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Das Geistliche Wort | 25.03.2016 | 08:35 Uhr

Den Namen heiligen

Autor: Blond ist sie und lächelt in die Kamera. 16 Jahre. Jung, unbeschwert. Das Leben liegt vor ihr. Mit 15 Mitschülerinnen und Mitschülern und zwei Lehrerinnen steigt sie in Barcelona in ein Flugzeug, das sie von einem Schüleraustausch zurückbringen soll nach Düsseldorf. Zurück nach Hause, zurück zu ihrer Familie, in ihre Schule. Das war vor einem Jahr.

Jetzt bin ich als Pfarrer in der Notfallseelsorge im Gespräch mit dem Großvater dieses Mädchens. Er vermisst seine Enkelin schmerzhaft. Hält ihr Bild in den Händen, erzählt davon, was sie miteinander unternommen haben und wie sie war. Das junge Mädchen starb gestern vor einem Jahr in den französischen Alpen, als ihr Flugzeug an einem Felsen zerschellte.

Der Großvater und die Eltern, die Angehörigen und die Freunde dieses Mädchens haben vor einem Jahr nicht fassen können, dass sie nicht zurückkehrte – und so wie sie trauerten viele weitere Familien um 149 Angehörige. Viele haben vergeblich am Flughafen gewartet, als sie die Nachricht vom Absturz erreichte. Dann begann das bange Hoffen. Vielleicht war meine Schwester, war mein Kind, war meine Frau doch nicht in dieser Maschine, vielleicht sind sie ja später geflogen oder haben durch ein Wunder überlebt. Erst nach Tagen, bei manchen erst nach Wochen wurde aus dem Unfassbaren Gewissheit, auch für den Großvater, mit dem ich spreche: Niemand hat überlebt, auch seine Enkelin nicht.

Das Foto des aufgeweckten, jungen Mädchens macht mich sprachlos. Oft habe ich selbst am Bahnhof oder am Flughafen gestanden und gewartet. Dann kam eines meiner Kinder von einer Klassenfahrt oder einem Auslandsaufenthalt zurück. Das Leid, das über diese Familie und über so viele andere mit dem Flugzeugabsturz hereinbrach – ich spüre es in diesem Bild. Ich würde gern etwas hilfreiches, etwas tröstendes sagen. Aber jedes Wort erscheint mir unpassend. Ich spüre wie meine Tränen aufsteigen.

Diese Begegnung liegt jetzt einige Monate zurück. Mit Mitarbeitenden der Notfallseelsorge haben wir seither Angehörige des Flugzeugabsturzes begleitet. Wir haben in den ersten Stunden und Tagen die Ungewissheit mit ihnen ausgehalten; wir haben das Hoffen, Bangen und die Fassungslosigkeit der ersten Tage mit ihnen erlebt. Und später haben wir zu Angehörigentreffen eingeladen. Dabei haben sich die Hinterbliebenen kennengelernt und sich ihre Geschichten erzählt, manchmal bis tief in die Nacht. Miteinander ihr Leid geteilt und sich manches Mal in die Arme genommen.

Gestern waren mehrere Hundert Angehörige aus 14 Nationen bei der Gedenkfeier am Unglücksort in den französischen Alpen versammelt und auch viele Einsatzkräfte, die bei den Bergungsarbeiten geholfen haben. Um 10.41 Uhr haben sie eine Schweigeminute gehalten, genau zu der Zeit, als vor einem Jahr die Unglücksmaschine abstürzte. Bei der Gedenkfeier wurden die Namen der Absturzopfer verlesen.

Musik 1: Melodie Gardot: Worrisome Heart (Track 1)

Autor: Oft haben wir bei Gedenkfeiern mit Mitarbeitenden der Notfallseelsorge die Namen von Verstorbenen verlesen. Nicht selten habe ich in solchen Momenten Hinterbliebene laut weinen hören, wenn der Name ihres geliebten Angehörigen verlesen wurde.

Heute ist Karfreitag. In vielen christlichen Kirchen wird in den Gottesdiensten an die Kreuzigung Jesu erinnert. Es wird die Leidensgeschichte gelesen, die in allen Evangelien überliefert ist. Der Name Jesu spielt darin eine wichtige Rolle. In allen Evangelien wird berichtet, dass oben am Kreuz eine Tafel angebracht wurde: Vier Buchstaben standen darauf: I – N – R – I. Es ist die Abkürzung für die lateinischen Worte „Jesus von Nazareth – König der Juden“.

