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Das Geistliche Wort | 19.02.2017 | 08:35 Uhr

Das Evangelium vom Plaudern und Plündern

Autorin: Ein Prediger in den USA steht auf der Bühne vor tausenden begeisterten Gottesdienstbesuchern in einer riesigen Kirche. Der Saal kocht. Die Leute jubeln und der Prediger schreit:

Atmo (1) ab 0:22-29 (Money, cometh to me now! ( Our Lord fehlt.. dafür Jubel) darüber…

Sprecher 1: „Money, cometh to me - now! … Our Lord Jesus Christ!“

Sprecher 2: „Geld, her mit dir! Aber dalli!... Herr Jesus Christus!“

Autorin: Wer so schreit, ist Kenneth Copeland, ein Fernseh-Evangelist aus den USA, einer der vielen, die tagtäglich ihr Verständnis des Evangeliums an den Mann und die Frau bringen. Erst vor kurzem rühmte er sich damit, Milliardär zu sein. Und er ist nicht der einzige Pastor, der Geld und Jesus Christus in einen offenbar einträglichen Zusammenhang bringt und riesige Anwesen, Jets und auch das entsprechende Jet-Set-Leben hat. Kenneth Copeland steht für das sogenannte „prosperity gospel“. Man kann das mit „Erfolgsevangelium“ übersetzen oder - kritischer - mit „health and wealth gospel“, also „Gesundheits– und Wohlstandsevangelium“. Manche nennen es auch spitz “blab it and grab it”-Gospel (2). Ich übersetze das mal mit „Evangelium vom Plaudern und Plündern“. Kenneth Copeland ist kein Einzelfall. Die Vertreter des Wohlstandsevangeliums sind viele und treten täglich in eigenen Shows im Fernsehen auf. Darunter ist auch ein Tele-Evangelist mit einem bezeichnenden Nachnamen: Creflo Dollar. Er bat seine Gläubigen vor einigen Jahren um ein Upgrade seines Jets. (3)

Aber es gibt auch deutsche Vertreter des „Erfolgsevangeliums“: Ich zähle Reinhard Bonnke dazu. Er ist sicherlich der bekannteste. Er wird in Afrika sehr verehrt und füllt bei seinen Evangelisationen ganze Stadien.

Worum geht es beim prosperity gospel, beim „Wohlstands- und Erfolgsevangelium“? Kurz gesagt: Es geht um die theologische Auffassung, dass jeder Mensch Wohlstand, Erfolg und Gesundheit von Gott abrufen kann. Denn da, bei Gott, liegt das alles bereit - wie in einer Schatztruhe, zu der man nur noch den Schlüssel braucht. Dieser Schlüssel ist der Glaube. Er muss allerdings stark sein. Sonst klappt das nicht mit dem Abrufen. Kenneth Copeland und Creflo Dollar lassen unverhohlen durchblicken, um was es ihnen geht. Wenn du Geld gibst, zeigst Du, dass dein Glaube stark ist. „Sow a seed“ heißt es: „Säe einen Samen“. Investiere etwas, dann bekommst du auch etwas raus.

Sprecher 2: „Gib Gott etwas, aus dem er etwas machen kann. Was du säst, wirst du vielfach von Gott zurückbekommen.“

Autorin: Das klingt eigentlich ganz biblisch, aber dann geht es weiter:

Sprecher 2: „Säst Du 10 Dollar, bekommst Du 100 zurück. Säst Du 100, bekommst Du 1000 Dollar zurück usw.“ (4)

Autorin: Gott wird also erst aktiv, wenn ich unter den Glauben noch etwas Geld mische, bevor ich es Gott darreiche. Das ist nichts anderes als moderner Ablasshandel.

Musik 1: Track 16 „Asuncion“ in: Ennio Morricone, Original Soundtrack from the Film „The Mission“ von Roland Joffe, Label: Virgin, 1986, Bestellnummer: 3630281, Erscheinungstermin: 27.10.1986, Mitwirkende: Choir – Barnet Schools Choir, London Voices; Composed By, Conductor, Orchestrated By – Ennio Morricone; Instrumentation By [Indian] – Incantation (2). Orchestra – The London Philharmonic Orchestra; Recorded at C.T.S. Studios, Wembley, London. LC-Nr: 3098.

