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Choralandacht | 22.02.2014 | 07:50 Uhr

Die güldene Sonne (eg 444)

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Haben Sie schon einmal von einer „Rentnerschwemme“ gehört? Ein ärgerliches Wort. Es legt nahe, ältere Menschen würden wie eine Flut über uns hereinbrechen, wie eine Masse, kaum zu bändigen.

„Humankapital“ ist auch so ein Unwort. Menschen werden zu Kapital, das Gewinn abwerfen soll. Als könnte man kühl kalkulierend über sie verfügen. – Wenn ich bei der Bahn eine Auskunft brauche, muss ich zum „Servicepoint“. – Wer früher einen Beruf lernte, war ein Lehrling. Heute heißt das Auszubildender. Und aus dem Altenheim ist oft eine Seniorenresidenz geworden.

Treffen diese Wörter das, was sie sagen, oder führen sie in die Irre?

Wer gut reden kann, überzeugt andere. Wer die richtigen Worte findet, zeigt: Ich habe etwas verstanden und kann mich auch verständlich machen. Vom Glauben reden, dem eine Sprache geben, was mich trägt oder überzeugt – manchmal ist das nicht einfach. Eine Geschichte schreiben, ein Gedicht, einen Liedtext, das ist erst recht hohe Kunst.

Choral 1: Track 1 (Strophe 5, Ahle)

In meinem Studieren / wird er mich wohl führen / und bleiben bei mir, / wird schärfen die Sinnen / zu meinem Beginnen / und öffnen die Tür.

Sprecherin (overvoice): In meinem Studieren / wird er mich wohl führen / und bleiben bei mir, / wird schärfen die Sinnen / zu meinem Beginnen / und öffnen die Tür.

Autor: Der Dichter, von dem diese Verse stammen, Philipp von Zesen, hat viel nachgedacht über die Sprache und Rechtschreibung seiner Zeit. Das Wort Rechtschreibung, hat er übrigens selbst erfunden. Bis dahin gab es nur den Begriff Orthographie. Mit zahlreichen Wortschöpfungen arbeitete er an seinem Ziel, fremde Einflüsse in der deutschen Sprache zu verringern. Wir verdanken ihm Wörter wie Augenblick (für Moment), Abstand (für Distanz), Kreislauf (für Zirkulation), Mundart (für Dialekt), Weltall (für Universum) und viele andere.

Philipp von Zesen und andere liebten und verehrten ihre Muttersprache. Ihrem echten und wahren Wesen wollten sie zum Ausdruck verhelfen. Dazu ersannen sie Regeln: für richtiges Schreiben, richtiges Sprechen, richtiges Dichten. Bei unserem Dichter klingt das so:

Choral 2: Track 1 (Strophe 1)

Die güldene Sonne / bringt Leben und Wonne, / die Finsternis weicht. / Der Morgen sich zeiget, / die Röte aufsteiget, / der Monde verbleicht.

Sprecherin (overvoice): Die güldene Sonne / bringt Leben und Wonne, / die Finsternis weicht. / Der Morgen sich zeiget, / die Röte aufsteiget, / der Monde verbleicht.

Autor: Ein schlichtes Morgenlied. Es erschien nicht in einem Gesangbuch, nicht in einem andächtigen Brevier oder auf einem frommen Liedblatt. Es findet sich in einer Art Lehrbuch für Dichtkunst, dem „Deutschen Helicon“ von 1641. Philipp von Zesen nannte sein Werk eine

Sprecher: „Kurtze verfassung aller Arten der Deutschen jetzt üblichen Verse / wie dieselben ohne Fehler recht zierlich zu schreiben / Darinnen begriffen / Allerley Arten und Muster der Deutschen Getichte“

Autor: Das Ganze dient nach dem Willen des Autors dem „bässern fortgang unserer Poesie“. Zesen wollte also die Poesie, die Dichtkunst fördern. Dazu hat er neben zahlreichen anderen auch das Gedicht verfasst, das Johann Georg Ahle 30 Jahre später mit einer bewegten Melodie versah.

Choral 3: Track 1 (Strophe 2 und 3)

Nun sollen wir loben / den Höchsten dort oben, / dass er uns die Nacht / hat wollen behüten / vor Schrecken und Wüten / der höllischen Macht.

Kommt, lasset uns singen, / die Stimmen erschwingen, / zu danken dem Herrn. / Ei bittet und flehet, / dass er uns beistehet / und weiche nicht fern.