Namen sind mehr als Worte. Ein Name bezeichnet einen Menschen, das, was ihn unverwechselbar macht. Das Aussehen, der Charakter, seine Eigenheiten und Vorlieben, die Haarfarbe, die Augen, das Lachen oder der Gang – das, was ihn oder sie einzigartig macht, wird mit dem Namen wachgerufen. Durchaus üblich war es nicht nur in Palästina, dass mit dem Namen auch die Herkunft eines Menschen bezeichnet wurde. Auch der Heimatort prägt einen Menschen – „Jesus von Nazareth“, so werden seine Zeitgenossen ihn genannt haben.

Namen haben Bestand. Wenn heute ein Kind geboren wird, bekommt es als erstes den eigenen Namen ums Handgelenk – auf einem kleinen Band in rosa oder hellblau. Namen werden beim Standesamt in Geburtsurkunden eingetragen. Sie stehen auf Schulheften, Briefadressen, Tischkarten und in Stammbäumen. Auch, wenn etwa durch eine Eheschließung der Nachname wechselt, bleibt im Pass der Geburtsname erwähnt. Manchmal werden Menschen Kosenamen gegeben, weil sie ein Gefühl ausdrücken, das man für einen besonders nahe stehenden Menschen empfindet. Der Name bleibt mit uns verbunden über den Tod hinaus. Er steht auf Todesanzeigen und auf dem Grabstein – der Name bezeichnet das, was unverlierbar ist an einem Menschen.

Manche Namen überdauern Jahrhunderte. „Jesus von Nazareth“: Der Name dieses jungen Mannes, der vor zweitausend Jahren in Nazareth geboren und auf Golgatha bei Jerusalem gekreuzigt wurde, hat einer neuen Religion die Identität gegeben. Jesus von Nazareth erhielt den Beinamen „Christus“ für den in Israel erwarteten Befreier und Erlöser. Ganz konkret auf das Leben und Sterben und Auferstehen dieses einen Menschen aus einem kleinen Dorf in Israel gründet sich der christliche Glaube.

Musik 2: Oh Haupt voll Blut und Wunden

Jesus von Nazareth – Jesus Christus: Eine ganze Weltreligion, das Christentum, bleibt mit dem Namen eines Menschen verbunden.

Sprecherin: Die Soldaten aber führten ihn hinein in den Palast, das ist ins Prätorium, und riefen die ganze Abteilung zusammen und zogen ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm auf und fingen an, ihn zu grüßen: Gegrüßet seist du, der Juden König!

Und sie schlugen ihn mit einem Rohr auf das Haupt und spien ihn an und fielen auf die Knie und huldigten ihm. Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Purpurmantel aus und zogen ihm seine Kleider an. Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten. (Mk 15, 16-20)

Autor: Es war im Römischen Reich üblich, dass man den Anlass für eine Verurteilung auf eine Tafel schrieb und sie dem zum Tode Verurteilten um den Hals hängte. Im Johannes-Evangelium wird berichtet, dass beim Verhör Jesu der römische Statthalter Pilatus selbst diese Tafel beschrieb. Für alle lesbar war damit nicht nur der Name Jesu, sondern auch der Spott der Soldaten und die Urteilsbegründung des römischen Statthalters: „Dies ist Jesus von Nazareth, der sich als König der Juden ausgab.“ Oder hatte Pilatus doch eine Wahrheit formuliert? König der Juden war auch ein Titel, der die Hoffnung Israels auf einen messianischen König aufnahm, auf einen Retter, der vom Joch der Römer befreite. Aber nun starb der, auf den man diese Hoffnungen gesetzt hatte.

Sprecherin: Und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.

Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. (Joh 19, 16-22)

Autor: Über Jahrhunderte hat man diese vier Buchstaben I – N – R – I auf den Kreuzen dargestellt. Es ist kein unbekannter junger Mann aus Palästina, der hier gekreuzigt wird. Er hat einen Namen. Man kennt seine Geschichte. Er ist der Sohn der Maria und er wächst auf im Hause des Zimmermanns Joseph und es wird ein Prediger und Rabbi. Er wird von den Seinen geliebt, von denen sich einige unter dem Kreuz versammeln. Sie haben ihr Leben mit ihm geteilt. Sie haben ihn verehrt. Viele hielten ihn für den Messias, für Israels Hoffnung. Weinend werden sie unter dem Kreuz Zeugen seines langsamen Sterbens.

