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Kirche in WDR 2 | 10.11.2015 | 05:55 Uhr

Barmherzigkeit

Über Flüchtlinge ist alles gesagt. Mit deutscher Gründlichkeit sind sämtliche Faktoren und Zusammenhänge, die heute mit Flucht und Vertreibung verbunden sind, so lange durch Nachrichten, Talkshows, Bundestagsdebatten, Predigten, Zeitungen und das Internet geschleift worden, dass nun auch der letzte alles, wirklich alles Relevante zum Thema wissen und verstanden haben muss.

Aber ich glaube, das stimmt nicht. Wenn der Bund zusätzliche Milliarden für die Länder und Kommunen locker macht, die Überforderung der Behörden vor Ort aber verständlicherweise so hoch ist, dass die Menschen immer noch in Zelten und Turnhallen hausen… Wenn die europäischen Staaten mal an veralteten untauglichen Einwanderungsregeln festhalten, mal über eine Verteilungsquote feilschen, während die Flüchtenden selbst einfach dahin wollen, wo sie sich am sichersten fühlen… Wenn die CSU lieber mit einem rechtspopulistischen Ministerpräsidenten aus Ungarn Flüchtlingspolitik macht als mit der Bundeskanzlerin aus den eigenen Reihen… Wenn die unbelehrbaren Dummköpfe auf der Rechten von Überfremdung schwafeln, während politisch entgegen gesetzte Traumtänzer lauter bestens ausgebildete Asylsuchende entdecken, als ob der syrische Bürgerkrieg stattfände, um unser Fachkräfteproblem zu lösen… Wenn das alles geschieht, dann beschleicht mich das Gefühl, dass uns die Flüchtlingsfrage doch überfordert. Moralisch, intellektuell und auch praktisch.

Aber auch das stimmt glaube ich nicht. Denn ungeachtet aller Unsäglichkeiten und Peinlichkeiten in den öffentlichen Debatten rollt durch unser Land immer noch eine Welle der Hilfsbereitschaft, die ihresgleichen sucht. Und sie speist sich aus einer Tugend, die unserer Gesellschaft schon fast ganz abhandengekommen zu sein schien: Barmherzigkeit. In einer berühmten Geschichte der Bibel erzählt Jesus von einem, der unter die Räuber fällt, die ihn halbtot am Wegrand liegen lassen. Mehrere gehen achtlos vorbei. Schließlich kommt einer, von dem man es am wenigsten erwartet, hebt den Verletzten auf, bringt ihn in ein Gasthaus, gibt dem Wirt Geld und lässt das Opfer gesund pflegen. Der Mensch aus dieser Geschichte handelt barmherzig. Und ich glaube, das ist auch das Motiv der vielen, vielen Menschen, die sich mit Sach-, Geld- und Zeitspenden für die Flüchtlinge einsetzen, die zu uns kommen.

Die Integration der Zuwandernden wird auf lange Sicht eine Aufgabe sein, die viel Überlegung und gute Konzepte erfordert. Und es wird sich herausstellen, dass es unter ihnen genau so gute und böse Menschen gibt wie unter alteingesessenen Nachbarn. Wir werden nicht zu Fremden im eigenen Land werden, aber unsere Stadtteile werden sich verändern. Das kommt alles noch. Aber am Anfang steht der arme verfolgte Mensch, der unglaublich viel Leid und Tod gesehen, vielleicht nur das eigene nackte Leben gerettet hat und auf nichts so angewiesen ist wie darauf, dass ihn einer ansieht und Mitleid hat.

Barmherzigkeit ist weder verstaubt noch überholt. Sie ist auch nicht entwürdigend oder ent-mündigend gegenüber dem, der Hilfe braucht, wie man manchmal zu hören bekommt. Barmherzigkeit ist der Antrieb, mit dem sich der Mensch dem Mitmenschen zuwendet. Ohne Kalkül. Ohne Bedingungen. Ohne Berechnung der Folgekosten. Barmherzigkeit kann jeder. Und wir können gar nicht genug Menschen haben, die sie üben.

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