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Das Geistliche Wort | 15.06.2014 | 08:40 Uhr

Das Privileg des Lebens

Musik 1: Track 5 „Money“ von CD „The Dark Side Of The Moon“, Pink Floyd,

Parlophone Label Group, Remastered 2003, LC 00542.

Sprecherin: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“ (Lukas 12,48)

Autor: Ein Zitat aus dem Lukas-Evangelium. Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer. Ich heiße Michael Opitz und bin evangelischer Pfarrer in Düsseldorf.

Vor ein paar Wochen flatterte mir wieder mal ein Brief meiner Versicherungsgesellschaft ins Haus. Meist bleibt solche Post bei mir erst mal eine Weile liegen oder wandert – als Werbung verdächtigt – sofort in den Papierkorb… Aber dieses Mal öffnete ich das Schreiben sogleich und las: „Wollen Sie Ihre Hausratversicherung nicht erhöhen?“

Ich wurde nachdenklich und fing an zu vergleichen: Vor 15 Jahren eine kleinere Drei-Zimmer-Wohnung mit Balkon – jetzt ein relativ großes Haus mit großem Garten. Damals Möbel einer schwedischen Einrichtungskette – heute auch teurere Stücke aus dem Möbelhaus. Früher Radio, CD-Player und kleiner Farbfernseher – jetzt großer Flatscreen, Blu-Ray-Recorder und kabellose Hi-Fi-Anlage. Damals das eine große Bücherregal – heute so viele Bücher, dass mir vor einem erneuten Umzug graust…

Passte die Habe vor 15 Jahren noch in einen kleineren Transporter, so bräuchten wir heute einen großen Möbelwagen. So einfach wie damals lebe ich nicht mehr. Wohlhabender. Auch glücklicher?

Sprecherin: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz…“ (Matthäus 6,21)

Autor: … wird den Menschen von der Bibel ins Stammbuch geschrieben. Glücklich also der Mensch, der weiß, wo sein Schatz ist… Und was sagt noch mal das Lukasevangelium zum Thema „Besitz“:

Sprecherin: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“ (Lukas 12,48)

Musik 2 = Musik 1

Autor: Vor 15 Jahren zahlte ich auch noch nicht so viel Steuern. Da lohnte sich der Steuerjahresausgleich kaum. Heute wird mir mehr als ein Drittel meines Gehaltes gleich abgezogen. Wie andere stöhne ich manchmal darüber – aber wirklich ungerecht finde ich es eigentlich nicht.

Sprecherin: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Autor: … so heißt es in Artikel 14 unseres Grundgesetzes. (Absatz 2) Ich finde es gut, dass dieser Satz im Grundgesetz steht und beziehe ihn auch auf mich. Ich verdiene gut, anderen geht es schlechter als mir – da bin ich auch bereit, abzugeben, Steuern zu zahlen. Doch immer mehr gewinne ich den Eindruck: Damit gehöre ich zu den „Dummen“ im Lande! Wer zahlt denn noch all seine Steuern?

Sprecherin: „Steuern sparen wie ein Profi“…

Autor: …heißt es - oder:

Sprecherin: „So greifen Sie dem Staat gekonnt in die Tasche…“

Autor: Eine Flut von Geld-Ratgebern überschwemmt den Büchermarkt. Wer „schlau“ ist, macht Verluste, nutzt alle Abschreibungsmöglichkeiten oder bringt sein Geld gleich zu einer verschwiegenen Bank in der Schweiz.

Sprecherin: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen…“

Autor: Aber vermutlich wird man nichts mehr finden, weil es ins Ausland gebracht wurde oder jemand damit versteckte Anlagengeschäfte tätigt. Ich glaube, es geht nicht nur um einen Sport namens: „Das Finanzamt austricksen“, sondern dahinter steckt auch ein Glaubensbekenntnis: „Um jeden Preis festhalten, was du hast!“ oder noch besser: „Soviel herausholen wie möglich!“

Musik 3 = Musik 1

Autor: Soziologen sprechen vom „homo oeconomicus“, vom „modernen Marktmenschen“. Der moderne Marktmensch setzt auf die Endlosigkeit der Geldvermehrung und zugleich darauf, dass sein Leben ewig währt. Sein Leitbild ist der sagenhafte König Midas aus der Antike. Die Götter gewähren ihm ein Geschenk, das er sich selbst aussuchen darf.

