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Sonntagskirche | 17.08.2014 | 08:55 Uhr

Das Grüne-Wiese-Apsis von S. Apollinare in Classe

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!

Es ist nicht mehr viel da. Wo früher ein gewaltiger Hafen war, wo Schiffe aus aller Herren Länder festmachten, wo schon vor 1500 Jahren bis zu 50.000 Menschen lebten - da ist heute nichts. Trockene Wiesen, vereinzelte Häuser, die brütende Hitze der Adria, deren Küste längst einige Kilometer weiter liegt. - Willkommen in Ravenna, willkommen zur dritten Station unserer „Ohrenreise durch Italien“, zu der ich Sie an diesen August-Sonntagen einlade. Zu besonderen Orten, die es lohnen, sie nicht nur mit Kamera und Kurzabhandlung im Reiseführer zur Kenntnis zu nehmen - sondern ihre Bilder und Atmosphäre, ihre Geschichte und bleibende Botschaft an sich heranzulassen. Nach Venedig und der Benediktinerabtei Praglia bei Padua geht es an diesem Sonntag weiter südlich, Richtung Rimini an der Ostküste Italiens entlang.

Da liegt Ravenna. Das heißt: Da lag dieses große Hafengebiet, das im Lauf der Jahrhunderte einfach versandet ist. Und mittendrin in diesem vertrockneten Areal liegt das einzige Gebäude, das bewahrt und gehütet werden konnte: die gewaltige Basilika San Apollinare. Genauer gesagt: San Apollinare „in classe“, „am Hafen“. Eines von sieben Bauten in Ravenna, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören.

Was gleich nach dem Betreten Haut und Kreislauf gut tut: die erfrischende Kühle in dem weiten, langen und schlichten Raum. Die zweite Wohltat springt unmittelbar danach in Auge und Seele: das gewaltige Mosaik in der Apsis, 1500 Jahre alt. Im oberen Teil - wie gewohnt - viel Gold für den himmlischen Bereich, aber darunter, mehr als die Hälfte der Fläche: Grün! Grüne Weiden und Wiesen, Bäume, Büsche, Blumen und - weiße - Schafe. Jede Menge davon. Und in der Mitte ein Mann in weißem Gewand: Apollinaris, ein Bischof aus dem ersten Jahrhundert, Patron dieser Kirche. Ein Hirte, ein Hütemann. Seine weit ausgestreckten Arme sind Gebetshaltung - und wirken zugleich bergend, sammelnd, umarmend. Eben hütend. Ein Bischofsbild, ein Gottesbild, ein Menschenbild. Was tut das gut!

Mir klingt im Wort vom Hüten noch ein anderer Klang mit, der sich ängstlich und bequem auf die Verantwortlichkeit nur für sich selbst zurückzuziehen scheint: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“, fragt Kain im Alten Testament Gott, nachdem der ihn seinerseits fragte, wo denn sein Bruder Abel sei. Doch Abel ist tot. Kain hat ihn erschlagen - aus Neid, aus Eifersucht. „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ - Diese Frage nach der Zuständigkeit ist wohl nicht von ungefähr die erste Frage eines Menschen in der Bibel. Auf die hütende Frage Gottes kontert er mit einer Frage-Antwort, einem Anti-Wort.

Gott zeichnet dem Kain das Kainsmal auf die Stirn - aber nicht als Ausgrenzungszeichen, nicht als Mahn-Mal seiner Sünde und göttlicher Absonderung, nicht als Warnung für alle anderen, sondern als Hüte-Zeichen. Als Zeichen, das nun Kain behüten soll, „damit ihn keiner erschlage“, wie es im ersten Buch der Bibel heißt. Selbst da, wo er selber nicht Hüter seines Bruders war, wird ihm doch Obhut zuteil. Das ist die Logik Gottes.

Und so sind in dem grünen Apsis-Mosaik von San Apollinare in Classe nur weiße Schafe zu sehen - nicht ein schwarzes, vermeintlich verlorenes, auch wenn einige sich etwas oberhalb der Herde abgesondert haben, versteckt in den grünen Büschen. Wahrscheinlich sind manche, die wir schnell als schwarze Schafe verstoßen, bei Gott alles andere als verloren oder gescheitert. ...

Ein echtes Trostbild, das besonders, aber nicht nur für Bischöfe gilt. Behutsam miteinander und mit sich selbst umgehen, Hüter der Schöpfung sein - darum geht es. Nicht vor jedem und allem auf der Hut zu sein, nicht sich selber und seine Anvertrauten festbinden - an sich oder ängstliche Regeln, sondern Mut zur Weite zeigen und gewähren, zum Hinausgehen und Reifen. „Nur wer mit Liebe dient, weiß zu behüten“, sagte Papst Franziskus in seiner Antrittspredigt als Bischof, als Hirte von Rom. Selbst wenn man vieles nicht bewahren kann und manches im Sand verläuft - wie Ravenna und seine Hafenstadt: Der weiße Hirte von San Apollinare in Classe steht noch immer da. Und breitet seine Arme aus, liebevoll.

Und so ist mein Wunsch für Sie nicht, stets auf der Hut zu sein. Ich wünsche Ihnen vielmehr dies: Seien wohl behütet - nicht nur an diesem Sonntag! Aus Münster verabschiedet sich Ihr Markus Nolte.

(Copyright Vorschaubild: Markus Nolte, Münster)

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