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Das Geistliche Wort | 22.11.2015 | 08:40 Uhr

Die Kraft der Rituale

Autor: Flughafenbahnhof in Köln. 23.30 Uhr. Hier ist die so genannte Drehscheibe für die ankommenden Flüchtlinge. Ein Jugendlicher fällt mir auf, etwa 15 Jahre alt. Er kommt mit der Schar der Ankommenden in das große Zelt, das hier aufgestellt ist. Es gibt Erfrischungen, Schokolade für die Kinder, Suppe und Sitzmöglichkeiten. Der Jugendliche aber geht zuerst an das blecherne Waschbecken am Eingang des Zeltes, zieht seine Schuhe aus und entblößt seine Unterarme. Er reinigt sein Gesicht, wäscht sich die Arme bis zu den Ellenbogen und die Hände. Dann fährt er sich mit nassen Händen durchs Haar, blickt prüfend in einen kleinen Handspiegel, zieht sich ordentlich den Scheitel und schaut dann zufrieden. Zum Abschluss sind die Füße dran - bis zu den Waden. Er lächelt und geht zu den anderen ins Zelt hinein.

Guten Morgen! Mein Name ist Uwe Rieske, ich bin Landespfarrer für Notfallseelsorge aus Bonn. Diese Szene habe ich vor einigen Wochen erlebt.

Was macht er, fragte ich die Muslimische Notfallbegleiterin, die neben mir stand. Das ist die rituelle Waschung vor dem Gebet, sagte sie. Welche Kraft liegt in diesem Ritual. Der Junge, wohl einige Wochen allein unterwegs, hatte an diesem Abend eine zehn Stunden lange Zugfahrt von Salzburg nach Köln hinter sich. Und jetzt war diese Waschung das Erste, was für ihn zu tun war nach der Ankunft in Deutschland. Er wollte seine religiöse Pflicht erfüllen. Sorgfältig nahm er sich dafür Zeit und egal, wie spät es war und wie viele der mit ihm Ankommenden anderes zu tun hatten, wusch er sich Gesicht, Hände, Kopf und Füße, strich etwas Gel in sein Haar und stellte sein Äußeres wieder her. Ordentlich sah er aus, gepflegt. Wer mag ihn dies gelehrt haben, fragte ich mich. Haben ihn seine Eltern mit den Bräuchen seiner Religion vertraut gemacht? Nun sind ihm diese Riten so wichtig und geläufig, dass sie ihm auf seiner Flucht Halt und Zuversicht geben.

Musik 1:

Autor: Meine Mutter, selbst ein Flüchtlingskind, ist im Frühjahr 1945 aus Westpreußen geflohen und in Bielefeld angekommen. Sie hat mir als Kind oft erzählt, wie es war, als sie damals im Westen ankam; und wie sie, ihre Schwester und ihre Mutter am Ende ihren Vater wiedertrafen. Mir hat meine Mutter, wenn ich morgens zur Schule ging und das Haus verließ, ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet und gesagt: „Alles Gute. Und dass mir keine Klagen kommen!“ Heute verabschiede ich meine Kinder selbst mit diesem Satz: „Dass mir keine Klagen kommen!“ Einige dieser in der westpreußischen Heimat entstandenen Rituale gebe ich an meine Kinder weiter.

Wenn mir dies bewusst wird, spüre ich die verbindende Kraft solcher Bräuche und Gewohnheiten – für große, wichtige Lebensetappen ebenso wie für die kleinen Alltagsdinge. Sie verbinden mich unausgesprochen über große Entfernungen und über lange Zeiten hinweg mit Menschen, die meine eigene Geschichte geprägt haben. In diesem Fall mit meiner Mutter. Rituale zeigen, dass ich eine andere Dimension brauche, die meinen Lebensweg bestimmt und regiert als das Planen und Gestalten. Rituale geben mir Kraft und verbinden mich mit meinen Wurzeln.

Jede Religion kennt ihre Rituale, der Islam genauso wie Judentum, Christentum, Hinduismus oder Buddhismus. Welcher Reichtum an Gewohnheiten, Zeremonien und Bräuchen wird in ihnen bewahrt. Aber nicht nur die Religion - viele unserer Lebensbereiche sind von Ritualen bestimmt:

Der Sport und die Schule, das Aufstehen und das Abends zu Bett gehen. Das Ankommen und der Abschied, die Jahresfeste wie St. Martin oder Weihnachten. Wir alle brauchen sie, die Rituale, um uns sicher zu fühlen und aufgehoben in unserer Welt.

Musik 2: Nazim

Autor: Heute ist in den christlichen Kirchen der letzte Sonntag des Kirchenjahres, der Ewigkeitssonntag. Da werden in vielen Gemeinden die Namen der Verstorbenen verlesen. Ich kann eine Kerze anzünden für alle, die gestorben sind und die ich vermisse. Hier in der Kirche ist Raum dafür, mich an sie zu erinnern. Und ich darf traurig sein, ich kann meinen Tränen ihren Lauf lassen. Aufgehoben in einer Gemeinschaft, verbunden mit anderen Angehörigen, die auch da sind, und mit der eigenen Familie vielleicht. Das stärkt, tröstet, hilft für den weiteren Weg.