Midas wünscht sich:

Sprecherin: „Alles, was ich mit dem Leib berühre, soll sich in blankes Gold verwandeln.“

Autor: Er bricht einen Zweig vom Baum ab. Sogleich verwandelt der sich in Gold. Er hebt einen Stein auf, er berührt die Erde – alles wird zu Gold. Schließlich decken ihm Diener den Tisch, mit den herrlichsten Früchten und Speisen. Doch der Apfel, den Midas essen will, wird zu Gold, er beißt nicht ins Brot, er beißt auf Gold…

Musik 4 = Musik 1

Autor: Das Leben „auskosten“ – das ist das Eine. Das Leben mitten im Leben schon zu verlieren, aus Habgier – das ist das Andere. Der Psychologe Erich Fromm hat das so formuliert:

Sprecher: „Möge uns der Tod lebendig finden, und das Leben uns nicht tot.“

Autor: Wenn du die nötige Distanz zu deinem Erfolg verloren hast, wenn dir Besitz alles geworden ist und du deine Seele an ihn verkauft hast, dann stirbst du, bevor du eigentlich tot bist.

Musik 5: Track 5 „Can’t Buy Me Love“ von CD “The Beatles – 1”, The Beatles,

EMI, 2000, LC 0299

Sprecherin: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“

Autor: Von wem ist hier eigentlich die Rede? Wer sucht und wer fordert? Dass es hier nicht (nur) um Steuern und das Finanzamt geht, spüren wir alle. Doch dass ich für das, was ich bin und habe, verantwortlich bin, dass ich einmal gefragt werden könnte, was ich mit meinem Leben angefangen habe – all das scheint heute wie ein Gedanke aus einer anderen Welt zu sein.

Stattdessen höre ich allerorten Sätze wie:

Sprecherin: Man lebt nur einmal. - Was ich jetzt verpasse, habe ich für immer verpasst. - Das Leben ist die letzte Gelegenheit.

Autor: Die Dichterin Eva Zeller hingegen ruft zu einem „Leben der verpassten

Gelegenheiten“ auf:

Musik 6: Track 3 „Little Person“ von CD “Weltentraum”, Michael Wollny Trio,

ACT 2014, LC 07644

Sprecherin:

„Ich bitte dich um alles in der Welt:

Halte dich nicht schadlos.

Zieh den Kürzeren.

Lass dir etwas entgehen.“

Autor: Mir scheint, dass in unserer Gesellschaft eine Grundlage menschlichen Lebens weithin aus dem Blick geraten ist. „Was hast Du, was Du nicht empfangen hast“, fragt der Apostel Paulus. Ich habe mich nicht selbst erschaffen, sondern ich bin Geschöpf. Ich habe mir nicht alles selbst erarbeitet, sondern das meiste verdanke ich anderen. Ich habe mir mein Leben auch nicht zusammengekauft – so nach dem Motto: „Be now – buy now“, „Sei, indem du kaufst“ – wie ich kürzlich in einer Anzeige gelesen habe. Nein, das ist es nicht. Sondern das, was im Leben wirklich zählt, ist mir geschenkt worden.

Was habe ich mit diesem Geschenk, mit diesem Kapital gemacht?

