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Das Geistliche Wort | 02.12. 2018 | 08:35 Uhr

Stille

Jetzt ist er da – der erste Advent und mit ihm beginnt die ganze Adventzeit.

Guten Morgen!

Es gibt wahrscheinlich vieles, was Sie und ich mit dieser Zeit verbinden: Dunkelheit und Kerzenlicht, Düfte und Klänge, Texte und Lieder. Vielleicht auch: Stille. Für mich gehört Stille unbedingt zum Advent. Gerade weil diese Zeit für mich oft hektisch und gar nicht so still ist. Geschenke besorgen, Pläne machen, Weihnachtsfeiern in allen möglichen Gruppen. Stille finde ich meist nicht von selbst. Ich muss sie suchen. Und genau das möchte ich heute morgen tun: die Stille suchen. Und über sie nachdenken. Ich weiß, das ist fast ein Widerspruch in sich: sprechen – über die Stille. Doch der Reihe nach...

Mittwoch Mittag. Schulgottesdienst mit der benachbarten Grundschule. Normalerweise herrscht am Anfang eine Wahnsinnslautstärke. Kein Wunder nach einem vollen Vormittag in der Schule. Aber an diesem Tag ist alles anders. Die Kinder kommen rein, suchen sich ihre Plätze und setzen sich. Und plötzlich wird es ganz still. Keine Stimme ist zu hören. Ich stehe da vorne wie erstarrt und denke: Das ist nicht möglich. Hier sitzen hundert Kinder mit einem halben Tag in den Knochen. Mit allem, was sie in der Schule schon erlebt haben. Das kann überhaupt nicht sein. Aber es ist so. Ein paar Sekunden stehe ich einfach nur da und genieße diesen Moment völliger Stille. Und dann danke ich den Kindern, dass sie uns einen solchen Moment geschenkt haben. Und hoffe und glaube, dass er ihnen selbst genau so gut getan hat wie mir.

Ich weiß nicht, was die Lehrerinnen mit den Jungs und Mädels gemacht haben. Aber eines ist klar: solche Momente der Stille, die brauchen die meisten, egal ob groß oder klein. Gerade weil es oft so laut ist. Es ist in der Schule laut. Auf den Straßen ist es laut. An vielen Arbeitsplätzen ist es laut. In den Geschäften ist es laut. Im Fernsehen auch. An so vielen Stellen werden wir beschallt und bequatscht und zugetextet. Vielen tut es gut, immer wieder in Stille einzutauchen. Ich finde das geradezu heilsam.

Und es gibt zunehmend Menschen, die sich um solche Momente bemühen. Ein Freund erzählt von einer Firma, wo sie vor einer Weile eine neue Regel eingeführt haben. Vor jeder Sitzung wird einige Minuten lang einfach nur geschwiegen. Die Mitarbeiter sitzen zusammen am Tisch – und zehn Minuten lang wird nicht geredet. Und sie machen eine gute Erfahrung damit: wenn es danach losgeht, sind die Gespräche konzentrierter und ruhiger und klarer als früher. Die Leute kommen schneller auf den Punkt. Und sind offener für die Redebeiträge anderer. Was, wenn es das bei allen Sitzungen gäbe: eine Zeit der Stille vorneweg!

Musik: John Mayer, Gravity. CD: Continuum, Komponist: John Mayer. Label: Smi Col (Sony Music)

Damit wir uns jetzt nicht missverstehen: Es geht nicht darum, das Laute zu verteufeln. Lautsein kann schön und lebendig sein. Ein gutes Rockkonzert darf gerne richtig laut sein. Ein gutes Barockkonzert auch schon mal. Es gibt ja auch eine Stille, die bedrückend ist und der Seele nicht gut tut: Wenn einen keiner anspricht, wenn lange niemand anruft. Wenn man anfängt, mit sich selber zu reden, um überhaupt mal wieder eine menschliche Stimme zu hören. Da kann es richtig gut tun, es mal wieder laut um sich zu haben. Feste können und dürfen laut sein. Die Hochzeit zu Kana zum Beispiel wird keine ganz ruhige Veranstaltung gewesen sein. Und Jesus sagt da nicht: „Leute, jetzt macht mal die Musik leiser“, sondern er ist mittendrin und macht sogar Wasser zu Wein – was die Lautstärke mit Sicherheit noch ein bisschen erhöht. Aber, und das ist das Entscheidende: Genauso oft, wie Jesus mitten im lauten Leben ist, genauso oft zieht er sich zurück in die Stille. Lässt den ganzen Lärm hinter sich und geht allein irgendwohin, um zu beten. Am liebsten auf einen Berg. Und ich bin sicher, dass er da nicht die ganz Zeit mit Gott redet, sondern dass er oft einfach schweigt und lauscht und vor Gott anwesend ist. Diese Zeit in der Stille, die ist wichtig für ihn. Immer wieder wird das in den Evangelien erzählt. Da kommt er neu mit Gott in Kontakt und findet neue Kraft und neue Klarheit. Und die macht ihn fähig, wieder unter die Leute zu gehen, zuzuhören und zu reden - und denen zu begegnen, die in Not sind oder krank.

