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Kirche in WDR 2 | 26.04.2014 | 05:55 Uhr

Der ungläubige Thomas

Die Geschichte hat mich schon immer geärgert. Schon seit der Grundschule. Schon seitdem Frau Kaczmarek, unsere von mir hochverehrte Klassenlehrerin, in der Religionsstunde ihr Heiligenlexikon dabei hatte. Frau Kaczmarek war damals eine junge engagierte Lehrerin und hatte gerade unsere Klasse übernommen. Sehr zu meiner Freude. Ich fand, sie sah sehr nett aus. Um uns kennenzulernen, fragte sie uns der Reihe nach nach unseren Vornamen. Und suchte dann im Lexikon den heiligen Namenspatron zu einem jeden heraus. Ganz zum Schluss zeigte sie dann auf mich: Und Du bist der ungläubige Thomas, sagte sie. Die ganze Klasse lachte. Ich lachte nicht. Ich lief nach hause, die junge Seele in Trümmern. Fühlte mich falsch verpackt und etikettiert. Der ungläubige Thomas wollte ich nicht sein. Ich wollte nicht der sein, auf den man mit dem Finger zeigte und über den alle lachten.

Das wäre auch nicht fair gewesen. Denn Thomas, der biblische Apostel Thomas, war alles andere als ungläubig. Er gehörte von Anfang an zu den 12, war mit Jesus durch dick und dünn gegangen, hatte alles miterlebt, die Euphorie des Anfangs, die Streitigkeiten mit dem Klerus, das Misstrauen der Machthaber, die Intimität des letzten gemeinsamen Mahles und die bitteren Stunden der Gefangenahme, Verurteilung und Tod. Ungläubig? Thomas war immer mit dabei, wie alle anderen auch.

Nur einmal nicht. Einmal hat er gefehlt, weiß der Himmel warum, vielleicht war er gerade einkaufen oder musste jemanden besuchen, die allgemeine Lage checken oder mal mit jemanden reden – wie auch immer: Er war an jenem Abend weg. Allein. Und ausgerechnet an diesem Abend erschien der auferstandende Jesus den Anderen, heisst es/steht geschrieben. Sie saßen hinter verschlossenen Fenstern und Türen, hatten sich verriegelt und verrammelt, versteckt, aus Angst, es könnte ihnen genau so wie ihrem Jesus ergehen, die Staatsmacht würde sie auch noch einkassieren und umbringen. So duckten sie sich weg und wollten abwarten, bis sich da draußen die Lage wieder beruhigt hatte. Sie waren gefangen in Angst und Furcht, in Trauer und Schrecken über das, was passiert war. Vielleicht mutlos, orientierungslos, was sollte nun werden, in ihrer Hoffnung zerschlissen, in einer Art Schockstarre. Was immer auch dann passierte, an jenem Abend, wir wissen es nicht wirklich, aber es gab ihnen neuen Mut, es gab ihnen Auftrieb, neue Hoffnung, neue Perspektiven, ja, sie waren geradezu euphorisch! Aufgeweckt!

Nur Thomas nicht. Als die anderen ihm begeistert erzählten, was sie erlebt zu haben glaubten, da konnte er das nicht nachvollziehen. Wie denn auch? Ihm fehlte was. Dieses gemeinsame Auferweckunsgerleben, das ging ihm ab. Die Erfahrung, dass Jesus lebte, hatte er nicht. Für ihn war Jesus tot. Gekreuzigt, gestorben und begraben. Für ihn kam dieser Wandel ohne jeden Anhaltspunkt, entbehrte jeder Grundlage. Machten die sich da etwas vor? Waren die alle übergeschnappt? War ihnen das vielleicht alles zu Kopf gestiegen? Glaubst Du uns nicht, werden die anderen ihn gefragt haben. Und er wird nicht nein gesagt haben. Aber Thomas war realistisch genug, ihrer Geschichte den Glauben nicht einfach so zu schenken. Und das hat er ihnen auch gesagt. Erst wenn ich das gleiche erlebt habe wie ihr. Erst wenn ich selber begriffen habe, was hier vorgeht. [Sie werden mit dem Finger auf ihn gezeigt, über ihn gelacht haben. Aber er stellte klar:] Wenn ich nicht meine Finger in seine Wunden legen kann, ihn berühren, meine Hand in seine Seite legen kann, dann bin ich nicht bereit zu glauben. Thomas wollte genau so wie sie, auferweckt werden und an das Leben glauben, aber nicht zu jedem Preis. Nicht um den Preis alles zu verleugnen, was geschehen war. Es gab Verwundungen, es gab Leiden, es gab Verletzte und Tote. Thomas wollte wissen, gab es ein Trotzdem? Ein Leben, eine Hoffnung? War die Liebe Gottes tatsächlich stärker als der Tod? Oder machen wir uns gerade etwas vor? Weil wir es gerne anders hätten? Thomas wusste es nicht. Er wollte es aber wissen. War er deshalb un-gläubig? Vielleicht haben die anderen ihn dafür gehalten [und mit dem Finger auf ihn gezeigt, ihn ausgelacht.]

Doch eine Woche später ist ihnen das Lachen vergangen. Gleicher Raum, gleiche Situation, Fenster und Türen verschlossen. Sie saßen immer noch in ihrem selbstgewählten Versteck/Gefängnis. Aber dieses Mal war Thomas nicht weg, dieses Mal war er dabei. Da kam Jesus. Wie auch immer das vor sich ging, plötzlich war er ihnen da, ganz nah. Auch Thomas oder gerade ihm. Denn Jesus zeigte nicht mit dem Finger auf ihn, er lachte ihn nicht aus. Sondern gab ihm sein Recht. Berühre meine Wunden und lege Deine Hand in meine Seite, sagte er, sei berührt und begreife: Gott ist Leben und nicht Tod. Jesus bat ihn, ihm zu glauben. Und Thomas glaubte ihm. Auf sein Wort hin. So wird es in der Bibel erzählt.

Bin ich der ungläubige Thomas, wie Frau Kaczmarek gesagt hat, fragte ich damals meine Mutter, als ich aus der Schule kam. Nein, sagte sie. Das bist Du natürlich nicht. Und dabei lächelte sie. Und ich glaubte ihr.

Copyright Vorschaubild: Christianluiz18 Public Domain CC0 Pixabay

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