Autorin: Im amerikanischen “Time”-Magazine konnte man nachlesen:

Laut einer Umfrage bekennt sich knapp jeder fünfte (17%) der US-amerikanischen Christen zum prosperity-gospel. Mehr als die Hälfte (61%) glauben, dass Gott für jeden Menschen Wohlstand will. Und ein Drittel (31%) ist sich sicher: Wenn jemand sein Geld Gott gibt, wird Gott ihn mit umso mehr Geld segnen.

Kein Wunder, dass Donald Trump sich für die Zeremonie seiner Amtseinführung eine prominente Vertreterin des prosperity gospel eingeladen hat, Paula White.

Sprecher 2: Paula White gilt als eine der reichsten Tele-Evangelistinnen. Sie wurde schon Donald Trumps „God-whisperer“, Trumps „Gottes-Flüsterer“ genannt. Kurz vor der Präsidentschaftswahl hatte sie zusammen mit Kenneth Copeland zahlreiche Pastoren um Trump versammelt. Sie haben ihm die Hände aufgelegt und dafür gebetet, dass er Präsident wird und Amerika wieder groß macht.

Autorin: Die Bewegung des prosperity gospels wächst schnell. Längst hat sie die Grenzen der charismatischen und der Pfingstkirchen überschritten. Auch in evangelikale Gemeinden ist sie eingedrungen. Sie ist auch nicht mehr nur „weiß“. Die Gemeinden des prosperity gospel sind bemerkenswert gemischt, was die Hautfarben angeht. Viele Afroamerikaner haben sich dem prosperity gospel verschrieben. Manche sehen in dieser Art zu glauben eine große Gefahr für die afroamerikanischen Gemeinden, die doch eigentlich das Erbe Martin Luther King Jr.s beanspruchen. (5) Der würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sich anhören müsste, was hier vermengt wird: An Christus glauben, ‚positiv Denken’ und reich werden. Das ist die fromme Variante vom amerikanischen Traum, vom Tellerwäscher, der es bis zum Millionär schafft: Martin Luther King Jr. hatte einen anderen Traum:

Sprecher 1: Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können. (…) Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. (...) Das ist unsere Hoffnung. (...) Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für die Freiheit aufzustehen, in dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden. (6)

Musik 2: Track 01 “On Earth as it is in heaven” in: Ennio Morricone, Original Soundtrack from the Film „The Mission“

Autorin: Man kann das „Erfolgsevangelium“ schnell abtun als „Evangelium vom Plaudern und Plündern“, und als „typisch amerikanisch“.

Aber ich glaube nicht, dass wir es uns zu leicht machen sollten. Es ist auch nicht alles Unsinn. Ich finde es zum Beispiel gut, dass in den Gemeinden des prosperity gospel offen über Geld gesprochen wird, über Armut und unbezahlte Rechnungen, die Menschen nicht schlafen lassen. In den Gemeinden, die ich hier in Deutschland kenne, ist das kein Thema. Darum kümmert sich die Diakonie, heißt es oft.

Ich finde es auch gut, dass diese einfache Botschaft: „Gib etwas, und du wirst es vielfältig zurückbekommen!“ manche aus der Bahn geworfene Menschen angespornt hat, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Auch den Ärmsten wird zugetraut, etwas beizutragen. Das tut ihnen gut. Die arme Witwe in der Bibel hat ja auch ihr „Scherflein“ gebracht. (7) Das war würdig.

In den USA, Südafrika, Nigeria und anderen Staaten hat das Erfolgsevangelium schon seinen Siegeszug angetreten. Es ist weltweit dabei, das Gesicht des Christentums zu verändern. Und darüber können sich europäische Christen nicht einmal wundern: Es waren die weißen Missionare, die stets in einem der schönsten Häuser des Dorfes wohnten und eine höhere Schulbildung hatten, mehr Technik und wirksamere Medizin zur Verfügung hatten als die Einheimischen in den Ländern des Südens. Dadurch entstand bei diesen der Eindruck: Christlicher Glaube hat etwas mit Reichtum und Fortschritt zu tun. Können wir ihnen jetzt vorwerfen, dass sie Life-style-Predigern auf den Leim gehen, weil sie sich wünschen, zu haben, was die meisten von uns für selbstverständlich halten: ein Auto, eine warme Wohnung, Schulbildung für die Kinder?

