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Kirche in WDR 5 | 30.03.2016 | 06:55 Uhr

Das grüne Band

Guten Morgen! Mitten durch Deutschland zieht sich seit 25 Jahren eine Art Osterwunder: Das grüne Band wird der Landstreifen genannt, der sich vom Vogtland im Süden über die Rhön, den Harz, das Wendland bis zur Lübecker Bucht an der Ostsee zieht. Von 1949 bis 1989 stießen hier West-und Ostdeutschland aneinander. 3000 Kilometer Zaun, 200 Kilometer Mauer bildeten die Grenze. Auf der DDR-Seite standen 850 Wachtürme. Tag und Nacht kontrollierten Soldaten die Grenze. Ein Minenfeld mit Selbstschuss- und -tötungsanlagen, ein PKW-Sperrgraben, ein Kolonnenweg für Patrouillenwagen und ein fünf Kilometer breiter Streifen grünes Niemandsland machten sie unüberwindlich. Die Wiesen wurden regelmäßig gemäht, damit die Sicht freiblieb und Flüchtlinge entdeckt wurden.

Dieser Todesstreifen wurde nach 1989 zur Lebensader mitten in Deutschland. 100 verschiedene Biotope bieten Lebensraum für Tier-und Pflanzenarten, die fast überall in Europa bedroht sind. Dazu gehört das Braunkehlchen. Es findet in den mageren Wiesen mit dem hohen Grasbestand ideale Nistbedingungen. In den Feuchtgebieten, die der Natur überlassen wurden, weil kein Mensch sie betreten durfte, pflanzt sich heute der Moorfrosch fort, und die wenigen Wachtürme, die zur Erinnerung und Mahnung stehengelassen wurden, sind Heimstatt für Turmfalken und Fledermäuse.

Die gleichen Männer, die zu DDR-Zeiten als Grenzer gearbeitet haben, die Republikflüchtlinge ausspähen und zurückrufen oder gewaltsam zurückholen mussten, die gleichen Männer, beobachten heute durch ihr Fernrohr Luchse, die auf dem Gebiet des Grünen Bands ausgewildert wurden. Und sie bestätigen: Die einstmals fast ausgestorbene Wildkatze vermehrt sich wieder. Vor 1989 konnte der Westkater die Ostkatze nicht besuchen. Der Zaun war ein unüberwindbares Hindernis. Mit dem Fall der Grenze sind die Lebensräume wieder verbunden. Wildkatzen können sich nach Herzenslust begegnen und vermehren. Die Grenzer von früher sehen heute ohne Neid den Störchen zu, wie sie von Ost nach West fliegen. Sie leben auf Schornsteinen in östlichen Dörfern und holen die Nahrung aus dem Westen. Gerade andersherum macht es der Seeadler: Er nistet und brütet im Wendland und fliegt nach Sachsen-Anhalt, um dort Beute zu machen. Diese Vögel waren schon früher Grenzgänger zwischen Ost und West. Für sie, die fliegen konnten, gab es die Todesgrenze nicht.

Für Menschen gibt es sie heute nicht mehr. Für mich ist 1989 ein Wunder geschehen. 30 Jahre war ich alt und hätte nie gedacht, dass diese Grenze einmal fallen würde. Meine Kinder sind in den frühen 90er Jahren geboren und ohne Mauer, Stacheldraht und Todesstreifen aufgewachsen. Sie studieren mit Jugendlichen aus Pommern, Sachsen und Brandenburg. Sie unterscheiden kaum noch Ossies oder Wessies. Ich hingegen bin immer noch berührt, wenn ich selbstverständlich nach Berlin oder Greifswald reisen oder auf dem Grünen Band radfahren oder wandern kann.

Zäune abreißen, schafft Lebensraum. Mitten in Europa kann man das erleben. Doch an vielen Stellen werden heute wieder Zäune errichtet. Das schmerzt mich. Denn ich will doch, dass Leben blühen kann. Ich sage meinen Kindern: Wehrt Euch gegen Mauern und Zäune in Euren Köpfen und Herzen, an Euren Arbeitsstellen, in Euren Familien, Städten und Dörfern. Setzt Euch stattdessen dafür ein, dass Lebensadern entstehen wie das grüne Band, das sich mitten durch Deutschland zieht.

Es verabschiedet sich Kathrin Koppe-Bäumer, Pfarrerin aus Meschede.

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