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Kirche in WDR 2 | 05.08.2015 | 05:55 Uhr

Der Rahmen

Der Anlass für das Wiedersehen war keineswegs erfreulich. Die Kinder hatten sich gezofft. Es waren unschöne Worte gefallen, nun wollen wir reinen Tisch machen – sie und ich – immerhin sind wir uns sympathisch. Auch weil wir an den gleichen Gott glauben. Das verbindet. Obwohl sie aus Korea kommt. Oder gerade deshalb.

Als ich zu ihr komme, sitzen die Jungen aber schon einträchtig am Tisch und essen Donuts mit bunten Perlen. Von Streit keine Rede.

Dann verziehen sich die beiden und wir bleiben zurück, allein an dem kleinen Tisch in der Küche. Es hat etwas von Korea. Zumindest so wie ich mir Korea vorstelle. 30. Stock, alles eng, weil teuer und optimiert.

Wir sprechen über Sparmaßnahmen und G8, über Kaffeemaschinen und Tanz. Von ihrem letzten Auftritt zeigt sie mir Videos auf ihrem Smartphone: Sie tanzt so leicht und so wild. Wunderschön sieht sie aus. Mit ihren langen Haaren, dem bunten Sommerkleid. Sie ist Tänzerin.

Natürlich sind es die Krankheiten. Sie bringen alles in Gang. Das Gespräch, von dem ich eigentlich erzählen will. Die OPs, die überstandenen und anstehenden. Bei ihr, bei uns. Und so kommen wir auf die Toten. Zwei Menschen hat sie verloren, im vergangenen Jahr. Ihre Schwiegermutter ist gestorben. Auf dem Tisch im Operationssaal und der Mann einer Freundin. Beide von jetzt auf gleich. Einfach so. Ohne lange Krankheit, ohne Ankündigung. Die Schwiegermutter in einem fortgeschrittenen Alter, der Mann ihrer Freundin viel zu jung - mit vier kleinen Kindern. Es hätte auch ihr Mann sein können, sagt sie. Nun habe sie oft Angst. Er jette viel durch die Welt. New York, London, Tokio. Von einer Zeitzone rase er in die nächste, von einem Flug haste er zum nächsten und manchmal bleibe er am Flughafen einfach hängen. Dann hat etwas nicht funktioniert: Die Natur, die Technik, der Mensch.

Es seien die ersten Toten in ihrem Leben gewesen. Ihre Schwiegermutter, die erste Tote, die sie gesehen hat. Seitdem sei alles anders geworden in ihrem Leben. Sie mache sich jetzt diesen Stress nicht mehr. Mit den Kindern und dem Anspruch, immer allen helfen zu wollen. Außerdem habe sie eine tolle Predigt gehört. Der Pfarrer hatte einen Bilderrahmen mitgebracht. So einen richtig schönen aus Holz, ziemlich groß, aber ohne Bild. Das habe sie sehr beeindruckt. Diese leere Fläche. Einfach mal etwas leer zu lassen im Leben, im Alltag. Nicht immer alles zu planen, sondern einfach mal loszulassen, sich lassen, andere lassen. Das habe etwas mit Freiheit zu tun. Und dann schauen, was passiert.

Seitdem näht sie kleine Beutelchen. Das sei eine sehr meditative Arbeit. Eine sehr filigrane Arbeit, die viel Geduld erfordere. Sie ist auch gespannt, was das mit ihren Kindern mache. Das Loslassen und lassen, sich selbst überlassen. Sie gehe jetzt diesen Weg, müsse ihn gehen. Ihr Mann sei da anders – er gehe seinen Weg.

Mich hat das Gespräch sehr beeindruckt. Der leere Bilderrahmen. Und als ich zu Hause war, wusste ich was noch anders war: Sie hat aufgehört, ständig zu lächeln. Jetzt lächelt sie nur noch gelegentlich – wahrscheinlich nur dann, wenn ihr auch danach zu Mute ist.

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