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Sonntagskirche | 06.08.2017 | 08:55 Uhr

Der Backofen

Es ist ein seltsamer Duft. Er zieht – unsichtbar natürlich – an der guten Stube im Untergeschoss vorbei, weiter durch die Ritzen des morschen Gebälks, bis er sich schließlich durch die angelehnte Tür zwängt und oben in seinem Studierzimmer landet. Unüberriechbar. So eine Störung kann er nun wirklich nicht gebrauchen. Ihm fehlt nämlich noch eins. Ein Wort, ein Begriff, eine Umschreibung. ein passendes Wort also, das die Liebe, Gottes Liebe, Gottes große unfassliche Liebe zu umschreiben vermag. Sonst ist er ja darin geradezu ein Künstler. Wo andere die Schreibfeder hinschmeißen, da legt Doktor Martin Luther erst recht los. Aber Liebe? Gottes große, unbegrenzte Zuneigung. Wie – herrjeh – kann er die in der nächsten Flugschrift so schildern, dass die Leute verstehen, was das ist? Gottes Liebe.

Jetzt hält es Doktor. Luther nicht mehr an seinem Schreibtisch. Er klettert von seinem Pult hinunter und entschließt sich, der Quelle des Duftes, der ihm in die Nase steigt. Vorbei am Kinderzimmer, in dem sich die Kleinsten gerade an Flöte und Laute versuchen. Jetzt lässt er die gute Stube hinter sich, gefüllt mit Reisenden, Studenten und Verwandten. Die alle hatten ihm gerade noch gefehlt. Als ob sie ihm bei der Liebesumschreibung behilflich sein würden. Und seine Frau Käthe ist auch nirgends zu sehen: Im Stall vielleicht? Bei der Gemüseecke? Im Braustüberl? Egal, er muss weiter, noch einen Stock tiefer, dort, wo die Vorräte lagern, aber eben auch dort – wo der hauseigene Backofen seinen Dienst tut. Er ist es dann auch. Er ist der Verursacher des guten Dufts. Brotgeruch. Krustengeschmack.

Wenn man am zweiten Freitag im Monat durch das Königswinterer Siebengebirgsmuseum geht, steigt einem der gleiche Geruch in die Nase. Da zeigt nämlich Bäckermeister Dabs, was seit dem Mittelalter so ein Tuffsteinofen leisten konnte: Er speicherte Hitze, war außergewöhnlich widerstandsfähig und darüber hinaus ungewöhnlich leicht. 48 Brotlaibe fasste er, lange haltbar in ihrer Kruste. Noch am nächsten Tag hatte er 100 Grad Restwärme - genug für Kuchen und Dörrfleisch. Man weiß, dass diese wunderbaren Öfen aus dem Rheinland in ganz Europa verkauft wurden.

Luther hat also die Duftquelle gefunden. Er schiebt den Riegel zur Seite und atmet den köstlichen Brotgeruch ein. Aber jetzt, genau in dem Moment hat er auch das gefunden, was Gottes Fürsorge und Zärtlichkeit am allerbesten mit einem Bild umschreibt.

Zum Glück hat er immer seine Schreibfeder und einen Block zur Hand. Darauf notiert er jetzt: “Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da von der Erde bis an den Himmel reicht.“ (1) Gott umsorgt alles mit dieser Liebe wie eine treue Bäckerin. Seine Liebe, nun sie ist ja auch lange haltbar, widerstandsfähig unseren Launen gegenüber, damit selbst morgen noch Restwärme davon übrig bleibt, die mich ganz umfängt. Und bei all dem lässt Gottes duftende Liebe mich nirgends ganz los, geht mir nach, steigt also vom Keller des Lebens bis ganz nach oben in die Studierstube. Luther bricht sich ein Stück der warmen Kruste ab: „Gefällt mir“, sagt er zufrieden zu sich, so wie Gottes große, nährende Liebe auch.

(1)Martin Luther, Invocavitpredigt vom 15.3.1522

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