Nein, mit dem „Erfolgs-Evangelium“ kann ich es mir nicht so einfach machen.

Auch weil es sich klammheimlich, kaum merklich in unsere eigene Glaubenspraxis mischt:

In unseren Kirchen rennen wir mitunter dem Erfolg regelrecht hinterher. Wenn die Zahlen stimmen und die Hütte voll ist, darf man nicht mehr nach den Inhalten fragen. Und der Glaube an Gott, der uns stark macht, liegt manchmal ganz nah an dem ‚positiven Denken’, das sich auf die eigene innere Stärke verlässt: Wenn ich nur vergesse, dass ich arm bin oder krank, wenn ich nur ganz positiv denke, dann wird mir alles gelingen. Falsch! Es gibt eben auch die, die trotz beten, glauben und „Samen säen“ keine Arbeit finden und nicht gesund werden.

In einer prosperity-Gemeinde werden die sich bald heimatlos fühlen. Zumindest verstummen.

Denn für Misserfolge ist im Erfolgsevangelium kein Platz. Die Kinder, die schwierig bleiben, die Ehefrau, deren Krebs sich nicht stoppen lässt und auch die vielen Affären der Fernseh-Evangelisten müssen entweder versteckt oder schön geredet werden. Und auch für Kritik an einer verfehlten Politik ist kein Platz - und an der Gier der Superreichen, der viele Arbeitsplätze zum Opfer fallen. Ich bin immer allein für mein Glück oder Unglück verantwortlich. Das macht es den wahren Schuldigen leicht, sich davon zu stehlen.

Musik 3: Track 08 „Climb“ in: Ennio Morricone, Original Soundtrack from the Film „The Mission“

Autorin: Und dann stelle ich mir wieder vor: Ich wäre krank oder es ginge mir dreckig. Würde ich nicht auch mit Gott handeln? Ihm etwas anbieten, damit ich etwas rausbekomme?

Martin Luther hat den Ablasshandel vor 500 Jahren eigentlich erledigt. Aber mal ehrlich: auf Gott allein zu vertrauen, ohne ein Sicherheitspolster einzubauen, ist schwer; damit klarzukommen, dass mir trotz meiner Gebete, trotz meines Vertrauens nicht gegeben wird, was ich erbeten habe und dass sich Türen nicht öffnen, obwohl ich wie wild dagegen hämmere…

Das Erfolgs-Evangelium verkündigt einen Gott, der auf dem Himmelsthron sitzt und auf einen Wink hin seine Schatzkiste öffnet. Einen Gott, der – wie Creflo Dollar sagt – „keine andere Wahl hat, als unsere Gebete zu erhören.“ (8) Einen Gott, der uns immer zur Verfügung steht und uns happy macht.

Ich glaube an einen anderen Gott: An den, der nah ist und sich auch wieder entzieht. In glücklichen Momenten kann ich einen kurzen Blick auf ihn erhaschen. Aber ich kann ihn nie ganz begreifen, weil er anders ist und anders kommt, als wir das erwarten. Sein Leben beginnt in einem armen Stall und endet am Kreuz! Das ist wohl das Gegenteil einer klassischen Erfolgsgeschichte! Ich glaube an einen Gott, dem nicht nur ich Fragen stelle, sondern der auch mir Fragen stellt, den ich nie ‚habe’ und deshalb immerzu suche, auch wenn er mich längst gefunden hat. Mit dem berechenbaren Gott des prosperity-Evangeliums hat der nichts gemein.

Musik 4: Track 02 „Falls“ in: Ennio Morricone, Original Soundtrack from the Film „The Mission“

Autorin: Was mich aber am meisten beim prosperity-Evangelium schmerzt, ist sein nackter Individualismus. Hier wird der Traum Martin Luther King Jr.’s von einem gemeinsamen Leben in Gleichheit und Würde eingetauscht gegen mein Auto, mein Haus, meine Gesundheit und meinen Erfolg. Konsequenterweise ist es dann auch mein Gott. Der Gott, der die Welt liebt und Segen ausschüttet, damit alle etwas gemeinsam davon haben, spielt keine Rolle mehr. Aber darum geht es ihm nach wie vor: um die Gemeinde, um eine alternative, ehrliche Gemeinschaft, in der Menschen - statt sich um sich selbst zu drehen - zusammenhalten und für andere da sind. In der Menschen etwas von Herzen geben ohne danach zu gieren, etwas zurückzubekommen.

