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Kirche in WDR 5 | 21.07.2018 | 06:55 Uhr

Die Arbeit der Engel

Guten Morgen!

„Die Arbeit der Engel“ – so ist ein Kapitel in einem Buch von Christoph Ransmayr überschrieben. (1) Dieser Text hat mich sehr berührt.

Christoph Ransmayr erzählt von seiner Begegnung mit einem alten Mann in der damaligen Tschechoslowakei. Der Mann ist 80 Jahre alt. Seit über 15 Jahren hält er den jüdischen Friedhof seiner Stadt instand. Der Friedhof ist schon Jahrhunderte alt und beherbergt viele Tausend Tote. Jetzt leben in der Stadt keine Juden mehr. 300 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden im Dritten Reich von hier in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Nur zehn haben überlebt, sind aber nie zurückgekehrt. Seitdem verfällt der Friedhof. Irgendwann kommt hartnäckig das Gerücht auf, dass der Friedhof zu Bauland werden soll. Der alte Mann ist kein Jude, aber er weiß: Die Totenruhe ist für Juden ein hoher Wert. Jüdische Gräber, jüdische Grabstätten sollen für die Ewigkeit bestehen. Und so beschließt er auf eigene Faust, sich um den Friedhof zu kümmern. Er gräbt die fast versunkenen und überwucherten Grabsteine wieder aus. Er repariert die Friedhofsmauer. Er legt Steine auf die Gräber. Und er müht sich ab, die Inschriften auf den Grabsteinen zu lesen. Auf einem Tuch, das er aus den Trümmern zieht, liest er eingestickt Worte aus dem 91. Psalm: „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Der alte Mann fragt sich, wo die Engel auf dem Weg nach Theresienstadt waren. Hatte Gott sein Versprechen gebrochen? Hatte er für einen Moment vergessen, seinen Engeln Befehle zu erteilen? Die Männer, Frauen und Kinder zu retten… Der alte Mann findet keine Antwort und arbeitet verbissen weiter daran, den Friedhof zu erhalten. Dabei erkennt er, dass er es ist, der auf diese Weise die Arbeit der Engel tut.

Ich lese Ransmayrs Geschichte und mir fällt ein Gedicht von Rudolf Otto Wiemer ein:

Sprecher:

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,

die Engel.

Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein,

manchmal sind sie alt und hässlich und klein,

die Engel.

Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand,

die Engel.

Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,

oder wohnt neben dir, Wand an Wand,

der Engel.

Er steht im Weg, und der sagt: Nein,

der Engel.

Groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein –

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,

die Engel. (2)

Gott vergisst nicht, seinen Engeln zu befehlen. Aber Menschen vergessen zu oft, die Arbeit der Engel zu tun. Engel konnten im Konzentrationslager Theresienstadt nichts tun.

Dafür war es zu spät. Aber Menschen hätten etwas tun müssen. Sie hätten im Weg stehen und Nein rufen müssen, wenn die Lastwagen ihre Nachbarn abholten. Früh genug um alles andere zu verhindern.

So ist es in jeder Gegenwart. Der alte Mann in der Tschechoslowakei tut die Arbeit der Engel, indem er einen jüdischen Friedhof rettet. Ohne Ransmayrs Geschichte wäre er vergessen worden. Viele tun die Arbeit der Engel – wir können ihr Andenken wach halten und damit selbst die Arbeit der Engel tun.

Ihre Mareike Heidenreich aus Münster.

(1) Christoph Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, Frankfurt a.M. (S. Fischer Verlag) 2014.

(2) aus: Rudolf Otto Wiemer, Der Augenblick ist noch nicht vorüber, Stuttgart (Kreuz Verlag) 2001.

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