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Das Geistliche Wort | 30.04.2017 | 08:35 Uhr

Draußen zu Hause

Guten Morgen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Einen gesegneten Sonntag wünsche ich Ihnen.

Draußen zu Hause: Christsein geschieht unterwegs. Das Christentum ist eine Weg-Religion, in der sich Wesentliches draußen abspielt. Dort ist es Zuhause. Es ist nicht für heimische vier Wände geschaffen. Natürlich kann es drinnen gemütlich sein, sei es daheim oder in Kirchräumen. Vielleicht tun sich Christen in unserem Kulturkreis deshalb auch schwer, ihren eigentlichen Platz draußen zu suchen, bei den Menschen, in anderen Lebenswelten. Ich bin mir aber sicher: ein Wesenskern meiner christlichen Religion liegt draußen und nicht in geschlossenen Räumen.

In der öffentlichen Wahrnehmung des Christentums, so können Sie mir entgegnen, geht es aber oft um Gebäude: Von Kirchenschließungen ist die Rede. Kirchen werden zu Seniorenwohnungen oder Restaurants umgebaut. Schlagzeilen macht in den Medien der teure Wohnsitz eines Bischofs und sorgt für Häme und Spott.

Menschen, die das Christentum nur noch aus Nachrichten kennen, werden meist den gegenteiligen Eindruck haben: das Christentum hat sich in Häusern, teuren Häusern, eingerichtet, statt draußen zu Hause zu sein. Befrage ich das Urdokument des Christentums, die Bibel, dann ereignen sich allerdings die meisten biblischen Geschehnisse außerhalb von Häusern, Synagogen und Tempeln.

Musik I

„Draußen zu Hause“ – Für biblische Erzählungen des 1. und 2. Testamentes scheint das „draußen“ der vornehmliche Ort der Gottesbegegnung zu sein. Liegt es an der Größe Gottes? An seiner Weite?

Gott schließt den Bund mit Noach erst, als dieser nach der Flut auf Gottes Geheiß die Arche verlassen hat. Und Abraham? Der wird von Gott unter den Sternenhimmel geführt, um sich eine Vorstellung seiner großen Nachkommenschaft zu machen. Abrahams Enkel, der Erzvater Jakob, träumt unter freiem Himmel von einer Leiter, die Erde und Himmel verbindet. Und sein nächtliches Ringen mit der Gottheit findet nicht im Zelt statt, es ereignet sich in einer Flussniederung.

Mose hat die entscheidende Gottesbegegnung nicht in einem ägyptischen Monumental-Heiligtum, Sein Leben erhält die entscheidende Wende in der Wüste - verschrien als ein Ort, der besetzt ist von Dämonen. Was für ein gewaltiges Bild: Ein brennender Dornbusch, der nicht verbrennt. Doch wer steckt dahinter? Diese Frage treibt Moses um: Ein Dämon – oder der Gott, dem die Erz-Mütter und Erz-Väter, Abraham, Sara…Glauben geschenkt haben?

Mose führt sein Volk aus dem Kulturland Ägypten heraus. Das Volk Israel lebt vierzig Jahre in der Wüste, unter freiem Himmel, in Zelten, ehe es im „Land der Verheißung“ mit seinem Gott sesshaft wird. Ein langer Prozess. Und es braucht dann noch einmal viele Jahre, bis sich Israel vom Zeltheiligtum trennt, über das der Name Gottes ausgerufen ist. Erst unter König Salomo wird ein Tempel gebaut.

Später, im babylonisch-persischen Exil, haben die Exilierten keinen Tempel für ihre Opfer und Gebete zur Verfügung. Sie treffen sich in Privat-Häusern, um ihre Traditionen zu sichern. Sie lernen wesentliche Teile ihrer Überlieferung auswendig und ziehen damit über die Weltstraßen mit einem tiefen Gott-Wissen in ihren Herzen. Das Draußen ist nicht freiwillig gesucht. Es wird Israel durch Großmächte auferlegt. Doch mehr und mehr wächst ihm damit auch ein universaler Charakter zu, der von einem universalen Gott Zeugnis gibt. Ein Gott, der Menschen überall erreicht, nicht nur an festgelegten Orten, sondern vornehmlich: draußen – im Exil.

