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Kirche in WDR 4 | 16.04.2014 | 08:55 Uhr

Die Mitte

In der Mitte eines jeden Monats wird in der Kathedrale von Chartres die Bestuhlung weggeräumt. Menschen, die unterwegs zum Altarraum sind, kommen zunächst an einem Plakat mit einem Bibeltext vorbei: „Zeige mir Gott, Deinen Weg, dass ich in Deiner Wahrheit weiterziehe“. (Psalm 86,11) In der Mitte der Kirche erscheint nun auf dem Boden ein Labyrinth, das sonst unter den Stühlen verborgen ist. Sein Eingang liegt zum Osten des Kirchengebäudes hin. Der Himmelsrichtung zum Sonnenaufgang also. Die Sonne ist das Symbol für das Auferstehungslicht zu Ostern.

Heute ist Mittwoch in der Karwoche. In der Mitte entscheidet sich oft, wohin das Pendel schlägt. Sieht es an diesem Wendepunkt nach einer insgesamt zufriedenstellenden Woche aus? Oder ist bisher schon so viel daneben gegangen, dass auch die kommenden Tage es nicht mehr retten werden? So geht’s mit der Mitte des Tages, der Mitte des Jahres, der Lebensmitte. Es sind Haltepunkte, Vergangenes in Ruhe zu bedenken, damit Kommendes Platz hat und wieder frisch und neu möglich sein wird.

Das Labyrinth in Chartres lädt zu so einem Rückblick für eine gute Zukunft ein. Man geht seinen Weg durchs Labyrinth in Stille. Nach einer relativ kurzen Windung auf halber Strecke steht man plötzlich kurz vor dem Ziel. Es ist dabei so, wie wir es ja auch sonst in unserem Leben gerne haben. Zielgenau planen wir die einzelnen Abschnitte: Ausbildung, Lebensort, Partnerwahl, Berufsfindung, Karriere, Ferien – all diese Stadien wollen wir selber mit Willensstärke und Elan zurücklegen.

Aber was passiert da plötzlich in dieser französischen Kirche? Scheinbar kurz vor dem Ziel, kurz vor der Erfüllung, kurz vor dem stimmigen Höhepunkt, kurz vor dem Zentrum des Labyrinths - führt der Weg zwar recht nah um die Mitte herum, lenkt aber ganz unerwartet seitlich ab, um sich nach Kurven und Windungen von einer anderen Seite dem Mittel-Punkt wieder neu zu nähern.

So ist es eben: Die Mitte der Woche, die Mitte des Lebens ist nicht automatisch das, worauf wir bewusst hinarbeiten wollten, was wir also von ihr zutiefst erhofft hatten. In den seltensten Fällen ist es so, dass ein Lebensweg schnurgerade und hundert Prozent direkt auf das angestrebte Ziel zuläuft. – Was man dann braucht, sind Wegweiser. Wie kann der Weg jetzt weitergehen? Wie komme ich doch noch ans Ziel? Manchmal finden sich menschliche Begleiterinnen und Begleiter. Und gut ist es, sich auf Gott zu verlassen, der ja von Oben ganz gewiss den Überblick behält.

Ich hoffe darauf, dass seine Wahrheit dann so in meine Lebensplanung einfließt, dass ich nicht verzweifeln muss, wenn mein Weg kurz vor der Ziellinie umschwenkt. Nicht alle Prüfungen klappen eben auf Anhieb. Nicht alle Lebensstationen erweisen sich sofort als geeignet für einen. Manche Partnersuche ist mit Abschied und Schmerzen verbunden. Manchmal riechen wir nur ein bisschen am Glück, und werden dann doch aus allen möglichen Gründen von der ausstrahlenden Mitte wieder vertrieben wie aus einem erträumten Paradies.

In Chartres geht der Weg durch das Labyrinth sogar so weiter, dass man sich plötzlich wieder am äußersten Rand befindet.

Das, was scheinbar zum Greifen nahe war, ist wieder in weite Ferne gerückt. Manchmal reicht eben nicht nur eine Wendung und eine Umkehr. Es bedarf tatsächlich oft zweiter und dritter Chancen und Anläufe die Woche, das Leben weiter positiv angehen zu können. Am Ende aber führt das Labyrinth dann doch nach einer letzten Biegung völlig unerwartet in die Mitte. Würde man den zurückgelegten Weg jetzt tatsächlich von Oben betrachten können, er würde sich wie eine Blüte und zwar in Kreuzform öffnen. Und das vielleicht Erstaunlichste: Im Gegensatz zu antiken Vorbildern gibt es im kirchlichen Labyrinth von Chartres keine Irrwege oder Sackgassen. Keine Biegung ist überflüssig. Denn der ganze beschrittene Weg gehört zu unserem einmaligen Leben. Unterwegs zu seiner Mitte.

Dass Sie diese Mitte zumindest erahnen können, wünscht Ihnen schon heute Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.

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