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Das Geistliche Wort | 01.11.2018 | 08:35 Uhr

Der Tod ist nicht das Letzte

Autor: Generationen von Kindern haben Astrid Lindgren als Schöpferin berühmter Romanfiguren kennen und lieben gelernt: Pippi Langstrumpf, Kalle Blomquist, Michel aus Lönneberga oder der Räubertochter Ronja. Im ländlichen Lönneberga und Bullerbü spiegeln sich glückliche Kindheitserinnerung der schwedischen Kinderbuchautorin wider. Für viele deutsche Leser ist Bullerbü zum Inbegriff einer heilen Welt geworden. Umso erstaunlicher ist, wie die Schöpferin dieser glücklichen Kinderwelten kurz vor ihrem Tod im Alter von 94 Jahren über das Leben und Sterben gesprochen hat:

Sprecherin: „Als ich jung war, glaubte ich, daß ich die ganze Welt sehen, alle Bücher lesen würde, die es gibt. Und alles erleben würde. Jetzt kann ich mich darüber grämen, wenn ich denke: ‘Vielleicht gibt es einen ganz tollen Film, wenn ich schon tot bin, und dann kann ich ihn nicht mehr sehen.‘ Es hilft dann auch nicht, zu denken: ‘Jedenfalls habe ich ja ein langes Leben gehabt und viel erlebt.‘ So sagen viele, aber ich finde nicht, daß das hilfreich ist. Das ist genauso, als stünde man unter dem Niagarafall mit einer kleinen Bierflasche in der Hand und versuchte, das Wasser einzufangen. Mehr als die kleine Flasche voll kriegt man nicht mit.“

Autor: Ich überlege: Ist das nicht maßlos? 94 Jahre, eine glückliche Kindheit, später selber Mutter und Großmutter, im neutralen Schweden vom Elend des Zweiten Weltkrieges verschont, eine weltbekannte und beliebte Schriftstellerin, für Kinderrechte und Tierschutz engagiert, mit Preisen und Ehrungen ausgezeichnet, bis zuletzt halbwegs gesund und geistig völlig klar: worüber beklagt sie sich? Wie viele Menschen hätten wirklich Grund, zu klagen! Menschen, die mit ihren Lebensträumen gescheitert sind, die alles verloren haben oder völlig vereinsamen, die durch Krankheiten oder Unfälle gezeichnet sind oder hilflos mit ansehen müssen, wie ein geliebter Mensch qualvoll stirbt.

Aber wer wollte sich da anmaßen, zu vergleichen und aufzurechnen? Astrid Lindgren wirft Fragen auf, die ganz tief in unserer menschlichen Natur verwurzelt sind – unabhängig davon, wie gut oder schlecht es einem geht, denn als Einzige unter Gottes Geschöpfen sind wir nicht nur sterblich, sondern wissen es auch.

Musik 1: Focus II, CD: The Best of Focus: Hocus Pocus, Track 5; Komposition: Thijs van Leer, Label: Red Bullet, LC: 01209

Autor: Die christlichen Kirchen gedenken im November der Verstorbenen. Die katholische am heutigen Allerheiligen- und morgigen Allerseelentag, die evangelische am Ewigkeitssonntag in dreieinhalb Wochen. Über das Schicksal der Vergänglichkeit schreibt der Apostel Paulus im Römerbrief:

Sprecher: „Die Schöpfung ist ja der Vergänglichkeit unterworfen - nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat.“

Autor: Der Tod ist hier für den Apostel weder ein Anschlag widergöttlicher Mächte noch eine göttliche Strafe für die Sünden der Menschen, sondern ein natürlicher Bestandteil der Schöpfung. Gott hat allem Leben eine begrenzte Zeit gesetzt, in der es sich entfalten, sein Glück finden, seine Lebensaufgaben erfüllen und dann wieder abtreten soll, um nachfolgenden Generationen Platz zu machen. Wir Menschen sind darin ein Teil der Natur. Auch ich verdanke meine Existenz den Generationen vor mir, die mir den Weg bereitet haben und eines Tages abgetreten sind, damit ich Raum zum Leben finde.

Musik 2: After the Ordeal, CD: Jazznesis - the Music of Genesis 1970-1974, Track 7; Interpret: Jaume Vilaseca Quartet; Label: DiscMedi S.A., LC: unbekannt.