Da höre ich Worte aus der Bibel:

Sprecherin:

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben,

weder Engel noch Mächte noch Gewalten,

weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,

weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes. (Römer 8,38f)

Autor: Zusammen mit den anderen, die hier in der Kirche sind, halte ich inne und mir wird für einen Moment lang klar, was wichtig ist und was weniger wichtig.

Als Pfarrer in der Notfallseelsorge habe ich in diesem Jahr viele Menschen begleitet, die nahe Angehörige verloren haben. Wir fahren an den Ort, an dem jemand verstorben ist und treffen auf andere Hinterbliebene. Meist sind wir als Notfallseelsorger schon kurze Zeit nach dem Tod eines Menschen vor Ort. Und treffen nicht selten Angehörige, die fassungslos, sprachlos, verzweifelt, voller intensiver Gefühle sind. Dann ist es gut, wenn das möglich ist - zusammen mit ihnen zum Verstorbenen zu gehen, eine Kerze aufzustellen. Wir halten inne, schweigen, formulieren für den Toten ein Gebet und sprechen diesem geliebten Menschen den Segen Gottes zu.

Vor wenigen Tagen stand ich am Bett eines 17-jährigen jungen Mannes, der in den frühen Morgenstunden in seinem Jugendzimmer völlig überraschend verstorben war. Als die Polizeibeamten ihre Ermittlungen beendet hatten, ging ich mit seinen Eltern und der Großmutter in sein Zimmer. Die Mutter zündete seine Taufkerze an und wir hielten einander. Seine Großmutter betete das Ave Maria, das ihr seit den Kindertagen vertraut ist. Und ich sprach den Segen.

Sprecherin: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden! (4. Mose 6,24-26)

Autor: In diesem Ritual liegt unglaubliche Kraft: Es wird ruhig im Raum oder auch draußen an einem Unglücksort. Das Licht der Kerze tritt an gegen die Fassungslosigkeit und Leere, die ein Mensch hinterlassen hat. Schweigend oder weinend zeigen die Angehörigen: Wir waren eng verbunden mit dir, sind es noch. Mögest du nun bei Gott geborgen sein.

Musik 3: Nazim

Autor: Das Licht der Kerze gegen Fassungslosigkeit und Leere. Mein Kind ist nicht mehr da. Meine Eltern sind umgekommen. Mein Mann. Meine Frau. Meine Schwester, mein Bruder. Meine Freundin, mein Freund. Im April dieses Jahres haben wir 150 Kerzen im Kölner Dom aufgestellt - bei der Gedenkfeier für die Opfer des Germanwings-Absturzes vom 24. März. Es war eine große Gedenkfeier mit über 500 Angehörigen aus zehn Nationen. Sie wurde im Fernsehen und im Radio übertragen. Viele nahmen so auch außerhalb der Kirche Anteil. Am stärksten hat mich berührt, als die Schwester einer verstorbenen jungen Frau an das Mikrofon trat. Sie sprach eine Fürbitte – stellvertretend für alle anderen Angehörigen. Sie berührte damit nicht nur die Herzen aller Mittrauernden, sondern Alle im Dom und an den Bildschirmen und am Radio. Auch nach der Gedenkfeier sind wir als Notfallseelsorger weiter in Kontakt mit den Angehörigen der Opfer des Flugzeug-Absturzes und haben sie zu weiteren Angehörigentreffen eingeladen. Immer gab es am Abend eine Andacht, in der Kerzen entzündet wurden für die verstorbenen Passagiere und die Crew des abgestürzten Flugzeuges.

Die Angehörigen sagen, dass ihnen gerade diese Abendandachten sehr viel bedeuten. Dass sie erst hier, im Schein der Kerzen, ruhig werden und in der Stille die bleibende Verbindung mit ihren Lieben spüren und zugleich sich selbst, ihre eigene Lebensgeschichte.

Bei einer dieser Abendandachten haben wir diese Geschichte gelesen:

Sprecherin: Am selben Tag gingen zwei von den Jüngern nach Emmaus, einem Dorf zwei Stunden von Jerusalem entfernt. Unterwegs sprachen sie miteinander über alles, was in den zurückliegenden Tagen geschehen war; und während sie so miteinander redeten und sich Gedanken machten, trat Jesus selbst zu ihnen und schloss sich ihnen an.

