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Das Geistliche Wort | 20.09.2015 | 08:40 Uhr

Das freiwillige diakonische Jahr

O-Ton 1 Emma Kogelboom: Die Idee war eigentlich daraus entstanden, dass ich gesagt habe, ich möchte nicht direkt weiter mit dem Lernen machen, also dieses nach der Schule direkt ins Studium zu gehen, war mir ein bisschen schnell, weil man ja weiß, man lernt dann auf jeden Fall noch mal so ja fünf, sechs Jahre weiter, und ich wollte halt für mich so ´ne kleine Pause haben, wo ich eben in einem ganz anderen Bereich noch mal Erfahrungen sammeln kann, als das, was ich bisher kennen gelernt hab.

Autorin: Sagt Emma, eine von sieben Jugendlichen, mit denen ich über ihre Erfahrungen mit dem freiwilligen diakonischen Jahr spreche. Die meisten machen es wie Emma direkt nach dem Schulabschluss. Weil sie gern reitet, hat Emma sich als Arbeitsfeld das Therapeutische Reiten Bethel ausgesucht.

O-Ton 2 Emma Kogelboom: Wo ich wirklich Menschen mit Behinderungen habe, wo ich aber auch verhaltensauffällige Menschen antreffe, die irgendwie psychische Belastungen haben, und mit denen arbeiten kann. Und das war für mich so der Reiz, wo ich gesagt hab, da sammelt man einfach ganz andere Erfahrungen und ´ne ganz andere Offenheit draus, und man lernt auch noch mal ´ne Menge über sich selbst, wie man auf andere wirkt.

Autorin: Guten Morgen! Mein Name ist Sabine Haupt-Scherer, ich arbeite als Pfarrerin im Amt für Jugendarbeit der evangelischen Kirche von Westfalen.

In jedem Lebensalter stellt sich die Frage: Wer bin ich? Wer will ich sein? Wofür will ich stehen – im Beruf und privat? Wer will ich gewesen sein, wenn ich einmal tot bin? Fragen, die uns alle umtreiben – immer wieder neu. Zu Ende kommen wir damit nie.

Doch gerade an der Schwelle von der Schule zum Berufsleben sind diese Fragen drängend: Was für einen Beruf will ich haben? Wo ist mein Platz in dieser Welt? Wer bin ich außer dem, was ich ohnehin schon von mir weiß? Die Freiwilligendienste bieten an dieser Stelle Unterstützung. So auch das freiwillige diakonische Jahr. Trägerin des diakonischen Jahres sind die evangelischen Kirchen. In der westfälischen Landeskirche wird es vom Amt für Jugendarbeit organisiert. Das freiwillige diakonische Jahr besteht aus der einjährigen freiwilligen Mitarbeit in Institutionen von Kirche und Diakonie einerseits und der pädagogischen Begleitung durch Seminare und individuelle Gespräche andererseits. Udo Bußmann, Leiter des Amtes für Jugendarbeit:

O-Ton 3 Udo Bußmann: Das diakonische Jahr ist für mich ein sehr intensives Bildungs- und Orientierungsjahr, nach dem Gesetz für junge Menschen von 16-27 – ich sag jetzt mal nach der Schulausbildung, in dem junge Menschen Einrichtungen erleben, Menschen erleben, die sie persönlich weiterbringen.

Autorin: 1954 wurde unter dem Motto „Gib ein Jahr für Gott und den Nächsten!“ das erste Mal zum diakonischen Jahr aufgerufen, 1958 zum ersten Mal in Westfalen. In den 68er Jahren wurde dieses Motto in Frage gestellt, nicht aber das diakonische Jahr selbst.

Musik 1: Track 2 People Help The People von Maxi-CD Birdy, Interpretin: Birdy, Komponist: Simon Aldred; Produzent: James Ellis Ford, Copyright: 2012 Jasmine Van Den Bogaerde under exclusive licence to Warner Music UK Limited © 2012 Warner Music UK Limited. A Warner Music Group Company, Barcode: 825646542109; Label Code: LC 14666.

Autorin: Die meisten, die sich heute für das freiwillige diakonische Jahr entscheiden, wissen zunächst nicht, was sie beruflich machen wollen.

O-Ton 4 Emily Louise Postler: Ich muss ehrlich sagen, dass ich überhaupt keine Idee hatte, was ich – also ich hatte zwar schon Ideen, aber keinen gewissen Schwerpunkt. Und ich hab es als Chance gesehen, mal mehr zu lernen und ich hatte auch gehofft, dass mir das in meiner Entwicklung weiterhilft, und deswegen habe ich mich auch entschieden, etwas mit Menschen zu machen, wo man auch mit Menschen tagtäglich zu tun hat und wo immer jede Situation neu und anders ist, die man immer wieder neu interpretieren muss und deswegen habe ich das auch als Chance auch wahrgenommen und so sehe ich das auch heute noch.

Autorin: Sagt Emily Louise. Andere wollen ihre Entscheidung überprüfen und schon vor dem Studium praktische Erfahrungen sammeln.