Sprecherin: Nun sollen wir loben / den Höchsten dort oben, / dass er uns die Nacht / hat wollen behüten / vor Schrecken und Wüten / der höllischen Macht. Kommt, lasset uns singen, / die Stimmen erschwingen, / zu danken dem Herrn. / Ei bittet und flehet, / dass er uns beistehet / und weiche nicht fern.

Autor: Fröhlich, tänzerisch kommt der Dreivierteltakt daher. Der Wechsel zwischen einem betonten und zwei unbetonten Tönen entspricht dem Versmaß: Es séi ihm gegében / mein Lében und Strében, / mein Géhen und Stéhn.

Choral 4: Track 1 (Strophe 4)

Es sei ihm gegeben / mein Leben und Streben, / mein Gehen und Stehn. / Er gebe mir Gaben / zu meinem Vorhaben, / lass richtig mich gehn.

Autor: Zesen überschreibt sein Gedicht „Morgenlied von anapästischen Versen“. Der Anapäst ist ein Versmaß im Dreiertakt: Es wechseln immer zwei unbetonte Silben mit einer betonten. Das gibt dem frommen Lied eine vorwärts drängende Dynamik. Freudig bewegt erlebt hier einer die Schönheit des Sonnenaufgangs, die Morgenröte. Freudig bewegt dankt er Gott für die behütete Nacht und wendet dann den Blick nach vorn, lädt ein zum Gebet um Gottes Beistand. Der Beter ist unterwegs, er hat etwas vor, hat ein Ziel vor Augen. Dazu ist er auf die Gaben angewiesen, die Gott ihm gibt. Er bittet um scharfen Verstand und wache Sinne. Und sagt voller Vertrauen:

Choral 5: Track 1 (Strophe 5, Ahle)

In meinem Studieren / wird er mich wohl führen / und bleiben bei mir, / wird schärfen die Sinnen / zu meinem Beginnen / und öffnen die Tür.

Autor: Philipp Zesen ist 22 Jahre alt, als er diese Verse schreibt. Er schließt gerade sein Studium der Poetik und Rhetorik mit dem Magistergrad ab. Er hat viel vor, der junge Sprachwissenschaftler und Poet. Mit enormem Fleiß macht er sich daran, sein geliebtes Deutsch zu hegen und zu pflegen. Er studiert alte Quellen und erforscht die Entwicklung der Sprache. Er entwirft Regeln für Poetik, Grammatik, Rechtschreibung. Und erfindet neue deutsche Wörter. Manche haben sich auch nicht durchgesetzt. So schlägt Zesen vor, statt Kloster „Jungfernzwinger“ zu sagen oder statt Pistole „Meuchelpuffer“.

Das Morgenlied ist eigentlich ein Nebenprodukt seiner sprachpädagogischen Bestrebungen. Es war als Muster für vorbildliche Dichtkunst gedacht. Dieses ursprüngliche Ziel ist heute vergessen. Gerade deshalb zeigt das Gedicht für mich: Gott wirkt in der Sprache der Menschen. Manchmal unverhofft und für lange Zeit. Denn die Kraft seiner vollkommenen Schlichtheit hat das Lied bis heute bewahrt. Ohne Schnörkel und bis heute frisch wie der Morgen bringt es die Bitte um Gottes Beistand zum Ausdruck, die Bitte um die Gaben des Verstandes. So verbindet es tiefe Glaubenszuversicht mit hellwacher Vernunft. Der Dichter hat nicht vergeblich um Gottes Gaben gebetet – auch wenn viele seiner Vorhaben nicht Wirklichkeit wurden. Philipp von Zesen bringt den Glauben zur Sprache. Er findet die richtigen Worte. Sie können berühren und überzeugen. So gibt er allen eine Stimme, die etwas bewegen und bewirken wollen. Und er ermutigt, das Vorhaben im Vertrauen auf Gott aktiv anzugehen.

Choral 6: Track 2 (Strophe 1-3)

Die güldene Sonne / bringt Leben und Wonne, / die Finsternis weicht. / Der Morgen sich zeiget, / die Röte aufsteiget, / der Monde verbleicht.

Kommt, lasset uns singen, / die Stimmen erschwingen, / zu danken dem Herrn. / Ei bittet und flehet, / dass er uns beistehet / und weiche nicht fern.

Musikinformation

Text: Philipp von Zesen (1619-1649) (1641)

Melodie: Johann Georg Ahle (1651-1706) (1671)

Track-Titel: Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne

Chor: MarienKantorei Lemgo

Leitung/Orgel: Volker Jänig

LC-Nr.: Eigenproduktion Studio Schulte, Melle

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