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Kirche in WDR 5 | 25.04.2016 | 06:55 Uhr

Die verlorene Tochter

Guten Morgen!

Ich will euch umarmen wie eine Mutter ihr Kind in den Armen hält, sagt Gott beim Propheten Jesaja. Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet. (Jesaja 66,13)

Vielleicht ja so wie Antonia. Antonia hatte zwei Töchter. Dorothee, die Ältere, mochte das kleine Dorf, in dem sie lebten, mit dem Stoffgeschäft ihrer Mutter, das sie bald übernehmen sollte. Marlene, die Jüngere, wollte raus in die Welt, größere Geschäfte machen. „Hauptsache nichts Selbstgenähtes mehr.“

Antonia unterstützte ihre Tochter. Schenkte Marlene ihr Elternhaus, das sie geerbt hatte. „Mach damit, was du willst.“ Marlene verkaufte das Haus der Großeltern und ging nach New York. Fing an zu studieren, Schauspiel und Gesang. Für zwei Jahre war Marlene meilenweit entfernt von dem kleinen Heimatdorf, der Realität. Alles war zu groß, zu hoch, New York eben. Erst wurden die Studiengebühren erhöht, dann brach sie sich beim Tanzen den Fuß. Und stellte fest, dass sie keinen Versicherungsschutz in Amerika hatte. Die letzten 20 000 Euro waren weg. Während eine Träne der Scham über ihre Wange rollte, erinnerte sie sich an diesen Mann, der versucht hatte, sie nicht nur mit seinem Geld zu beeindrucken, sondern sie auch mitnehmen wollte, zu sich, für eine Nacht. Und sie ging in den Club, in dem sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Morgens machte er seiner Katze Frühstück. Aber für sie blieb das Champagnerglas leer. Sie irrte durch die Stadt, landete im Hafen. Auf den Anzeigetafeln ein Angebot: Überfahrt nach Hause, sechs Tage, in drei Stunden. Marlene zählte ihr Geld und fuhr Schiff und nahm an Land den kürzesten Weg zurück zum Stoffladen. Und sah ihre Mutter von weitem und konnte keinen Schritt mehr weiter. Sah wie ihre Mutter zu ihr eilte, spürte dann nur noch wie sie ihre warmen Arme um sie legte und sagte: „Du bist endlich wieder da."

„Mama“, sagte Marlene, „ich hab das ganze Geld verloren und Gott weiß was alles falsch gemacht, aber ich weiß nicht, wo ich sonst hin soll und ich könnte ja im Laden putzen...“

Aber Antonia sagte nur: „Ich hab dir ein Kleid genäht, bestickt wie aus dieser Modezeitschrift, jeden Abend … zieh das an, wir feiern, dass du wieder zuhause bist. “

Und Antonia lud alle ein, auch die, die im Dorf tuschelten und kochte als wäre Weihnachten. Da kam Dorothee nach Hause.

„Sie ist doch noch gar nicht fertig mit ihrem Studium!“, sagte sie vorwurfsvoll.

„Nein, sie hat sich mächtig verlaufen, aber jetzt ist sie wieder Zuhause.“

„Und das ganze Geld?“

„Das ist weg. Aber sie ist jetzt wieder hier.“

„Das ist ungerecht. Nie fahre ich mal länger in den Urlaub, immer helfe ich dir und nie feierst du mal ein Fest für mich. Und Marlene? Kriegt immer alles geschenkt!“

„Aber du hast deinen Platz hier schon gefunden. Alles, was ich habe, gehört dir auch, Dorothee. Du kannst hier selber Feste feiern. Aber deine Schwester muss ihren Platz noch finden, das wird ihr nicht geschenkt. Ich bin einfach nur froh, dass sie sich nicht total verkauft hat. Bitte, feiere mit uns!“

Möge Gott auch Sie heute trösten wie eine Mutter. Wenn Sie unzufrieden sind mit Ihrem Platz in der Welt oder wenn Sie gerade noch nicht wissen, wohin Sie gehören. Das wünscht Ihnen Katrin Berger, Pfarrerin in Levern.

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