O-Ton 5 Lea Müller: Ich hab das diakonische Jahr gemacht, weil ich einfach einen Einblick bekommen wollte. Ich weiß schon, was ich machen will: Ich möchte Sonderpädagogik studieren und habe mich deswegen auch für einen Platz an einer Schule mit körperlich und geistig behinderten Kindern beworben und das hat mich einfach in meiner Entscheidung total bestärkt, und ich weiß jetzt einfach, was mich später auch erwarten wird und ich denke, das ist auch ´ne gute Voraussetzung für das Studium.

Autorin: Allen ist klar, dass der Beruf in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielen wird, nicht nur aufgrund der Zeit, die sie mit ihm verbringen werden. Noch einmal Udo Bußmann vom Amt für Jugendarbeit der westfälischen Kirche:

O-Ton 6 Udo Bußmann: Beruf ist ja im Leben eines Menschen - ich finde sollte es etwas doppeltes sein: Zum einen ist: damit erwerben wir die Mittel zum Leben, sprich: das Geld, das wir brauchen, um in dieser Welt zu existieren. Aber auf der anderen Seite ist Beruf eine Sinndimension – hoffentlich für die meisten Menschen, dass sie das Gefühl haben, dass sie sich aktiv an der Gestaltung dieser Welt beteiligen können.

Autorin: Beruf hat eben auch damit zu tun, wer ich sein will und wofür ich stehen will, was mir wichtig ist, wovon ich beseelt und begeistert bin – wozu ich mich berufen fühle. Von dieser Begeisterung konnte ich etwas spüren, als ich Freiwillige nach ihrem schönsten Erlebnis im diakonischen Jahr gefragt habe – und ich konnte es in ihren Gesichtern leuchten sehen:

O-Ton7 Lea Müller: Das schönste Erlebnis war für mich, als ich gesehen habe, wie nach zwei, drei Monaten – ich arbeite in einer Klasse mit Schwerbehinderten, wo man dann gemerkt hat, dass die anfangen, einem zu vertrauen und (…) wie ein Kind, wo alle sagen, die kann kein richtiges Vertrauen aufbauen, wo die mich einfach umarmt hat, und das war für mich eigentlich so das schönste Erlebnis in dem ganzen Jahr, zu sehen , dass wenn man geduldig mit den Kindern ist, wenn man mit denen arbeitet, dass man dann es schafft, das Vertrauen zu gewinnen.

O-Ton 8 Emma Kogelboom: Ein spezielles schönstes Erlebnis nicht, aber ich finde es immer wieder total faszinierend, wenn wir mit den Klienten mit dem Pferd arbeiten, da zu sehen, wie das verändert. Also wie viele Kinder, die sich am Anfang gar nicht trauen, so ans Pferd dranzugehen, drauf zu gehen. Die sitzen drauf und das Pferd fängt an zu laufen und – die kriegen so´n Strahlen ins Gesicht – ganz zurückgezogene Kinder auch teilweise, die dann plötzlich ganz offen werden und dir ganz viel erzählen. Aber auch bei den stark behinderten Menschen, wo man aber trotzdem sieht, die sind eigentlich ganz zurückgezogen in sich und nehmen auch gar keinen Kontakt zur Außenwelt auf, die sitzen auf dem Pferd, und so nach fünf Minuten, wenn man dann Schritt gegangen ist, kommt plötzlich so auf ihre ganz eigene Art so eine Freude ans Licht, und die gucken mal wieder in der Gegend rum und gucken raus und nehmen alle möglichen Eindrücke wahr - und das ist wirklich was, wenn man das miterlebt, ich find, das ist echt unbezahlbar.

Autorin: „Flow“ nennt man das, was Emma und Lea beschreiben: einen Zustand, wo Bewusstsein und Handeln, Spaß und Sinn zusammen kommen. Wo sich das Gefühl einstellt: endlich passt alles zusammen: etwas für sich und andere zu tun, etwas zu geben und etwas zurückzubekommen. So kann Beruf zur Lebensaufgabe werden, kann erfüllen und begeistern. Martin Luther hat vom Gottesdienst im Alltag der Welt gesprochen.

O-Ton 9 Anika Goebel: Ich finde, man merkt bei der Arbeit einfach, dass man gebraucht wird und dass die es schön finden, wenn man denen hilft, und das befriedigt einen einfach so und bestärkt einen in seiner Arbeit, und das tut dann einfach gut, das zu wissen, dass es sinnvoll ist, was man tut.

