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Choralandacht | 22.07.2017 | 07:50 Uhr

Die beste Zeit im Jahr ist mein (eg 319)

Instrumental: Gitarrenvorspiel

Autor: Können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie zum ersten Mal im Leben eine Nachtigall gehört haben? Bei mir Großstädter, ich muss das jetzt zugeben, hat das fast bis zum 50. Lebensjahr gedauert. Um Pfingsten herum war ich mit meiner Familie in den Elbauen im Wend-land. Ein herrlich milder Frühsommertag neigte sich dem Ende entgegen. Gegen Mitternacht saß ich noch auf der Terrasse unseres Ferienhauses. Über mir ein grandioser Sternenhimmel. Und dann hörte ich Vögel singen. Zuerst hatte ich meinen Tinnitus in Verdacht, mir einen Streich zu spielen. Ich rief meine Frau. Sie kannte den Ruf der Nachtigall. Sie setzte sich zu mir und ge-meinsam hörten und staunten wir. Damals habe ich tatsächlich zum ersten Mal bewusst gehört, was ich bis dahin nur aus der Literatur kannte.

Instrumental: Gitarrenvorspiel

Sprecher :„Die beste Zeit im Jahr ist mein, / da singen alle Vögelein, Himmel und Erden ist der voll, / viel gut Gesang, der lautet wohl. / Voran die liebe Nachtigall, / macht alles fröhlich überall / mit ihrem lieblichen Gesang,/ des muss sie haben immer Dank“.

Autor: Mit dem Gesang der Nachtigall im Ohr gehen meine Gedanken seither häufig zurück in den Mai 1997. Damals stand ich vor der schweren Aufgabe, die Trauerfeier für Willy Schottroff, meinen Lehrer für alttestamentliche Theologie gestalten zu müssen. Er war zum guten Freund geworden. Nur wenige Monate nach seiner Pensionierung war er, der noch so viele Pläne hatte, einem Krebsleiden erlegen. Oft hatte ich ihn am Krankenbett besucht. Und immer wieder hatte er mich gebeten, ihm aus einem kleinen Gedichtband vorzulesen, den er als Kind in den Kriegsjahren erworben und seither bei sich getragen hatte. Besonders das „Lied des Einsiedlers“ wollte er hören, gedichtet von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen im 30 jährigen Krieg,. Denn es beschreibt den Gesang der Nachtigall als Stimme des Lebens gegen den Tod.

Sprecher: „Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall. Lass deine Stimm mit Freudenschall aufs Lieblichste erklingen. Komm, komm und lob den Schöpfer dein, weil andre Vöglein schlafen sein und nicht mehr mögen singen. Lass dein Stimmlein laut erschallen, dann vor allen kannst du loben Gott im Himmel hoch dort oben“.

Autor: Trost der Nacht! Lebensfreude – allen dunklen Zeiten zum Trotz! Gotteslob, das ohne Unterbrechung weiterklingt - von einem Aufgang der Sonne bis zum nächsten. Seit ich mit ei-genen Ohren gehört habe, wie tröstlich und schön die Nachtigall singt, kann ich meinen Freund auf seinem Sterbebett erst richtig verstehen. Und nicht nur ihn, sondern auch Martin Luther und seine Deutung des Gesangs der Nachtigall. Als Luther 1538 für das von Johann Walter heraus-gegebene Büchlein „Lob und Preis der löblichen Kunst Musica“ seine „Vorrede für alle guten Gesangbücher“ verfasste, war er sich der heilsamen Wirkung von Musik und Gesang längst be-wusst. Einem Freund teilte er mit:

Sprecher: „Gerade die Musik hat mich sooft erquickt und aus großen Nöten befreit… Ich scheue mich nicht zu behaupten, dass nach der Theologie keine Kunst sei, die der Musik gleichzusetzen wäre, weil sie ein ruhiges und fröhliches Herz schenkt“ .

Autor: Die Gesangbuchvorrede Luthers setzt zwar beim Gesang der Nachtigall und aller Vögel am Himmel an, zielt letztlich aber auf ein einziges großes Lob der Musik. Eigentlich umfasst die Rede 40 Zeilen, paarweise gereimt. Aber nur aus den Schlusszeilen ist jener Choral geworden, der Eingang ins Evangelische Gesangbuch gefunden hat.

1. Die beste Zeit im Jahr ist mein,

da singen alle Vögelein,

Himmel und Erden ist der voll,

viel gut Gesang, der lautet wohl.

2. Voran die liebe Nachtigall

macht alles fröhlich überall

mit ihrem lieblichen Gesang,

des muss sie haben immer Dank.

