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Kirche in WDR 5 | 30.06.2015 | 06:55 Uhr

Der Gefahr ins Auge schauen

Guten Morgen!

Freiheit wohnt in Zelten. Aber die Nächte in der Wüste waren noch im Herbst so warm, dass wir nicht einmal Zelte brauchten. Eine Woche war ich mit einer Gruppe unterwegs in der Felswüste des Sinai, geführt von Beduinen. Eine prägende Erfahrung und eine ganz urtümliche Begegnung mit der Bibel, vor allem dem Alten Testament. Damals notierte ich folgende Verse in mein Tagebuch:

Sprecherin:

Wir steckten die Landkarten

tief in die Rucksäcke

wir brauchten sie nicht

Uns begleiteten Beduinen

die uns den Weg wiesen

die tiefe Brunnen kannten

die glutvolles Feuer schürten

die Tee und Kaffee kochten

und Brot in Kameldung backten

Seit unserer Kindheit war unser

Schlaf nicht mehr so bewacht

Wir lebten die Sorglosigkeit

Tatsächlich, so frei und unabhängig wie in den Tagen der Wüste habe ich mich selten im Kulturland gefühlt.

Ich vergesse aber auch nicht, dass nach der ersten Nacht auf der Luftmatratze alle Knochen weh taten. Der Boden in der Steinwüste des Sinai ist hart.

Fast nebenbei erzählte der leitende Beduine bei heißem Tee und frisch gebackenem Brot von Schlangen und Skorpionen. Und seine Empfehlung war: Feste Schuhe, sicheres Auftreten, den Schlafsack abends ausschütteln, damit man nachts keine unliebsamen Mitschläfer hat. Einige aus der Gruppe waren erschrocken, ahnten jetzt erst, dass Tage in der Wüste und unter diesen Bedingungen kein Spaziergang waren. Und wir lasen im Buch Exodus, dass auch die Israeliten schon nach kurzer Zeit murrten und sich zurück sehnten nach den „Fleisch-Töpfen“ Ägyptens. Kaum in der Freiheit und schon wollten sie zurück in die sichere Gefangenschaft, aber dort versorgt mit dem täglichen Brot.

Der Beduine beruhigte die Gruppe: es gälte, Augen und Ohren offen zu halten, sagte er. Schlangen seien „fugitive“ Tiere, die normalerweise vor Menschen fliehen würden. An diesem Mittag entdeckte der Beduine Spuren einer größeren Schlange und tatsächlich konnte er uns bald ein wunderbar gemustertes Tier zeigen, versteckt unter einem großen Stein. Aber „hochgiftig“ betonte er. Die Beduinen steinigten die Schlange zum Schutz der anderen Tiere und verbrannten sie schließlich im Lagerfeuer. Ein grausames Geschehen nach den harten Überlebensgesetzen der Wüste. Und wir erinnerten uns an Mose und die Schlangen, die zur Gefahr für das Volk in der Sinai-Wüste wurden. Der Gefahr ins Auge schauen, damit sie ihre unheimliche Kraft verliert. So lautete der göttliche Rat für Israel. Und Mose errichtete einen Pfahl, an den er eine Schlange hängte. Ab jetzt konnten die Menschen der Gefahr ins Auge schauen - auf Augenhöhe. Der tödliche Zauber war gebannt.

Das vor allen Dingen nahmen auch wir aus diesen Tagen in der Wüste mit: Solange wir der Gefahr n i c h t ins Auge schauen, hat sie leichtes Spiel mit uns. Angst macht dumm, sagt der Volksmund sehr realistisch. In der Angst vergessen wir, dass wir sie beherrschen können.

Dieser erste Tag in der Wüste mit der gebannten Gefahr ließ uns besser verstehen, warum sich die Israeliten zurück in die alten Häuser sehnten. Es scheint nämlich einfacher, in alten Häusern zu leben als in Zelten, wo die Freiheit wohnt.

Ich befürchte: das gilt noch heute. Das weiß ich von mir. Und ich erfahre es bei Menschen, die tiefen Veränderungen ausgesetzt sind. Veränderungen sind meist verbunden mit großer Unsicherheit. Und da ist die Versuchung groß, in alte Sicherheiten zu flüchten. Aber bei Zukunftsängsten ist es wie mit der Schlange: Man muss ihnen angstfrei in die Augen schauen. Wenn wir die Gefahr der ängstlichen Verzagtheit bei uns erkennen und uns vor Augen führen, dann können wir sie auch bannen und ihr entgegentreten. Dann hat sie nicht mehr uns, dann haben wir sie. Und das ist allenthalben besser als eine Gefangenschaft in den eigenen Angstgrenzen.

Aus MG wünscht Ihnen heute einen Geist der Stärke, der Kraft - und der Freiheit Pfarrer Wilhelm Bruners

Copyright Vorschaubild: Public Domain Pixabay

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