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Kirche in WDR 2 | 06.12.2016 | 05:55 Uhr

Der Nikolaus von Gegenüber

Dienstagmorgen 4:30. Sie sitzt im Bus. Vorne beim Busfahrer. Ein Leidensgenosse. Sie arbeiten beide, wenn andere schlafen. Die Pendler entern erst in einer knappen Stunde das Stadtbild. Endstation. Sie steigt aus. Schaut in den Himmel. Es ist kalt. Sie zieht den Reißverschluss ihrer Jacke zu und geht los. Für den Weg zu ihrer Wohnung braucht sie genau fünfeinhalb Minuten. Das Licht der einen Straßenlaterne flackert immer noch. Es signalisiert ihr: Jetzt bist du gleich zuhause!

Vielleicht reicht es ja noch für eine Mütze voll Schlaf, bevor die Kinder in die Schule müssen. Ach nein, die Wäsche wartet noch auf sie. Sie schließt die Haustür auf und geht zum Fahrstuhl. Ein ´Dieser Aufzug ist leider außer Betrieb´-Schild lächelt sie höhnisch an. Sie seufzt. Und steigt die vier Etagen bis zu ihrer Wohnung hinauf. Schon auf den letzten Treppenstufen kramt sie den Wohnungsschlüssel aus der Tasche. Sie will gerade die Wohnungstür aufschließen, da fällt ihr Blick auf zwei Gegenstände, die den Weg blockieren. Direkt auf ihrer Fußmatte.

Sie muss zweimal hinschauen, dann erkennt sie, was ihr den Weg versperrt hat. Sie hält kurz inne und dann kommt es ihr so vor, als würde sie unter der gesamten Last der letzten Monate zusammenbrechen. Sie nimmt die beiden Gegenstände in die Hand, lässt sich auf die Fußmatte sinken und lehnt ihren Kopf müde an die Wohnungstür.

„Scheiße…“, sagt sie leise. Und: „Nikolaustag…“ Sie hält die Schuhe ihrer Kinder in der Hand. Ihre Gedanken fahren Achterbahn. Neue Stadt. Kein Geld. Alleinerziehend. Keine Perspektive. Zwei Jobs. Putzen. Keine Zeit für ihre tollen Kinder. Nicht mal eine Kleinigkeit für deine Kinder hast du besorgt. Rabenmutter. Wie soll das weitergehen. Keine Freunde. Die Familie weit weg. In der Heimat. Und jetzt?

Sie wird aus ihren Gedanken gerissen. Die Wohnungstür gegenüber öffnet sich. Sie rappelt sich schnell auf. Der Nachbar erscheint in der Tür. Er muss zur Frühschicht und lächelt sie an. In der Hand hat er Süßigkeiten. Schokonikoläuse und Gummibärchen. Auch vor seiner Wohnungstür stehen zwei Schuhe. Er verstaut die Süßigkeiten in den Schuhen. Sie dreht sich weg. Es ist ihr peinlich. Sie schließt ihre Wohnungstür auf und schiebt die Schuhe ihrer Kinder unter ihre Jacke.

„Ähm“… hört sie ihren Nachbarn hinter sich. „Ich will ihnen nicht zu nahe treten und mich nicht einmischen, aber ….“ Er zieht zwei riesige Schokonikoläuse hinter seinem Rücken hervor. „Aber das möchte ich Ihnen gerne schenken. Für ihre Kinder. Ich würde das auch immer vergessen, wenn meine Frau mich nicht dran erinnern würde. Schönen Tag … ich bin spät dran.“

Damit lässt er sie stehen und läuft die Treppe hinab. Sie bleibt bewegungslos stehen. Minutenlang. ´ Ist mir etwa das Wort ´Rabenmutter´ eigentlich auf die Stirn tätowiert? ´Was bildet der sich eigentlich ein? Sie hätte sauer sein können.

Ist sie aber nicht. Sie sagt ganz leise ´Danke´, verstaut die Schokonikoläuse behutsam in den Schuhen ihrer Kinder und schließt die Tür hinter sich. Die Wäsche wartet.

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