Autor: Mich stimmt dieser Choral gelassen und heiter. Neben seinem Text trägt dazu sicher auch die Melodie bei, die den Charakter eines Volksliedes hat und mich in manchen Passagen durchaus an das Zwitschern von Vögeln erinnert, besonders das der Nachtigall. Ihre Ausnah-mestellung begründen Vogelkundler in der erstaunlichen Fülle von Melodievariationen. Bis zu 260 unterschiedliche Melodien umfasst das Repertoire der männlichen Nachtigall in ihrem Be-mühen, ein Weibchen zu betören. In meinen Ohren jedenfalls klingt ihre Musik ansteckend fröh-lich, unbekümmert, sorglos. Wahrscheinlich deshalb sieht der bengalische Dichter und Musiker Tagore im Lied der Nachtigall ein Bild für den Glauben. Von ihm stammt der Satz:

Sprecher: “Glaube ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist“.

Autor: Ähnlich muss es auch Martin Luther empfunden haben. Er empfiehlt, den Vögeln zuzu-hören, ihren Gesang als ein heilsames Gegenmittel zu entdecken - gegen Ängste, Nöte und Sorgen. Luther schreibt:

Sprecher: “Das Vöglein sitzt auf seinem Zweiglein und lässt Gott sorgen“.

Autor: Und an anderer Stelle sagt er:

Sprecher: „Alle Blümlein und Vöglein haben das Evangelium am Hals geschrieben“ .

Autor: Das Evangelium, das im unbekümmerten Gesang der Vögel ebenso anklingt, wie in je-dem geistlichen Lied, handelt von Jesu Erinnerung daran, wie Gott für seine Geschöpfe sorgt.

Sprecher: „Seht die Vögel unter dem Himmel an. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheuen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie. Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

(Mt 6, 26.25)

Autor: Momente des Innehaltens finden. Sich für eine Weile nur freuen. Sich jetzt, und dann wieder, nicht sorgen; die Wärme und das Glück des Sommers genießen und Momente der Schönheit in sich aufsaugen: So können wir Gott loben, dem wir unser Leben verdanken. Das Lied der Nachtigall verlockt uns dazu.

Instrumental:

Sprecher

„Vielmehr der liebe Herre Gott,/ der sie also geschaffen hat, / zu sein die rechte Sängerin, / der Musika ein Meisterin. / Dem singt und springt sie Tag und Nacht, / seins Lobes sie nichts müde macht: / den ehrt und lobt auch mein Gesang/ und sagt ihm ewgen Dank“.

Autor: Tatsächlich ist es nicht nur die Nachtigall oder all die anderen Vögel, die aufmunternd und tröstlich singen können. Es ist auch meine Stimme, die Gott die Ehre erweisen und ein Loblied anstimmen kann. Und ich selbst singe gerne, vom Morgen bis zum Abend. Ich singe unter der Dusche und beim Autofahren. Ich singe mit meiner Band und am Bett meines Kindes. Natürlich singe ich im Gottesdienst. Und ich lade auch zu Offenen Singen ein, in Kirchen und Ge-meindehäuser, in den Dünen oder am Lagerfeuer. Und dann erlebe ich, wie sich Menschen an-stecken lassen und mitsingen. In unseren Liedern singen wir bisweilen gegen die Zeit an und manchmal der Zeit hoffnungsvoll voraus. Wir singen, weil ein Lied oft viel mehr sagen kann als die Worte allein. Und immer wieder lassen wir uns beim Singen anregen von Liedern der Bibel, den Psalmen Davids. Über dessen Lieder schrieb die Schriftstellerin Nelly Sachs:

Sprecher: „Er baute in seinen Liedern Nachtherbergen für die Wegwunden;

oder: er maß in seinen Psalmen in Verzweiflung die Entfernung zu Gott aus“ .

Autor: In Liedern die Entfernung zu Gott ausmessen. In Liedern Nachtherbergen für die Weg-wunden bauen – es gibt so viele gute Gründe, warum Singen wichtig ist. Meine Melodien sind vielleicht nicht so variantenreich wie der Gesang der Nachtigall. Aber ich teile mit ihr die Le-bensfreude. Und ich erinnere mich an so viele Liedernachmittage und –abende, die zu den bes-ten Zeiten meines Lebens gehören. Auch darum singe ich weiter - zum Lobe Gottes.

Choral:

4. Dem singt und springt sie Tag und Nacht,

seins Lobes sie nichts müde macht:

den ehrt und lobt auch mein Gesang

und sagt ihm einen ewgen Dank.

Musik 1

Titel: "Die beste Zeit im Jahr ist mein"

Text: Luther, Martin

Komponist: Lütge, Karl

Interpret: unbekannt

Leitung: unbekannt

Verlag: SJ Entertainment

LC: 99999

Label: SJ Entertainment

Musik 2

Titel: "Die beste Zeit im Jahr ist mein"

Text: Luther, Martin

Komponist: Lütge, Karl

Interpret: Solistenensemble

Leitung: Schnitter, Gerhard

Verlag: SCM-Verlag GmbH & Co.KG

LC: 07224

Label: hänssler-music

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