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Choralandacht | 06.01.2018 | 07:50 Uhr

Der Morgenstern ist aufgedrungen

Musik 1 (instrumental): „Flageolett“

Autorin und Sprecher 1 im Wechsel: „Sternstunden“ – „Sternenstaub“ - „Du bist mein Augenstern.“ – „Ich hole für Dich die Sterne vom Himmel.“ – „Stern, auf den ich schaue.“ – „Stern über Bethlehem, zeig uns den Weg.“ - „Funkel, funkel, kleiner Stern, ach wie bist du mir so fern, wunderschön und unbekannt, wie ein strahlend Diamant…“ (1)

Autorin: Sterne funkeln und glitzern. Verzaubern mich. Wenn Sternschnuppenregen angesagt ist, hoffe ich auf gutes Wetter und stelle mich mitten in der Nacht ans Fenster. Bei jeder Sternschnuppe, die ich sehe, wünsche ich mir etwas. Ende Dezember bis Anfang Januar regnet es besonders viele Sternschnuppen. In den beleuchteten Städten kann ich sie nicht so gut sehen wie auf freiem Feld. Und so ist für mich als Städterin die Sternschnuppenausbeute gering. Und viele Wünsche bleiben ungewünscht. Sterne als Hoffnungszeichen, Zeichen meiner Sehnsucht – sie ziehen nicht nur mich magisch an. Sie zogen auch drei Magier, drei weise Männer an. Kaspar, Melchior und Balthasar. Vor allem ein Stern war es, dem sie folgten. Vor mehr als 2000 Jahren hörten sie Stimmen wie von Engeln.

Musik 2:

1. Der Morgenstern ist aufgedrungen,

er leucht’ daher zu dieser Stunde

hoch über Berg und tiefe Tal,

vor Freud singt uns der lieben Engel Schar

Autorin: Der Morgenstern scheint auf – der Morgenstern, den ich früh morgens sehe ist der hell leuchtende Planet Venus. In dem Lied vom Morgenstern, das im Evangelischen Gesangbuch steht und jetzt in dieser Kirchenjahreszeit im Gottesdienst gesungen wird, ist der Morgenstern etwas anderes. Daniel Rump, feiner ausgedrückt Daniel Rumpius, ein Pfarrer in Mecklenburg, hat es vor 430 Jahren (1587) gedichtet. Als geistliches Volkslied in seinem:

Sprecher 2: Liedbüchlein / für Kinder und Gesinde / für Zusammenkünfte in Häusern / für Handwerksleute in Werkstätten / und sonsten für jedermann / edlen oder unedlen Standes / die es zur Erweckung und Vermehrung christlicher Andacht gebrauchen und sich zunutze machen wollen. (2)

Autorin: Daniel Rumpius hat dazu ein altes niederdeutsches Volkslied aus dem 15. Jahrhundert als Vorlage genommen. Ein so genanntes Wächterlied, gesungen am frühen Morgen, um die Bürger in den Stadtmauern aufzuwecken.

Musik 2 (instrumental)

Sprecher 2: De morgensterne hefft sik upgedrungen //

gar schön hebben uns die kleinen waldvögelin gesungen //

wol över berg unde depe dal, //

van fröuwden singet uns de leve nachtegal // (3)

Autorin: Der Morgen bricht an, die Waldvögelein singen, die Nachtigall singt von der Freude. Hoffnungsvoll. Aber da ist noch nichts Christliches drin zu entdecken. Der Morgenstern ist hier die Venus. Bei Daniel Rumpius aber und denen, die das Lied später weitergedichtet haben, geht es um einen anderen Morgenstern.

Musik 3:

2. “Wacht auf“, singt uns der Wächter Stimme

vor Freuden auf der hohen Zinne:

„Wacht auf zu dieser Freudenzeit!

Der Bräut’gam kommt, nun machet euch bereit!“

Autorin: Der Morgenstern ist ein Bräutigam. Ein Bild aus der biblischen Geschichte von den jungen Frauen, die bei einem Hochzeitsfest auf den Bräutigam warten und ihn mit leuchtenden Öllampen empfangen sollen. Er kommt und kommt nicht. Und einigen der Frauen geht das Öl aus. Sie müssen losziehen und neues kaufen und verpassen den Ehrengast. Der Bräutigam ist in dieser Geschichte Jesus Christus. Wie ein Geliebter wird er sehnsüchtig erwartet. Wer glaubt, spürt: Wie ein Morgenstern wird er Licht in mein Leben bringen. Und ein Stern weist auch schon auf den sehnsüchtig Erwarteten und seine Geburt hin. Gerade jetzt, am Anfang des neuen Jahres kommen die Sehnsüchte aus den Winkeln der Seele und wischen sich den Staub vom letzten Jahr aus den Augen.

Der Philosoph Ernst Bloch sagte einmal, die Sehnsucht sei die ehrlichste Eigenschaft des Menschen. (4) Die Sehnsucht kann der Mensch nicht manipulieren. Der Mensch IST seine Sehnsucht. Das ist auch meine Erfahrung: Die Sehnsucht treibt mich an, mich nicht mit dem Alltäglichen abzufinden. Sie treibt mich an, mit mehr zu rechnen, als ich selbst bin und sein kann. Nach dem Motto von Leonardo da Vinci: „Binde deinen Karren an einen Stern.“ (5)

Das Schwere des Erdenlebens, den Karren voll Dreck und Schmutz, den ich mit mir herumschleppe, an einen Stern binden. Ja. Mich ausstrecken nach dem oder der da oben.

