abhängig, ritzt sich, ist immer wieder suizidal und kommt immer wieder in die Psychiatrie. Und ausgerechnet dort beginnt das Happy End:

O-Ton: Ein Freund schmuggelte einen winzigen Ipod in die Psychiatrie. Ich dachte, ich weiß schon alles über Bachs Klavierstücke.

Aber dann hörte ich das und das war wieder so ein Moment wie damals mit der Chaconne, wie kann jemand so etwas erschaffen? Und wenn das möglich ist, dann ist die Welt nicht einfach nur ein Ort mit schrecklichen Menschen. Es muss etwas Größeres und Besseres geben.

Musik: Goldberg Variationen Nr. 4 (Nr. 1 auf CD)

Interpret: Igor Levit; CD: Bach Goldberg Variations; BWV 988 Aria;

Komponist: Johann Sebastian Bach, Label: Sony Classical, LC-Nr. 06868

Autorin: Und wieder trifft ihn die Musik so tief in seinem Innersten, dass er sich verstanden fühlt. Er beschließt, weiterzuleben und Konzertpianist zu werden.

O-Ton: Ladies and Gentleman, please welcome to the stage, Mr James Rhodes

Autorin: Und er hat es geschafft! Spielt vor ausverkauften Sälen, wie im September in der Hamburger Elbphilharmonie.

O-Ton: Was mich irritiert ist, wie sehr die klassische Musik heute vom Leben abgetrennt ist. Irgendwie hat man sie bei Seite geschoben – in eine Ecke – wie einen etwas seltsamen Onkel auf dem Familienfest, mit dem die Kinder besser nicht alleine sind.

Autorin: Für Rhodes ist das unvorstellbar. Deshalb holt er den seltsamen Onkel mit an den Tisch und erzählt ganz viel über ihn – bei jedem einzelnen seiner Konzerte: denn er wird nie vergessen: Für ihn ist die Musik lebensrettend – warum?

Wie schafft es Bach, tief traumatisierte, verzweifelte Menschen mit seiner Musik zu erreichen?

Die Antwort ist einfach: Auch er ist traumatisiert, auch für ihn ist die Musik lebensrettend gewesen. Wir wissen wenig über Bach, aber eins wissen wir. Er ist mit zehn Jahren Vollwaise. Nicht nur das: Im zarten Alter von zehn, hat er bereits zwei seiner Geschwister verloren. Sein Bruder Johann Jonas stirbt mit zehn Jahren, seine Schwester Johanna Judith mit sechs. Kaum vorstellbar: Dieser unendliche Schmerz – von Geburt an immer umzingelt vom Tod, der ihm seine Liebsten entreißt – nacheinander – fortwährend und fortlaufend. Und doch gibt er nicht auf. Was ihn rettet, ist die Musik.

Die Traumatherapeutin Luise Reddemann, hat ein Buch über Bach geschrieben – es heißt Überlebenskunst. Sie sagt:

Sprecherin: (S.73) Ich stelle mir vor, dass in Bach stets der früh verlassene Mensch, das früh verlassene Kind weiterlebte, wie sehr er auch äußerlich ruhig und geborgen war. Der verlassene Teil in ihm, brauchte immer wieder aufs Neue Beruhigung und so konnte er wie kein anderer, die Themen Sich verlassen fühlen und Trost finden in immer neuen Variationen zum Ausdruck bringen.

Autorin: Er schreibt eine unfassbare Menge an Musik. Mehr als jeder andere Komponist von Bedeutung. Meer sollte er heißen, wie das Meer, nicht Bach, wie das Bächlein, hat Ludwig van Beethoven einst gesagt.

Bei Bach werden die Kindheitstraumen immer wieder reaktiviert Denn es geht weiter mit dem Sterben. Von seinen 20 Kindern sterben zehn – seine erste Frau stirbt und später ihre Schwester, die mit ihm und den Kindern und seiner zweiten Frau zusammenlebt.

Dennoch: Johann Sebastian Bach schafft es, seine Traumen zu bewältigen, seelisch zu überleben. Nicht nur das. Er schreibt unsterbliche Musik, gibt seine Erfahrungen –weiter an die nachfolgenden Generationen. Bis heute.

Sprecherin: S. 78 Ich meine in Bachs Leben häufig eine Doppelgesichtigkeit zu begegnen: Sehr viel Leid und Leiden und die intensive Auseinandersetzung damit und doch auch immer wieder ein Licht, ein Aufatmen.

Autorin: So erlebt es die Traumatherapeutin Luise Reddemann.

Musik: .S. Bach Chaconne – aus Partita Nr. 2 d

Interpret: James Rhodes; CD: Razor blades, little pills, big pianos; Komponist: Johann Sebastian Bach; Label: Signum Classics; LC 15723

Autorin: Das Licht – wo kommt es her – bei Bach? Die Hoffnung und Zuversicht? Der Glaube an ein besseres Morgen – eine Zukunft, die mit dem Leid von heute umzugehen weiß, und sich davon längst nicht mehr bestimmen lässt.

Musik: Igor Levit Goldberg- Variationen Nr. 26 (Nr. 27 auf der CD)

Interpret: Igor Levit; CD: Bach Goldberg Variations; BWV 988 Var. 26 a 2. Clav.; Komponist: Johann Sebastian Bach, Label: Sony Classical, LC-Nr. 06868

Sprecher: Jedes Mal, wenn ich in den Goldberg-Variationen zu den letzten Takten komme, habe ich ein wahnsinnig berührendes Gefühl: Das Stück verabschiedet sich von mir. Als würde mir Bach selbst die Hand auf die Schulter legen und sagen: Wir sind jetzt zusammen gegangen und jetzt schließt sich etwas.

