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Kirche in WDR 5 | 14.01.2017 | 06:55 Uhr

Barmherzigkeit

Guten Morgen!

„Was ist denn eigentlich Ihr Konzept?“ – So bin ich zu Beginn sehr häufig gefragt worden. Als ich im August meine neue Pfarrstelle antrat, in Münster Heilig Kreuz. Was mein Konzept ist, das konnte ich damals niemandem sagen. Ich meine nämlich, man muss erst einmal zuhören, die Menschen kennen lernen, gemeinsam überlegen. Und sich dann mit allen zusammen auf ein Konzept einigen. Mit Schwerpunkten und Zielen.

Konzepte haben ja meistens keine lange Halbwertszeit. Sie sind morgen schon von gestern, besonders im kirchlichen Alltagsgetriebe. Ich selber setze deshalb lieber auf Persönlichkeit anstatt auf Methode. Dennoch habe ich meiner Gemeinde einen Vorschlag gemacht. Für ein Konzept von Kirche. Ich möchte nämlich, dass die Pfarrei ein Schlupfloch der Barmherzigkeit ist. Ein Schlupfloch der Barmherzigkeit – was bedeutet das?

Schlupfloch, das heißt: Wir bieten Unterschlupf, wir hängen nicht alles an die große Glocke. Bei uns soll möglich sein, was offiziell vielleicht noch nicht möglich ist. Man soll denken dürfen, was man denkt, und aussprechen, was man sagen möchte. Alles, was uns das Evangelium und unser Gewissen sagt, soll möglich sein. Wir fragen nicht: „Darf man das?“, sondern: „Was hätte wohl Jesus an unserer Stelle getan?“ So einfach ist das mit dem Schlupfloch.

Und die Barmherzigkeit? Barmherzigkeit kommt von lateinisch misericordia und bedeutet: „Das Herz bei den Armen haben.“ Im Hebräischen ist das Erbarmen verwandt mit den Eingeweiden, dem Mutterschoß. Dann ist Barmherzigkeit etwas, das einem durch Mark und Bein geht, durch Herz und Bauch, und zum Handeln motiviert. Barmherzigkeit ist Gottes Bauchgefühl. Und der Mensch soll genauso barmherzig sein: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist“, sagt Jesus im Lukasevangelium.

Doch hier beginnt das Problem. Heißt barmherzig sein so viel wie „Schwamm drüber“? Wie steht es dann mit der Gerechtigkeit? Ich denke: Aus Barmherzigkeit muss Gerechtigkeit erwachsen. Almosen können nicht alles sein, denn die Hilfe soll nachhaltig werden. Die Strukturen müssen sich ändern, man muss die Ursachen des Unrechts bekämpfen. Erst dann kommt Barmherzigkeit ans Ziel.

Und man muss die Barmherzigkeit unterscheiden von der Gnade. Denn beides wird oft miteinander verwechselt, es sind aber ganz verschiedene Dinge. Wer Gnade gibt, steht oben, er braucht selber keine Gnade. Begnadigen kann immer nur jemand, der autonom ist, absolut. Also letztlich nur Gott selber. Wer Gnade gibt, ist Subjekt, wer Gnade empfängt, bleibt immer Objekt, abhängig.

Anders ist es mit der Barmherzigkeit. Der Barmherzige ist zum Handeln verpflichtet, weil er selbst auf Barmherzigkeit angewiesen ist. Sein Gegenüber hat Anspruch auf Hilfe, es bleibt Subjekt. Und behält dabei immer seine Würde. Wer barmherzig handelt, begegnet dem Anderen auf Augenhöhe, behandelt ihn niemals nur als Objekt, das wäre ja auch ziemlich arrogant, das wäre von oben herab. Gott allein schenkt Gnade; Menschen können miteinander nur barmherzig sein.

Deshalb möchte ich gerne, dass meine Pfarrei ein „Schlupfloch der Barmherzigkeit“ ist: füreinander da sein auf Augenhöhe. Was das konkret heißt, müssen wir immer neu herausfinden. Nur so viel: Das Wort Pfarrei wird manchmal abgeleitet vom griechischen "paroikía". Es bedeutet: ein Ort in der Fremde. Christen leben immer auch in der Fremde; mitten in einer Welt, die sie so oft nicht verstehen. „Pfarrei“ kann man auch ableiten von „Pferch“, also vom Stall, aus dem man nicht herauskommt. Das aber gefällt mir überhaupt nicht.

Wenn man "Pfarrei" aber ableitet von griechisch "paréchein", dann bekommt sie einen tieferen Sinn. Denn "paréchein" bedeutet: gastfreundlich sein. Pfarreien sollen Orte der Gastfreundschaft sein. Bei ihnen soll man sich angenommen und gut aufgehoben fühlen. Man soll einkehren können auf der langen Reise des Lebens.

Aus dem gastfreundlichen Schlupfloch der Barmherzigkeit in Münster grüßt Pfarrer Stefan Jürgens.

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