Und doch - als Mensch bin ich mehr als nur ein Teil der Natur. Ich bin nicht durch Instinkte programmiert, sondern kann frei entscheiden und mir selber Ziele setzen. Kann meine Umwelt nicht nur nehmen, wie sie ist, sondern sie schöpferisch gestalten und verändern. Kann nicht nur zwischen Angenehm und Unangenehm, sondern auch zwischen Gut und Böse unterscheiden.

Und so intelligent Tiere auch sein können: allein wir Menschen können uns selbst betrachten, über unser Leben nachdenken - und erkennen dabei , was kein anderes Wesen auf dieser Erde von sich weiß: daß unser Leben einen Anfang und ein Ende hat. Tiere empfinden eine instinktive Todesangst, wenn ihr Leben bedroht ist, und fliehen oder wehren sich, je nachdem. Es sind Reflexe, die ihr Leben schützen und die wir Menschen in lebensgefährlichen Situationen genauso haben. Ansonsten wissen sie nichts vom Tod und ihrer Sterblichkeit.

Uns Menschen aber ist jederzeit, selbst in den glücklichsten, unbeschwertesten Momenten, bewußt, daß irgendwann alles vorbei ist. Dann für immer vom Leben abgeschnitten und ausgeschlossen zu sein, ist für viele ein bedrückender Gedanke. Für das große Ganze der Schöpfung ist der Tod ein Teil des Lebens, für den Einzelnen aber eine Macht, die das Leben bedroht und zerstört.

Das Bitterste ist, daß er mir irgendwann alle, selbst die liebsten Menschen nimmt, die ich habe. Schmerz und Trauer sind dann die andere Seite der Liebe. Sie bleibt niemandem erspart, der je wirklich gelebt und geliebt hat. Dagegen wehre ich mich mit aller Kraft - und weiß doch nur zu genau, daß ich nichts und niemanden für immer festhalten kann. Das Leben, so heißt es in einem Lied aus Chile, ist ein Tanz gegen die Zeit und ein Kampf, der verlorengeht, wenn der Tod am Ende auch die Liebe zum Schweigen bringt.

Musik 3:

Titel: „La Vida Total“, CD: Quilapayun “Umbral” Nr.4, Disques DOM / DOM CD 1052 / COD45

Text: Patricio Manns, Musik: Eduardo Carrasco

Autor: Niemand von uns entgeht dem Tod. Um so drängender fragen viele, was danach kommt. Bin ich dann wirklich für immer ausgelöscht, in einem ewigen Nichts unwiederbringlich verloren? Oder gibt es eine Hoffnung über diese unüberwindliche Grenze hinaus? So haben Menschen seit jeher gefragt. Mit dem Wissen um den Tod hat Gott diese Frage ganz tief in unserer menschlichen Natur angelegt. Nicht - davon bin ich überzeugt - um sie ins Leere und uns vor die Wand laufen zu lassen, sondern damit wir, wo wir an unsere Grenzen stoßen, über uns selbst hinaus fragen und dabei auf ihn stoßen, der allein über den Tod hinaus bewahren kann.

Das alte Israel wußte noch nichts von einer Auferweckung der Toten. Man glaubte, daß die Toten im Sche’ol, einer dem griechischen Hades vergleichbaren Totenwelt, ein unwirkliches Schattendasein führten. Man tröstete sich damit, daß man in seinen Kindern weiterlebte und Gottes Geschichte mit seinem Volk weiterging. Im Verlauf dieser Geschichte haben die Israeliten Höhen und Tiefen erlebt, Umbrüche, vernichtende Katastrophen - und Neuanfänge, wo nichts mehr zu hoffen gewesen war. Mehr und mehr begannen sie dabei zu ahnen, daß auch der Tod für Gott keine unüberwindliche Grenze ist.

Zugleich wurde der Glaube im Judentum individueller: man sah sich immer weniger nur als Teil seiner Sippe oder des ganzen Volkes, sondern als Einzelner vor seinem Gott, ihm verantwortlich und von ihm persönlich bejaht und geliebt. Schon Jahrhunderte vor Jesus konnten Propheten und Psalmdichter in der Bibel Gottes Liebe zu den Menschen mit bewegenden Worten und eindrücklichen Bildern beschreiben. Die Liebe aber will den geliebten anderen nicht hergeben, sondern ihn ganz und für immer bei sich haben. Wie könnte Gott da auch nur eines seiner geliebten Menschenkinder dem Tod überlassen?