Autorin: Sagt Igor Levit. Der 31-jährige Russe ist einer der bedeutendsten Klavierspieler der Welt. Er lebt in Berlin.

Sprecher: Ich kann nur persönlich sprechen. Und ich bin kein religiöser Mensch oder so. Aber egal was Bach schreibt: Ich fühle mich verstanden. Ich vertraue ihm, ich fühle mich geschützt und geborgen. Ich gehe mit. Das kann ich nicht erklären. Aber ich fühle mich an die Hand genommen.

Autorin: Auch wenn er von sich sagt, er sei kein religiöser Mensch, spricht er dennoch von einer religiösen Erfahrung:

Sprecher: Bach nimmt dich mit. Das ist einzigartig. Er ist wie so ein Geist, der dich anspricht und einfach zu dir wird. Er wird zu dir. Und du wirst Teil des großen Ganzen – alles ist Gott.

Autorin: Es ist das Mithineinnehmen in eine Gemeinschaft – das Gefühl von Zugehörigkeit, das Bach in seiner Musik vermittelt. Und genau dieses Gefühl - das Gefühl von Gemeinschaft ist– wie Luise Reddemann betont- überlebenswichtig in Situationen großer Not. Es gehört – psychologisch betrachtet - zu den Resilienzfaktoren – zu jenen Faktoren, die Überleben trotz widriger Umstände möglich machen.

Aber nicht nur Igor Levit spricht von Gott im Zusammenhang mit Bach. Egal mit wem man über Bach redet - mit Musikern, Fans, Psychologen, Experten–irgendwann sprechen sie alle – ob gläubig oder nicht – über Gott. Man darf sich darüber wahrscheinlich nicht wundern. Soli Deo Gloria, Gott allein die Ehre hat Bach selbst unter fast alle seine Werke geschrieben.

„Die Wurzeln von Bachs Kunst liegen in seinem Glauben“, sagt der Violinist Gidon Kremer. „Alles was er geschrieben hat, ist getragen durch seinen Glauben.“

Der Glaube an Gott ist ein wichtiger Resilienzfaktor. Dabei ist es nicht nur (der Glaube, der einem hilft. Als James Rhodes damals im Internat sexuell misshandelt wurde, hat Bachs Musik ihn gerettet. Der bekannte Pianist sagt heute:

O-Ton: Ich bin nicht so naiv zu sagen, wenn es dir nicht gut geht, höre dir Musik an und sofort ist alles gut. Natürlich nicht. Denn es war nicht nur das. Es waren Freunde. Und irgendwann meine Frau. Es waren die Pillen und Ärzte und Kliniken. Aber die eine Sache, die immer da war, durch die übelsten Zeiten hindurch, das war die Musik.

Musik: J.S. Bach: French Suite No. 5 in G; BWV 816

Interpret: James Rhodes; CD: Inside Track: The Mix Tape; Komponist: Johann Sebastian Bach; Label: Signum Records; LC 36140

O-Ton: Musik ist wie eine Wunderdroge. Keine Nebenwirkungen, nicht teuer, du musst nicht kriminell werden. Und du wachst nicht am morgen verkatert neben drei Wildfremden auf und fragst dich, wie zum Teufel du da hingekommen bist. Musik hilft immer und lässt niemals im Stich.

Autorin: Und die Traumatherapeutin Luise Reddemann sagt über Bachs Musik:

Sprecherin: Ich habe sie monatelang als Gegengewicht zu Kummer, Bitterkeit und Ressentiment viele, viele Male gehört. Dadurch verschwanden meine Gefühle nicht sofort, aber ich hatte ein Gegengewicht. Ich hatte die Melodien im Kopf, und sie begleiteten mich, wenn es im Alltag schwierig wurde.

Autorin: Allein die Vorstellung, man habe ein starkes Team, das einen unterstützt oder aber auch die Erinnerung an tragende Melodien haben eine therapeutische Bedeutung. Sie wirken. Und Bach offensichtlich besonders intensiv. Mich haben persönlich diese Berichte sehr beeindruckt –auch ich werde jetzt anfangen Melodien zu sammeln, Melodien für schwere Zeiten.

Für heute verabschiede ich mich mit einem Stück, das Luise Reddemann zu ihren liebsten zählt: Die French Suite Nr. 5. Sie gibt uns das Gottvertrauen und vermittelt die Heiterkeit, die so viele jeden Tag aufs Neue brauchen. Allem Schweren zum Trotz oder: trotz widriger Umstände.

Damit wünsche ich ihnen einen gesegneten Sonntag und gutes Überleben

Ihre Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius aus Wuppertal

Musik: J.S. Bach: French Suite No. 5 in G; BWV 816

Interpret: James Rhodes; CD: Inside Track: The Mix Tape; Komponist: Johann Sebastian Bach; Label: Signum Records; LC 36140

Quellen

Überlebenskunst, Luise Reddemann, Klett-Cotta, 2016, 8. Auflage

Dossier: Eine Passion namens Bach aus: Die Zeit, No 14, 28. März 2018

James Rhodes, Der Klang der Wut, Wie die Musik mich am Leben hält,

Verlag Nagel&Kimche, 2016

SRF Kulturplatz, Musik zum (Über)Leben! 27. Januar 2016, 22.25h

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