Sprecherin: Und es waren auch Frauen da, die von ferne zuschauten, unter ihnen Maria von Magdala und Maria, die Mutter Jakobus' des Kleinen und des Joses, und Salome, die ihm nachgefolgt waren, als er in Galiläa war, und ihm gedient hatten, und viele andere Frauen, die mit ihm hinauf nach Jerusalem gegangen waren. (Markus 15, 40f)

Musik 2: Oh Haupt voll Blut und Wunden

Autor: Nicht nur uns Menschen, auch Gott sind unsere Namen wichtig. Im Buch des Propheten Jesaja heißt es: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

Das heißt: Nicht nur wir Menschen geben einander Namen, sondern Gott kennt sie und ruft uns mit Namen. „Wie soll das Kind heißen?“, fragte der Pfarrer früher bei der Taufe. Die Namensgebung war fest mit der Taufe verbunden – weil Gott einen Menschen mit seinem Namen als sein Kind annimmt. Er kennt uns alle mit Namen und bewahrt, was uns ausmacht, über den Tod hinaus. Hier hat die Menschenwürde ihre Wurzel, die Grundlage unserer Kultur geworden ist. Sie gründet in der Überzeugung: Ein Mensch hat und behält seine Würde, ganz gleich, was er tut und ganz gleich, was mit ihm passiert. Weil Gott den Menschen ins Leben ruft und seinen Namen kennt, hat er eine unverlierbare Würde, egal was geschieht.

Deswegen war es nach dem Flugzeugabsturz in den Alpen für die Angehörigen so wichtig, dass ihre Lieben beerdigt werden konnten und ein Grab an ihren Heimatorten erhielten. Auch dann, wenn ihre Körper durch das Unglück nicht mehr in Gänze erhalten und ihre Glieder nicht mehr verbunden waren. Aber dass sie identifiziert und beigesetzt werden konnten, war den Angehörigen sehr wichtig. Nun haben die Angehörigen einen Ort, der sich mit ihren Namen verbindet. Und oft auch einen Grabstein, auf dem der Name steht.

Aber Namen können auch eine verstörende Bedeutung bekommen. Für manche Angehörige ist es schwer, mit dem Namen des Copiloten der Unglücksmaschine konfrontiert zu werden. Nach den Untersuchungsberichten hat er das Flugzeug zum Absturz gebracht. Viele aber fühlen auch mit seiner Familie, die um ihn trauert.

Uns Mitarbeitenden der Notfallseelsorge war es wichtig, dass auch seine Angehörigen eine Kerze von der Gedenkfeier erhalten. Sammle unsere Tränen in einen Krug, hat die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen Annette Kurschus bei der Gedenkfeier im Kölner Dom gebetet. Sie an jenen Unglückstag erinnert, „als aus hellem Morgen finstere Nacht wurde, als es tiefdunkel wurde – erst in einem Herzen und dann in den Herzen so vieler anderer.“

Das Geschehen auf Golgatha an Karfreitag gilt ausnahmslos allen Herzen, in denen sich Finsternis ausbreiten will oder schon ausgebreitet hat. Auch als Gott sich dem sterbenden Jesus und seinen verzweifelten Gefährtinnen unter dem Kreuz verbarg: Gott ist gerade dort gegenwärtig, wo zunächst keine Hoffnung und kein Sinn zu erkennen ist. „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ betet Jesus am Kreuz. Dieses Symbol des Kreuzes, des Sterbens wird für das Christentum zum Sinnbild für die Nähe Gottes. Unter Leiden, Sterben und Tod dieses Jesus von Nazareth setzt sich Gottes eigene Macht durch. Sie ist dort am stärksten, wo menschliche Macht endet. Gott kennt uns mit Namen und bewahrt unsere Würde, gerade dort, wo sie verloren scheint.

Ich wünsche Ihnen einen Karfreitag, an dem Sie Gottes Nähe spüren können. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Diese Gewissheit gilt uns allen, egal wo wir sind, egal was passiert, egal wie es uns geht, überall im Leben – und auch im Sterben. Wer darauf vertraut, weiß um ein Leben, das mit dem Tod nicht endet. Auf den Karfreitag und den Karsamstag folgt das Osterfest, auf Dunkelheit folgt Licht.

Aus Bonn grüßt Sie Uwe Rieske, Landespfarrer für Notfallseelsorge.

Musik 1: Melodie Gardot: Worrisome Heart (Track 1)

Musikinformationen:

Musik 1:

CD/Track: Worrisome Heart, Track 1

Titel: Worrisome Heart

Text: Melody Gardot

Komposition: Melody Gardot

Label: Decca

LC-Nummer: 00171

Musik 2:

CD/Track: Befiehl du deine Wege, Track 10

Titel: Oh Haupt voll Blut und Wunden

Interpret: Heike Wetzel (Flöte); Michael Schlierf (Flügel)

Text: Paul Gerhardt

Komposition: Hans Leo Haßler

Verlag: Gerth Medien, Asslar

Label: GerthMedien

LC-Nummer:13743

Best.Nr.:939 412

EAN:4029856394121

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