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Kirche in WDR 4 | 11.04.2015 | 08:55 Uhr

Den Finger in die Wunde legen

Guten Morgen!

Den Finger in eine Wunde zu legen – das passiert in Wirklichkeit zum Glück recht selten. Es ist auch sehr schmerzhaft.

Aber im übertragenen Sinne, da geschieht das viel öfter. Und dann ist es unangenehm, weil es einen Tabubruch darstellt. Dann wird nämlich etwas Verborgenes angesprochen, über das lieber geschwiegen werden sollte: Eine Peinlichkeit, ein Verstoß, ein Skandal und das vergiftet die Stimmung oder sogar das Zusammenleben insgesamt.

Den Finger sprichwörtlich in die Wunde zu legen, das lenkt auf jeden Fall die Aufmerksamkeit auf etwas Besonderes, auf etwas, das nicht unmittelbar einsichtig ist. Und genau davon erzählt auch ein Bericht in der Bibel.

Jesus hatte man Wunden geschlagen: Mit Händen und Füßen an ein Kreuz genagelt, wurde ihm schließlich auch noch mit einer Lanze in die Seite gestochen, um so seinen Tod sicherzustellen. Nach seiner Auferstehung erschien Jesus am Ostertag nun seinen Jüngern. Aber Thomas – so heißt es – sei nicht dabei gewesen. Als die Jünger ihm erzählen, der gekreuzigte Jesus sei auferstanden und ihnen erschienen, glaubt er ihnen nicht. Er verlangt klare Beweise und fordert Zeichen, die den auferstandenen Jesus eindeutig als den zuvor Gekreuzigten identifizieren. Er sagt (Joh 20,25): „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“

Seine Skepsis und sein Zweifel haben Thomas verständlicherweise den Beinamen „der Ungläubige“ eingebracht. Weiter heißt es dann (Joh 20,26f): „Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“

Der Clou dieser Erzählung für mich ist: Es bleibt offen, ob Thomas der Aufforderung Jesu folgt und tatsächlich seinen Finger in die Wunden Jesu legt, um damit das Verborgene der Auferstehung offenbar zu machen, oder ob er dies nicht tut. Es heißt nur, Thomas habe Jesus geantwortet (Joh 20,28): „Mein Herr und mein Gott!“ und habe sich damit als gläubig erwiesen.

Ich habe mich gefragt: Was würde es für das Christentum bedeuten, wenn da gestanden hätte: „Thomas legte seinen Finger in die Wunden Jesu – und glaubte.“ Die Erzählung wäre doch um ihre eigentliche Pointe gebracht. Warum noch an die Auferstehung Jesu glauben, wenn man sie doch beweisen kann durch Ertasten, also: Begreifen kann – im eigentlichen Sinne des Wortes.

Finger in die Wunden Jesu legen, das wäre Wissen statt Glauben. Damit wäre das Christentum eine Wissensreligion und keine Glaubensreligion mehr. Für mich wäre das ein tatsächlicher Tabubruch, weil die Auferstehung Jesu letztlich etwas Verborgenes ist und bleibt, eben ein Geheimnis. Und das kann ich glauben oder auch nicht. Aber beweisen kann ich es nicht. Die Herausforderung zu glauben oder nicht, die bleibt bis heute bestehen und verbindet mich mit diesem ungläubig-gläubigen Thomas.

Pater Philipp Reichling, Duisburg

Copyright Vorschaubild: Christus in Betanien Emil Nolde 1910 Playing Futures Applied..CCBY 2.0 flickr

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