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Hörmal | 02.09.2018 | 07:45 Uhr

Das Wunder vom Ebertplatz

Wunder geschehen ja viel zu selten. Aber ich habe eins mitbekommen. In diesem Sommer. Es geschah in Köln, am Ebertplatz. Jeden Morgen steige ich da aus der Ubahn auf meinem Weg ins Büro beim WDR. Der Platz ist wahrlich keine Zierde: Verwinkelt, verbaut und betonverschalte Nachkriegstrostlosigkeit. Ein verkommener Ort. Ich habe über die Jahre mitbekommen, wie sich Drogendealer den Platz untereinander aufgeteilt haben. Dann geschah im letzten Herbst ein Mord und der Platz wurde in der Boulevardpresse zur „No-Go-Area“ erklärt. Wenn ich abends auf dem Heimweg in die U-Bahn stieg, hörte ich, wie Touristen sich darüber unterhielten, ob es sicher sei, über den Platz zu gehen. Die Stadt hatte längst ein Imageproblem wegen des Ebertplatzes.

Dabei lag die Rettung mitten auf Platz selbst. Denn in der Mitte des Platzes erhebt sich ein großer Brunnen, gestaltet von Wolfgang Göddertz aus dem Jahr 1977. Der Brunnen ist der eigentliche Hingucker, die Fontänen so groß, dass man darin Planschen kann. Aber schon seit 20 Jahren war der Brunnen außer Betrieb. Trostlos, mit Graffitis beschmiert, fristete er sein Dasein als riesige trockengelegte Stahlkonstruktion. Die Brunnenritzen dienten den Dealern als Drogenversteck. Tatsache aber war und ist: der Brunnen ist die eigentliche Mitte des Platzes – ist er verkommen, verkommt der Platz.

Den Brunnen wieder in Gang zu setzen, würde über 200.000 Euro kosten – so rechnete die Stadtverwaltung und hielt das lange Zeit für zu aufwendig. Lieber Tag für Tag Polizisten hinschicken, um den Platz im Griff zu halten, als den Brunnen zu reaktivieren.

Irgendwann aber war der Leidensdruck zu groß. Immer mehr forderten: „Stellt das Wasser wieder an!“ Und dann rückten in diesem Frühsommer endlich die Bauarbeiter an. Die Stadt investierte. Der Brunnen kam ans Laufen: Wasser marsch! Und dann geschah das Wunder vom Ebertplatz: Denn wie auf Knopfdruck ist der Platz jetzt bevölkert von plitschnassen Kindern, von begeisterten Eltern. Ich habe sogar schon Rollifahrer im Wasser planschen sehen. Das Viertel erobert sich seinen Ebertplatz zurück: Vom Schandfleck zum Hingucker. Alle posteten Bilder in den sozialen Netzen, weil sie nicht glauben konnten was da passiert war. Was ein sprudelnder Brunnen für eine Wandlungskraft besitzen kann!

Was die Stadtvorderen über die Jahrzehnte aus dem Blick verloren hatten: damit der Ebertplatz funktioniert, braucht es den Brunnen. Der Platz braucht diese sprudelnde Mitte. Und im Nachhinein sagen jetzt viele: Kein Wunder, dass der Platz über die Jahre verkommen ist. Aber ich wundere mich immer noch, dass das eigentlich so einfach war, sich wieder um ihn zu kümmern und zu beleben.

Und mir ist auch klar geworden:

Der Eberplatz mit seinem Brunnen ist ein Bild für vieles im Leben. Es ist alles da, aber wenn es keine sprudelnde Mitte hat, keinen aktiven Brunnen, dann verkommt es. Und das gilt nicht nur für die Stadtentwicklung, das gilt auch für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft und schließlich auch für mein eigenes Leben.

Es gibt sie oft, diese Plätze, auf denen über die Jahre die sprudelnde Mitte vertrocknet ist, vernachlässigt wird, aus dem Blick gerät. Ich kenne das von meinem Ebertplatz in mir. Es gibt Zeiten, da kostet es mich unglaubliche Kraft, Dinge nicht verkommen zu lassen: Freundschaften, Beziehungen, Kreativität. Lebensfreude. Und das hat, wenn ich ehrlich zu mir bin, sicher auch damit zu tun, weil ich eigentlich noch mal genauer hingucken müsste, was denn genau die Mitte ist, die sprudeln müsste, damit das Ganze von sich aus im Lot ist und nicht so viel Kraft kostet zu unterhalten. Leider ist das manchmal etwas unübersichtlicher zu sehen mit der sprudelnden Mitte als beim Brunnen auf dem Eberplatz.

Wie auch immer: Wenn ich jetzt morgens am Ebertplatz vorbei gehe, dann erinnere ich mich immer wieder daran, auf die sprudelnde Mitte zu achten und das nicht erst, wenn der Leidensdruck zu groß wird.

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