Musik II

Israel, ein Volk mit einer „Draußen-Existenz“, hat über Jahrhunderte eine Weg-Frömmigkeit entwickelt. Das wird vor allem in der Veränderung seiner Gottesbilder deutlich: Aus einem kleinen Stammes- und Hirten-Gott entwickelt sich mehr und mehr ein umfassenderes Gottesbild: „Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt…“, singt ein altes Psalmen-Lied (Ps 24,1). Ein universaler Gott! Das war in der damaligen Kulturlandschaft relativ neu. Götter hatten meistens klare Zuständigkeiten: für eine bestimme Volksgruppe, für eine Region, für eine bestimmte Wirkmacht: der eine fürs Wetter, die andere für die Gesundheit. Nun aber: „Dem Herrn gehört der Erdkreis und was ihn erfüllt“. Das bedeutet: Gottes Wirkradius ist umfassend und bleibt allein an ihn gebunden. Es gibt nur den Einen, ein Universal-Gott.

Der einzige Tempel, zu dem das jüdische Volk pilgern konnte, stand in Jerusalem - bis zur endgültigen Zerstörung durch römische Truppen. Schließlich bleibt für Juden auf der ganzen Welt die tragbare Thora-Rolle, die „Zehn Gebote“, das Wahr-Zeichen des mitgehenden Gottes. In den Weisungen lebt die Weisheit Gottes mitten unter den Menschen, wohin auch immer sie gehen. Wenn Menschen diese Weisungen im Herzen tragen, sie auswendig gelernt haben, damit sie innwendig wirksam werden können, kann keiner sie ihnen draußen entreißen.

Dieser Gott ist an kein Heiligtum mehr gebunden, er ist kein „Komm-her-Gott“, zu dem ich pilgern m u s s, er ist ein „Geht-mit-uns-Gott“, wohin auch immer der Weg des Menschen führt. Und kein Ort ist vor Gott sicher: Die göttliche Wirklichkeit verschafft sich Zutritt überall. Sie entwickelt im Laufe der Jahrhunderte sogar eine Zuneigung zu Orten, die von Menschen eher gemieden werden. Gott ist bei den Orten jener Menschen, die in der herrschenden Gesellschaft nicht gerne gesehen sind: Die buchstäblich ausgesperrt werden ins Draußen der Gesellschaft.

Musik III

Der Jude Jesus stand in einer biblischen Weg- und Draußen-Tradition. Gelernt hatte er sie wohl in den Lesungen und Ansprachen seiner Heimatsynagoge in Nazareth. Nach seiner charismatischen Erfahrung bei der Taufe im Jordan übernimmt er diese Tradition ganz praktisch in sein Leben. In sich trägt er das Bewusstsein, in Gott d e n Vater gefunden zu haben, den er sucht. Er lebt ganz aus dessen Liebe und in dessen Liebe. .Aber Jesus will dieses spirituelle Bewusstsein mit Menschen teilen, mit allen Menschen. Er beginnt ein Wanderleben im damaligen Syrien. Und er beginnt seinen Weg an den Rändern der Gesellschaft. Es sind nicht die Frommen in den Synagogen, wohin es ihn zieht. Es sind Blinde, Gelähmte, Taube, Aussätzige und mitten im Leben Tote, die er in den Blick nimmt. Sie sind für ihn ein Bild der damaligen jüdischen Gesellschaft unter römischer Militärdiktatur.

Die Menschen sind bedrückt: durch eng ausgelegte, religiöse Weisungen und politischen Terror. Jesus will sie vom Rand an den gemeinsamen Tisch aller holen - unter freiem Himmel, dem Zelt Gottes.