Musik 2 = Musik 1

Autorin: Diese Lebensaufgabe zu finden, ist nicht nur eine Sache der persönlichen Entscheidung. Es ist christlich gesprochen etwas, das mir zufällt, wozu ich berufen bin. Die Bibel erzählt davon, wie Jesus seine Schüler und Mitstreiter, seine „Jüngerinnen und Jünger“ berufen hat. Am See Genezareth hat er Fischer angesprochen und von ihrem Broterwerb weg zu Jüngern berufen mit den Worten: „Von nun an sollt ihr Menschenfischer sein“. Es gehört zu den großen Wundern, dass Jesus Menschen befähigt, ihre Familie und ihr soziales Milieu, Heimat und Zuhause zu verlassen, um Neues anzufangen. Dabei sind die Fähigkeiten, die man schon erworben hat, nicht umsonst. Was einen guten Fischer ausmacht: Geduld, Wachsamkeit, Langsamkeit und Ausdauer, daran können sie als Menschenfischer anknüpfen.

Der Mensch lebt nicht von dem, was er erarbeitet, um zu leben. Was ein Mensch ist, ergibt sich aus der Wahrheit, die in ihm liegt und zu der er berufen ist. Vielleicht kann man einen Menschen überhaupt am besten daran erkennen, was ihn innerlich anspricht und was ihn in Gang bringt und welche Interessen ihn leiten. Menschenfischer sein – etwas mit Menschen zu tun haben, das ist auch den jungen Menschen im freiwilligen diakonischen Jahr wichtig:

O-Ton 10 Emma Kogelboom: Ich hab immer schon gern mit Menschen was gemacht, also dieses mit Menschen sich beschäftigen, für andere Menschen auch mal was machen ein Stück weit und ich hab ganz viel ehrenamtliche Arbeit in der Kirche gemacht während meiner Schulzeit, und daraus ist das so ein bisschen entstanden, wo ich gemerkt hab, dieses für andere was machen, was organisieren, das macht mir Spaß und gibt mir auch was zurück. Also ich geb da nicht nur bei der Arbeit und kümmere mich um alle und versuche, was für andere zu tun, sondern ich kann daraus auch ganz viel für mich zurücknehmen und bekomm da ganz viel zurück.

Autorin: Das freiwillige diakonische Jahr steht in der Evangelischen Kirche von Westfalen unter dem Logo „Jünger“, das sich das Amt für Jugendarbeit gegeben hat. Es spielt dabei mit der Doppelbedeutung von „jung sein“ und „Jünger / Jüngerin sein“: jemand, der oder die sich von Jesus zu einem Menschenfischer machen lässt.

Musik 3 = Musik 1

Autorin: Am Ende des Jahres hat sich viel bewegt und viel geklärt:

O-Ton 11 Emanuele Sortino: Ich hatte einfach überhaupt gar keine Ahnung, was ich so später im Leben machen wollte und deswegen habe ich das diakonische Jahr halt genutzt, um mich ein bisschen zu orientieren, was ich später mal im Leben gern machen möchte und – ja, das hat auf jeden Fall sehr gut geklappt, weil ich mir jetzt einen Beruf ausgesucht habe – nämlich den Beruf des Erziehers. Das ist für einen Mann ja sehr, sehr ungewöhnlich. Aber es macht mir Spaß, und das hab ich halt im diakonischen Jahr erst gemerkt.

Autorin: Berufswünsche sind deutlicher, Lebensziele klarer geworden. Das Zutrauen in sich selbst ist gewachsen. Nicht, dass ein Endpunkt erreicht wäre, eher ein Doppelpunkt: eine Basis, von der aus man weitergehen kann. Mich haben die jungen Leute, die ich interviewen durfte, sehr beeindruckt. Ich bin sicher, dass sie ihren Platz im Leben finden werden; und ich wünsche ihnen, dass sie die Frage, wer sie sind und wofür sie stehen wollen, beantworten können, möglicherweise immer wieder neu.

Und das wünsche ich auch Ihnen, die Sie zuhören: dass Sie finden, wofür Sie stehen wollen, was Ihre Begeisterung und Ihre Berufung ist, wo Sie im Leben Sinn finden und etwas zurückbekommen, wo Sie Leben gestalten können. Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie immer wieder auf die Suche gehen, um zu herauszufinden, wer Sie sind außer dem, was Sie ohnehin schon von sich wissen. Und dass Sie das finden, was für Sie glückliches Leben ausmacht.

Ich verabschiede mich von Ihnen, Pfarrerin Sabine Haupt-Scherer aus Bielefeld.

Musik 4 = Musik 1

Weitere Informationen:

www.diakonisches-jahr-westfalen.de

http://www.diakonie.de/thema-kompakt-freiwilliges-soziales-jahr-14236.html

http://www.ev-freiwilligendienste.de/start/

Verwendete Literatur:

Konzept des freiwilligen diakonischen Jahres im Amt für Jugendarbeit.

Eugen Drewermann: Das Markusevangelium. Erster Teil. Bilder der Erlösung. Olten 1987.

Stephan Marks: Die Kunst, nicht abzustumpfen. Hoffnung in Zeiten der Katastrophen, Gütersloh 2001.

Interviewpartner/innen:

Udo Bußmann, Landesjugendpfarrer, Leiter des Amtes für Jugendarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen

Emma Kogelboom, Kristina Feichner, Annika Goebel, Lea Sophie Müller, Emily Louise Postler, Erik Springer, Emanuele Sortino

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