Im Gleichnis vom Weltgericht wird Jesus gefragt:

Sprecher 2: „Wann, Herr, haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?“ (9)

Autorin: Diese Menschen haben einfach getan, was sie als Mitmenschen für nötig hielten. Und sie haben nicht darauf geschielt, was für sie dabei herausspringt. Darum sagt Jesus: „Ihr seid gesegnet. Ihr erbt das Reich des Vaters.“ (10) Ihr, die Mitmenschen, die Selbstlosen.

Gegen den Virus des Evangeliums vom Plaudern und Plündern scheint mir eine Gemeinschaft, die bescheiden und selbstlos bleibt, immer noch die beste Medizin zu sein.

Und darum soll das Stück „Vita Nostra“ diesen Beitrag beschließen. „Vita nostra“ heißt übersetzt: unser Leben, gemeinsames Leben.

Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag.

Ihre Christel Weber.

Musik 5: Track 07 „Vita Nostra“ in: Ennio Morricone, Original Soundtrack from the Film „The Mission“

Anmerkungen:

(1) https://www.youtube.com/watch?v=Nv5E7iu4Cws

(2) David W. Jones, in: TGC – The Gospel Coalition: https://www.thegospelcoalition.org/article/5-errors-of-the-prosperity-gospel, zuletzt geprüft: 05.01.2017

(3) The Biggest Scam of All: Pastor Creflo Dollar Will Get His $65 Million Luxury Jet 06/05/2015 05:15 pm ET | Updated Jun 05, 2016 in: http://www.huffingtonpost.com/steve-siebold/the-biggest-scam-of-all-p_b_7521170.html. Zuletzt geprüft: 05.01.2017.

(4) Nach Femi Adeleye, The prosperity gospel: a critique the way the bible is used. A paper presented by the author at the 2014 Lausanne Global Consultation on Prosperity Theology, Poverty, and the Gospel. https://www.lausanne.org/content/the-prosperity-gospel-a-critique-of-the-way-the-bible-is-used. Zuletzt geprüft 05.01. 2017.

(5) Are prosperity preachers are destroying the traditional black church? Nicola Menzie, http://www.christianpost.com/news/are-prosperity-preachers-destroying-the-traditional-black-church-a-review-of-black-church-inc-121694/, June, 24 / 2014, zuletzt geprüft 05.01.2017. Charlie Dates, Don’t give up on the Black Church, in: http://www.christianitytoday.com/pastors/2015/september-web-exclusive/dont-give-up-on-black-church.html. September 2015. Zuletzt geprüft 05.01.2017. Dates wirbt dafür, die Bedeutung des prosperity gospel in den afroamerikanischen Kirchen nicht zu hoch einzuschätzen. Seiner Ansicht nach findet es vor allem im Fernsehen statt. Eine instruktive Auseinandersetzung mit dem Prosperity Gospel liefert Debra J. Mumford, Exploring Prosperity Preaching. Biblical Health, Wealth, and Wisdom, Valley Forge, PA, 2012.

(6) Übersetzung nach: http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/tid-33178/das-vermaechtnis-des-martin-luther-king-er-hatte-vor-50-jahren-einen-traum-ist-er-wahr-geworden-martin-luther-kings-legendaere-rede-i-had-a-dream_aid_1083073.html

(7) Markus 12,41-44.

(8) David W. Jones, in: TGC – The Gospel Coalition: https://www.thegospelcoalition.org/article/5-errors-of-the-prosperity-gospel, zuletzt geprüft: 05.01.2017. Das Originalzitat lautet nach Jones: “When we pray, believing that we have already received what we are praying, God has no choice but to make our prayers come to pass. . . . It is a key to getting results as a Christian.”

(9) Matthäus 25,37-39.

(10) Matthäus 25,34.

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