Ich frage mich: wie finden wir diese Stille heute in unserem Leben? Was kann mein persönlicher Ort der Stille werden? So wie es der Berg für Jesus ist? Und wie ist es bei Ihnen? Gibt es einen Ort irgendwo in Ihrer Wohnung, der nicht mit Arbeit und Aktivität verbunden ist. Sondern wo Sie einfach sitzen und da sein können, weiter nichts? Oder ist es irgendwo anders – in der Natur zum Beispiel. Was kann für Sie der Ort sein, an dem Sie wirklich in die Stille finden?

Musik: Lenny Kravitz: Early Morning Blues (Instrumental), CD: Are You Gonna Go My Way (20th Anniversary Deluxe Edition), Komponist: Lenny Kravitz, Label: Virgin; LC: 03098

Das mit der Stille ist ja gar nicht so einfach. Stellen Sie sich vor, Sie setzen sich irgendwo einfach nur hin und schweigen und tun nichts. Kein Fernseher, kein Laptop, kein Smartphone, auch kein Buch, keine Zeitschrift, vielleicht noch nicht mal Musik. Nur einfach sitzen, schweigen und dem eigenen Atem zuhören. Was glauben Sie: Wie lange halten Sie das aus? Zwei Minuten?

Vor elf Jahren war ich ein paar Tage in der Benedektinerabtei in Meschede. Eine sehr ruhige Umgebung, kaum Reize. Keine Gespräche, nur die Gebetszeiten und das Vorlesen beim Mittagessen. Es war äußerlich so still wie sonst nie. Und je stiller es außen war, desto mehr habe ich den Lärm in mir selber gehört. In mir quatschte es unaufhörlich. Jemand hat gesagt: In die Stille gehen, das ist so ähnlich wie Tee aufgießen. Am Anfang kommen die Teeblätter erst mal alle nach oben und schwimmen schön sichtbar an der Oberfläche, entfalten sich erstmal und nehmen da oben viel Raum ein. Aber nach und nach sinken sie nach unten und bleiben dann da auch liegen. Und dann ist die Oberfläche glatt und ruhig. So ist das mit meinen Gedanken in der Stille auch: wenn ich in die Stille gehe, dann kommt alles Mögliche erstmal richtig schön hoch und macht sich breit. Und dann denke ich schnell: Ich kann das nicht, das klappt nicht mit der Stille, ich bin da nicht der Typ für. Wenn man sich nicht so leicht beirren lässt und weiter die Stille sucht, dann kann man die Erfahrung machen, wie ein Gedanke nach dem anderen langsam zu Boden sinkt.

Vielleicht haben viele wirklich Angst vor der Stille, vor der Leere, die dann entsteht. Und meinen, sie müssten sie schnell wieder füllen – mit Gedanken, mit Aktivität, mit Worten. Vielleicht hängt das ganze Gelärme in unserer Gesellschaft mit dieser Angst vor der Leere zusammen. Es stimmt ja auch: Wir werden in der Stille ja wirklich „leer“. Wir legen unsere Aktivitäten aus der Hand. Wir beschäftigen uns mal nicht mit irgendwas, sondern sind einfach nur da. In diese Leere, die da entsteht, kann Gott hineinsprechen. Gerade da kann er uns begegnen. Gerade da kann es passieren, dass wir seine leise Stimme hören.