Oder mit den Worten des Hauptmanns von Köpenick gefragt:

Sprecher: „Und denn stehste vor Gott, dem Vater, (…) und der fragt dir ins Jesichte: Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein Leben? Und da muss ick sagen – Fußmatte. Die hab ick jeflochten im Jefängnis. (…) Jeh wech, sagt [Gott]. Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt (...).“

(Carl Zuckmayer, Der Hauptmann von Köpenick, S. 106f, Fischer Verlag)

Autor: „Wat haste jemacht mit dein Leben?“ Wir haben viel bekommen. Das Wichtigste, das Kostbarste: Zeit, Lebenszeit. Jeden Tag 1440 Minuten, 8760 Stunden im Jahr. Mehr als ich nutzen oder genießen kann. Gesundheit und Arbeitskraft, ein Herz zum Mitfühlen und einen Kopf zum Nachdenken. Ohne mein Zutun bin ich in Mitteleuropa, einem bevorzugten Winkel der Erde, geboren.

Vom Krieg bin ich verschont worden, ich musste nicht fliehen, ich muss nicht hungern, ich konnte lange zur Schule gehen, sogar studieren, ich habe eine sinnvolle Arbeit.

Lauter Privilegien! Stecke ich sie ein wie einen Besitz oder weiß ich, dass ich dafür auch eine Verantwortung habe? Ich bin überzeugt: Alles, was wir tun, auch alles, was wir lassen, hat Folgen. Ob es Bestand hat, können wir selbst nicht beurteilen.

Aber einmal kommt heraus, wie es um das eigene Leben steht oder stand.

Einmal wird die Wahrheit ans Licht kommen, sagt der Apostel Paulus.

Sprecherin: „Jetzt sehen wir alles nur wie in einem Spiegel und wie in rätselhaften Bildern; dann aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Wenn ich jetzt etwas erkenne, erkenne ich immer nur einen Teil des Ganzen; dann aber werde ich alles so kennen, wie Gott mich jetzt schon kennt.“ (1. Korinther 13,12)

Autor: Einmal wird die Wahrheit sichtbar werden. Aber nicht durch meinen Kontoauszug. Das wäre eine erbärmliche Wahrheit. Einmal wird sich mir bewahrheiten, was ich in Gottes Augen bin: lieb und teuer. Ich bin frei, dieses von Gott geschenkte Leben auszukosten, seine Früchte zu genießen und darin das Schwere und den Schmerz zu erfahren. Und ich bin auch frei, mich von den vielen Möglichkeiten, wie ich mein Leben gestalten kann, nicht abhängig zu machen.

Ich kann lernen, etwas aus der Hand zu geben, zu teilen, zu schenken, auch Dinge, an denen ich hänge.

Ich kann lernen, im Erfolg bescheiden zu bleiben und Misserfolge gelassen hinzunehmen. Ich kann lernen, mich nicht für unersetzlich zu halten. Ich kann lernen. andere ernst und mich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Und ich kann lernen: Es gibt gar kein menschliches Urteil über mich oder andere in letzter Instanz. Das letzte Wort hat Gott. Ich hoffe, es wird ein gnädiges Wort sein.

Ach was, ich hoffe - ich vertrau darauf. Auf den Gott der unbedingten Liebe.

Der Dichter Lothar Zenetti hat ihn und seine Geschenke an uns wunderbar beschrieben:

Sprecherin:

„Einmal wird uns gewiss

die Rechnung präsentiert

für den Sonnenschein

und das Rauschen der Blätter,

die sanften Maiglöckchen

und die dunklen Tannen,

für den Schnee und den Wind,

den Vogelflug und das Gras

und die Schmetterlinge,

für die Luft,

die wir geatmet haben,

und den Blick auf die Sterne

und für alle die Tage,

die Abende und die Nächte.

Einmal wird es Zeit,

dass wir aufbrechen

und bezahlen.

Bitte die Rechnung.

Doch wir haben sie

ohne den Wirt gemacht:

Ich habe euch eingeladen,

sagt der und lacht,

so weit die Erde reicht:

Es war mir ein Vergnügen!“

(aus: Lothar Zenetti, Leben liegt in der Luft, S. 14, Grünewald 2007)

Autor: Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.

Genießen Sie das Kostbarste: Das Leben.

Ihr Michael Opitz von der evangelischen Kirche.

Musik 7: Track 2 „11.03.“ von CD “Cruisen”, Thomas Siffling Trio,

Jazznarts Records, 2009, LC 11171

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