Musik 4:

3. Christus im Himmel wohl bedachte,

wie er uns reich und selig machte

und wieder brächt ins Paradies,

darum er Gottes Himmel gar verließ.

Autorin: „Binde deinen Karren an einen Stern“. Vor mehr als 2000 Jahren hatten die Menschen Sehnsucht nach Befreiung. Der Karren steckte ziemlich im Dreck. Die Last war schwer. Die Leute wünschten sich einen König, der Frieden bringt, der Fremdherrschaft beendet. Der den Karren aus dem Dreck zieht. Ein Stern zeigte ihnen, dass die Geburt dieses Königs stattgefunden hat. Aber nur wenige erkannten das Zeichen. Der Retter kam anders als erwartet. Er kam nicht als der strahlende König vom Himmel, der die Mächtigen vertrieb und alle Feinde niedermähte. Gott wuchs in Maria heran, einer unbedeutenden jungen Frau. Und gefunden wurde der König, der Retter, der Messias nur dadurch, dass manche auf den Stern achtgaben, der am Himmel den Weg zu dem künftigen Retter wies. Klein, zart, sanftmütig.

Der Weg zur Erfüllung der Sehnsucht – er ist verknüpft mit unerwarteten Ereignissen. Die Beziehung von Maria und Joseph wird auf eine schwere Probe gestellt. Nach der Geburt Jesu müssen sie schon wieder fliehen. Der Weg der Weisen, dem Stern nach zum Christuskind in der Krippe, ist lang. Manchmal ist der Weg der Sehnsucht eine Reise durch ein dunkles Dickicht – nur der Stern erhellt den Weg. Ob sich die Mühe lohnt, man weiß es nicht vorher.

Musik 2 (instrumental)

Autorin: Die drei weisen Männer - Kaspar, Melchior und Balthasar -, von manchen auch die Heiligen Drei Könige genannt, sie waren mit dem Stern am Ziel ihrer Reise angekommen. Und dann? Der Schriftsteller Adolf Muschg stellt sich das so vor:

„Als die drei Könige, von ihren Gaben entlastet, wieder aus dem Stall traten, hielt Kaspar erschrocken inne. Der Stern, sagte er. Was ist mit ihm? fragte Melchior.

Er ist weitergezogen! sagte Kaspar. Hast du jemals einen Stern stillstehen sehen? fragte Balthasar“. (Adolf Muschg) (6)

Der Stern ist weitergezogen. Und ward nicht mehr gesehen. Denn ein neuer Stern ist aufgegangen, der ewig leuchtet. Christus – taucht die Welt in ein neues Licht. Leuchtet in die Herzen. Wärmt die Frierenden. Viele haben ihn leuchten gesehen und sind ihm gefolgt. Und haben davon erzählt. Christus der Morgenstern - er leuchtet in anderen und in mir selbst. Sei uns willkommen, schöner Stern.

Musik 2

4. O heilger Morgenstern, wir preisen

dich heute hoch mit frohen Weisen;

du leuchtest vielen nah und fern,

so leucht auch uns, Herr Christ, du Morgenstern

Quellenangaben:

( 1 ) Volkslied. Deutsche Adaption des englischen Wiegenliedes "Twinkle, Twinkle, Little Star", ursprünglich ein Gedicht ("Star") von Jane Taylor, erschienen 1806 in "Rhymes for the Nursery" von Jane und Ann Taylor. Zitiert nach https://www.aphorismen.de/gedicht/61237 (abgerufen am 14.12.2017).

( 2 ) Frieder Schulz, Der Morgenstern ist aufgedrungen. Ein altes und neues Lied, in: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie. 37. Band 1998, Band 1998 S.150-166

Siegfried Vogelsänger, Michael Praetorius. Beim Wort genommen. Zur Entstehungsgeschichte seiner Werke, Aachen 1987

( 3 ) = ( 2 )

( 4 ) Zitiert nach: Anselm Grün: Das kleine Buch der Sehnsucht, III. Im Innersten berührt: Die ehrlichste Eigenschaft, Verlag Herder; Auflage: 1 (8. Dezember 2009).

( 5 ) https://www.aphorismen.de/zitat/23283 (abgerufen am 14.12.2017)

( 6 ) „Der Stern zieht weiter

Zum Schluss noch eine Weihnachtsgeschichte: Fürchtet euch nicht, sie ist ganz kurz. Sie soll euch aber eine grosse Freude verkünden; die Freude, dass wir uns heute Nacht noch zusammensetzen mit Brüdern, die wissen, was es heisst, keinen menschlichen Vater zu haben, in einem Stall geboren zu sein, für die das Wort Krippe einen genauen Sinn hat, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, die hier mehr suchen als ein bisschen Ruhe auf der Flucht. Sie suchen keine Gnade, sie erwarten mehr als Glaube, Liebe und Hoffnung, sie suchen Menschen: uns. Und das ist meine letzte Geschichte:

Als die drei Könige, von ihren Gaben entlastet, wieder aus dem Stall traten, hielt Kaspar erschrocken inne.

Der Stern, sagte er. Was ist mit ihm?, fragte Melchior. Er ist weitergezogen!, sagte Kaspar.

Hast du jemals einen Stern stillstehen sehen?, fragte Balthasar.“

Adolf Muschg“ aus: Adolf Muschg: Geischtenweihnacht, Eine Predigt in Warten auf ihn, hg. von Wolfgang Erk, Stuttgart 1981, S. 7-13.

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