Musik: Early Morning Blues

Gottes Stimme ist oft viel leiser, als wir denken. Es gibt eine wunderschöne Geschichte im Alten Testament, die davon erzählt. Da ist der Prophet Elia, ganz allein auf einem Berg, auf den er sich zurückgezogen hat. Und dort wartet er. Denn Gott hat ihm versprochen, ihm dort zu begegnen. Elia steht da vor dem Eingang einer Höhle – und wartet auf Gott. Plötzlich zieht ein Sturm auf, gewaltig und laut. Und man denkt sofort: Ah, jetzt ist es gleich so weit! Aber nein, Gott kommt nicht. Er ist nicht in diesem Sturm. Kurz darauf erschüttert ein Erdbeben das ganze Gebirge. Und wieder denkt man: jetzt ist es so weit! Aber wieder nichts. Dann kommt ein gewaltiges Feuer, aber auch in diesem Feuer kommt Gott nicht. Und schließlich kommt ein „stilles, sanftes Sausen“ – was immer das genau sein mag. Ein leiser Luftzug, ein ganz feines Geräusch. Jedenfalls muss man lauschen, die Ohren spitzen und zuhören, um das überhaupt zu hören. Und in diesem leisen Sausen kommt Gott zu Elia und redet mit ihm.

Die Stille ist der Ort, an dem uns Gott besonders gern begegnet. Und an dem wir ihn leichter hören, weil wir ausnahmsweise mal nicht so viel „um die Ohren“ haben. Und eines ist dabei wichtig zu sehen: In die Stille zu gehen, das ist keine Flucht aus der Welt. Wer sich in die Stille zurückzieht, stiehlt sich nicht aus der Verantwortung. Im Gegenteil. Eine junge Frau namens Etty Hillesum hat vor Jahren in ihr Tagebuch geschrieben: „Das ist eigentlich unsere einzige moralische Aufgabe: In sich selbst große Flächen urbar zu machen für die Ruhe, für immer mehr Ruhe, so dass diese Ruhe wieder ausstrahlen kann. Und je mehr Ruhe in den Menschen ist, desto ruhiger wird es auch in dieser aufgeregten Welt sein.“ (1) Etty Hillesum ist Jüdin und lebt zur Zeit der Nazidiktatur in Amsterdam. Dort engagiert sie sich mit aller Kraft für die verfolgten Amsterdamer Juden. Das sagt also eine Frau, die selbst mitten im Kampf mit einem mörderischen Regime steht – und die mit ihrer Familie in Auschwitz umkommen wird. Für sie ist die Stille eine unabdingbare Voraussetzung für ihre Arbeit und ihren Kampf für Menschlichkeit. Das heißt: Die Stille zu suchen, um Kraft zu schöpfen, das kann eine zutiefst politische Angelegenheit sein. Stille ist nicht ein privater Luxus. Sie ist die Voraussetzung für jede Art von Engagement und Veränderung. Wer in die Stille geht, zieht sich nicht von allem zurück, sondern gewinnt überhaupt erst die Kraft, um in dieser Welt leben zu können.

Musik: Dido: Quiet times. CD: Safe Trip Home, Komposition: Dido Armstrong, Label: RCA, LC: 00316

Ich finde es wichtig, in unserer lauten Welt Räume zu schaffen für solche Stille! Unsere Kirchen könnten und sollten solche Orte sein. Aber ich fürchte, dass gerade wir christlichen Gemeinden in unseren Gottesdiensten und in unserem Gemeindeleben wenig Raum lassen für die Stille. Da wird viel gemacht und geredet. Da unterscheiden wir uns oft viel zu wenig vom Rest der Welt. Der Theologe Fulbert Steffensky spricht von der „Vertreibung des Schweigens aus den Gottesdiensten.“ (2) Vielleicht ist das einer der wichtigsten Dienste, den unsere Kirchen den Menschen heute leisten können: Räume zu schaffen, in denen Stille entstehen kann. Man kann Stille nicht erzeugen. Aber man kann ihr Raum geben. Und Zeit. Damit Gott in ihr wirksam werden kann.

Heute ist der erste Advent. Es beginnt diese besondere Zeit vor Weihnachten. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Zeiten und Orte der Stille finden. Ihr Pfarrer Joachim Römelt aus Solingen-Dorp.

Musik:

Norah Jones: It's a Wonderful Time for Love, CD: Day Beaks, Komposition: Norah Jones & Sarah Oda, Label: Blue Note (Universal Music) LC: 00133

(1) J.G. Gaarlandt: Das denkende Herz – Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943, 1983 (Tagebucheintrag vom 29.9.1942)

(2) Fulbert Steffensky: Schwarzbrot-Spiritualität, Stuttgart 2005, 87.

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