Am See-Ufer, auf dem Berg, da, wo er Menschen trifft, spricht er, hält er mit ihnen Mahl. Seltener wird erzählt, dass er in ein Haus gerufen wird, oder von sich aus in ein Haus gehen möchte – etwa ins Haus des Zöllners Matthäus. Sein Zuhause sind und bleiben vor allem die Straßen Galiläas und ihre Menschen – und der Pilgerweg nach Jerusalem. Schließlich endet sein Leben draußen, vor den Toren der Stadt, an einem Kreuz - im Gegenüber zum Allerheiligsten des jüdischen Tempels. Draußen, vor der Stadtmauer, begräbt man ihn. Er ist in der Fremde. Sein Heimatort Nazareth und seine Wahlheimat Kafarnaum sind eine Wochenwanderung weit im Norden.

Musik IV

Draußen Zuhause bleibt Jesus auch nach seinem Tod. Hier erfahren ihn seine Jünger als Auferstandenen. In der wunderbar komponierten Geschichte der Emmaus-Jünger begegnen wir im Lukas-Evangelium einer Weg-Erzählung mit einem Fremden, der sich in das Streit-Gespräch zweier Jünger einmischt. Sie haben Jerusalem den Rücken gekehrt und fragen sich, was das ganze Jesus-Ereignis nun für sie gebracht hat. Waren sie einer Täuschung nachgelaufen? Noch auf dem Weg erklärt der Fremde ihnen die Schrift und macht damit den Weg selbst zum Lehrhaus. Eine Wort-Gottes-Feier auf der Straße. Erst am Ziel, in Emmaus, bricht er im Haus das Brot und vollendet den Gang. Er verbindet damit das Draußen und Drinnen und hebt den Gegensatz auf.

Jeder Ort ist dem Auferstandene zugänglich: Ein Gräber-Garten, ein See-Ufer, ein Berg, die Straße, oder ein Obergemach, ein Studier-Raum für Thora-Fromme. Überall in dieser Welt kann der Auferstandene in das Leben der Menschen einbrechen, bewusstwerden oder aufscheinen.

Und kein Ort ist ihm dabei zu schmutzig, zu dämonisch, zu provisorisch oder zu eng. Dort, wo Glaubende Jesus lebendig zur Sprache bringen, oder wo er sich in die Sprache einmischt, geht ein Licht auf. Dort werden die Zeit-Räume hell, auch in den Gefängnissen unserer Zeit. Gottes Zeit und Räume sind alle Zeit.

Synagogen, Kirchen, Moscheen können zerstört werden, abbrennen, entwidmet werden. Für manche ist das ein Zeichen, dass Gott sich aus unserer Welt zurückzieht. Nicht mehr unter uns wohnen will, weil wir ihn nicht mehr bei uns haben wollen. Das mag für manche sogar stimmen. Aber ob Gott weiter unter uns lebt, ob wir in IHM leben, uns bewegen und sind, hängt, Gott sei Dank, nicht an Kultgebäuden.

„Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und dass der Geist Gottes in euch wohnt?“ schreibt der Apostel Paulus den Korinthern. Er ist der große Wanderer des 2. Testamentes. Er hat ein Leben als Zeltmacher auf den Straßen der damaligen Welt verbracht. Er schreibt: „Wenn jemand den Tempel Gottes verderbt, den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr“(1. Korinther 3, 16-17). Der lebendige Mensch ist der lebendige Repräsentant Gottes. In ihm ist Gott zu Hause. In unseren Tagen begegnet uns Gott notvoll auf den Wegen und tödlichen Meeren dieser Welt - als Flüchtender. Dort ist sein Zuhause geworden: In Zelten, in Notunterkünften, in Turnhallen, in offenen Kirchen – und in lecken Booten…

Er ist tatsächlich ein Gott, der mit uns geht. Wir können ihm täglich begegnen.

Musik V

Diese göttlich-menschliche Begegnung heute, drinnen oder draußen, wünscht Ihnen Wilhelm Bruners, Pfarrer in Mönchengladbach

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