So wurde es jüdischen Gläubigen schließlich zur Gewißheit, daß die Toten nicht verloren, sondern bei Gott geborgen sind und für immer bei ihm leben. Die meisten jüdischen Zeitgenossen Jesu und auch er selbst haben daran geglaubt. Seine Jünger fanden diesen Glauben in den Visionen bestätigt, in denen sie Jesus nach seinem Tod gesehen haben. Es ist die letzte und größte Hoffnung des christlichen Glaubens, aus der Mitte jüdisch-christlicher Glaubenserfahrungen geboren.

Sie ist zugleich sehr nüchtern. Nirgendwo in der Bibel wird das Jenseits beschrieben. Wie es dort aussieht, wußten ihre Verfasser genauso wenig wie wir. Aber wo ich nichts weiß, kann es gleichwohl Gewißheiten geben. Gewißheit ist nicht weniger als Wissen, sondern etwas anderes. Wissen ist objektiv, Gewißheit subjektiv. Wissen ist nachprüfbar, Gewißheit eine Sache des Vertrauens. Wissen ist im Kopf, Gewißheit im Herzen verankert. Manches Wissen ist mir weder zu etwas nütze, noch berührt es mich sonderlich. Gewißheiten sind dagegen eine befreiende Kraft, die mich erfüllt und trägt.

Musik 4: Focus II, CD: The Best of Focus: Hocus Pocus, Track 5; Komposition: Thijs van Leer, Label: Red Bullet, LC: 01209

Gerade die entscheidenden Dinge im Leben sind oft sehr viel mehr eine Frage von Gewißheiten als eines bloßen Wissens. Die Liebe eines anderen kann ich nicht wissen, aber wenn ich sie erlebe, kann ich ihrer gewiß sein und mich auf sie verlassen. Das gilt für die Liebe eines Menschen und die Liebe Gottes gleichermaßen. Von einer Gewißheit schreibt auch der Apostel Paulus im Römerbrief:

Sprecher: „Ich bin gewiß, daß uns weder Tod noch Leben, weder himmlische noch irdische Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur von Gottes Liebe trennen kann, die in Jesus Christus offenbar geworden ist.“

Autor: Diese Gewißheit finde ich nicht in phantasievollen Spekulationen über das Jenseits, sondern da, wo sie zu biblischen Zeiten entstanden ist: mitten in diesem Leben. Da, wo ich weiter und tiefer zu sehen lerne als auf das, was vor Augen liegt, und entdecke, dass Gott da ist und mir nahe kommt. Da verändert sich mein Blick, und mit ihm verändern sich die Dinge selbst. Nicht ihrer äußeren Erscheinung, sondern ihrem inneren Wesen nach.

Da erkenne ich, daß ich alles Gute in meinem Leben letztlich Gott zu verdanken habe. Ich spüre in jeder glücklichen Wendung der Dinge seine schützende Hand und in aller Kraft, die mir in schweren Zeiten zuwächst, seine Kraft, die mich trägt und hält. Die Menschen, die mir nahestehen, sehe ich als Geschenk und Aufgabe, die er mir anvertraut hat, und in der Liebe, die mich mit ihnen verbindet, einen Widerschein seiner Liebe.

Dann aber kann ich die anderen, mit denen ich das Leben geteilt habe, auch wieder in seine Hände zurücklegen. Der Abschied ist damit nicht weniger schmerzlich, aber wenn ich ihn mit der Gewißheit nehmen kann, daß der Tod nicht das Letzte ist, liegt darin ein großer Trost. Ich habe die Menschen, die mir wichtig sind, ja nicht für immer und ewig verloren, sondern weiß sie bei Gott aufgehoben.

Einen gesegneten Allerheiligentag und tröstliche Gewißheiten in Leid und Trauer wünscht Ihnen Pfarrer Johannes Doering von der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.

Musik 4: „After The Ordeal,“ CD: Genesis „Selling England By The Pound“, Track 6, Label: Virgin Catalogue; LC: unbekannt.

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