Doch es war, als würden ihnen die Augen zugehalten: Sie erkannten ihn nicht. »Worüber redet ihr denn miteinander auf eurem Weg?«, fragte er sie. Da blieben sie traurig stehen, und einer von ihnen meinte: »Bist du der Einzige, der sich zur Zeit in Jerusalem aufhält und nichts von dem weiß, was dort in diesen Tagen geschehen ist?« – »Es geht um Jesus von Nazaret, Ihn haben unsere führenden Priester und die anderen führenden Männer zum Tod verurteilen und kreuzigen lassen. Und wir hatten gehofft, er sei es, der Israel erlösen werde! Heute ist außerdem schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. … Da sagte Jesus zu ihnen: »Musste denn der Messias nicht das alles erleiden?« Dann ging er mit ihnen die ganze Schrift durch und erklärte ihnen alles, was sich auf ihn bezog. So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wollte er weitergehen. Aber die beiden Jünger hielten ihn zurück. »Bleib doch bei uns!«, baten sie. »Es ist schon fast Abend, der Tag geht zu Ende.« Da begleitete er sie hinein und blieb bei ihnen. Als er dann mit ihnen am Tisch saß, nahm er das Brot, dankte Gott dafür, brach es in Stücke und gab es ihnen. Da wurden ihnen die Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Doch im selben Augenblick verschwand er; sie sahen ihn nicht mehr.

(Lukas 24,13-31, Neue Genfer Übersetzung)

Autor: Jesus tut als Auferstandener, was er immer getan hat, wenn sie zusammen gewesen waren. Segnet das Brot, bricht es, verteilt es. An den vertrauten Gesten erkennen ihn die Jünger. Und spüren: in diesem Ritual ist er weiter bei uns, auch nach dem Tod.

Den Angehörigen von Verstorbenen geht es oft so: Auch ihnen fehlen die Gewohnheiten und Rituale, die sie mit geliebten Menschen zu Lebzeiten verbunden haben. Sie vermissen den täglichen Kontakt und die vielen kleinen und großen vertrauten Momente schmerzhaft. Den Gruß, wenn man das Haus verließ und das „Hallo“ beim Nach-Hause-Kommen, die gemeinsamen Mahlzeiten und lieb gewordene Orte, die nun einen neuen Sitz im Leben suchen.

Die Emmaus-Geschichte zeigt, dass diese kleinen Dinge des Alltags ihre Bedeutung auch nach dem Tod eines Menschen nicht verlieren, sondern vielleicht noch kostbarer werden. Manche verschwinden mit dem Tod, andere bleiben. Ein Gute-Nacht-Gruß wird am Abend in den Himmel geschickt. Die Lieblingsblume einer Verstorbenen wird wie früher jeden Freitag in die Vase gestellt – jetzt vor ihrem Bild.

Den beiden Jüngern werden im Licht des Brotbrechens in Emmaus die Augen geöffnet für die ganze Geschichte Jesu, für den Sinn seiner Mission und seines Sterbens; erst im Licht dieses Rituals erkennen sie den tiefen Sinn seines Weges.

Mir geht es mit den Ritualen meiner Familie ähnlich. Wenn wir das Tischgebet sprechen oder bei Familienfeiern alle zusammensitzen, dann fühle ich mich verbunden mit den Bräuchen aus der Heimat meiner Eltern und Großeltern. Genauso bei den Advents- und Weihnachtsbräuchen, die in den nächsten Wochen wieder Einzug halten. Der Duft der Pfefferkuchen, die meine Oma nach einem Rezept aus Westpreußen im Advent backte, ist mir immer noch vertraut.

Und so fühle ich mich verbunden mit diesem 15-jährigen Jungen, der hier im Flüchtlingszelt am Flughafenbahnhof in Köln seine rituelle Waschung vornimmt. Ein neuer Ort ist dies für ihn und seine Zukunft noch völlig offen. Aber er bringt etwas mit - die Verbundenheit mit seiner Herkunft, mit seiner Familie und mit Gott. In diesem Ritual der Waschung vor dem Gebet ist sie zu fühlen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag, der in den christlichen Kirchen Ewigkeitssonntag heißt. Möge er uns und den Unseren und allen Neuankömmlingen in unserem Land die Augen öffnen für die Kraft und den Reichtum der Rituale in unserem Leben - und für das, was uns viel bedeutet. Aus Bonn grüßt Sie Ihr Landespfarrer für Notfallseelsorge Uwe Rieske.

Musik 4: Demi-lune

Musikinformationen:

Musik 1-3: Track 1 Nazim von CD: „ufermann + ercan sahin – selam“;

Interpreten: Ercan Sahin (Gesang, Baglama), Dieter Nett (Gesang, Saxofon, Clarinette), Martin Zobel (Trompete, Flügelhorn), Erhard Ufermann (Piano), Harald Eller (Bass, Saxofon) Thomas Lensing (Gesang Percussion) Jörg Dausend (Schlagzeug); Idee und Konzeption: Erhard Ufermann Vedat Erincin; Arrangements: Dieter Nett, Produzent Ralf Werner RW-Sounddesign, 2006 Wuppertal. (ohne LC-Nr.)

Musik 4: Track 13 Demi-lune von CD: Play Time, Interpret und Komponist: Renè Aubry, Label: Hopi Mesa - 3024002, 2008, LC-Nr. 1672.

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