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Choralandacht | 03.05.2014 | 07:50 Uhr

Du meine Seele singe (eg 302)

Autorin: „Musik schenkt unseren Herzen eine Seele, verleiht den Gedanken Flügel und lässt die Fantasie erblühen“ – so überschwänglich rühmte der Philosoph Platon vor 2500 Jahren die Kunst der Musik. Aber es gibt Unterschiede: Manche Melodien ergreifen mich umgehend und heben meine Stimmung schlagartig, während andere einfach über mich hinweg rauschen und mich unberührt lassen.

Musik I: Du meine Seele singe – Choräle auf sechs Saiten

Autorin: Eine Melodie, die sich aus der Tiefe emporschwingt, die nur vier Töne braucht, um eine ganze Oktave hinter sich zu lassen. Eine Melodie, die sich leichtfüßig zum Himmel erhebt, um dann dort in den Höhen zwischen den Wolken auf und nieder zu tanzen. Eine Melodie, die mich unmittelbar ergreift.

“Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön..!“ – Dieses Lied von Paul Gerhardt gehört zu den beliebtesten Liedern unseres Gesangbuches- Liegt das an dem Text von Paul Gerhardt oder an dieser herrlichen Melodie, die erst 1666 von Johann Gerhard Ebeling mit den Versen verbunden wurde?

Musik II: Choral, Vorspiel und Strophe 1

Sprecher (overvoice):

Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön

dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn.

Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd;

ich will Ihn herzlich loben, / solang ich leben werd.

Autorin: Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön. Es ist dieses kleine Wort - wohlauf - über das ich schon oft gestolpert bin. “Wohlauf“ – das klingt für mich wie: „Auf geht’s, lass den Kopf nicht hängen, blicke in die Höhe, singe, preise und lobe alles, was dich am Leben hält.“

Paul Gerhardt, der Dichter dieses Liedes, kannte Leid und Elend. Drei von vier Kindern hatte er in den ersten Lebensjahren zu Grabe getragen, seine eigene Frau starb nach nur 13 Jahren Ehe. Da war der einzig verbliebene Sohn gerade erst fünf Jahre alt. Die Folgen des 30-jährigen Krieges - Hunger, Krankheit, Not und Elend, hat er am eigenen Leib erlebt. Nein, er war keiner, der durch eine rosarote Brille auf das Leben schaute, der alles schön malte…oder…vielleicht doch?

Musik II: Choral, Vorspiel und Strophe 2

Sprecher (overvoice):

“Wohl dem, der einzig schauet / nach Jakobs Gott und Heil!

Wer dem sich anvertrauet, / der hat das beste Teil,

das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt;

sein Herz und ganzes Wesen / bleibt ewig ungetrübt.“

Autorin: “Sein Herz und ganzes Wesen bleibt ewig ungetrübt…!“ Nimmt Paul Gerhardt den Mund da nicht zu voll? Ein Herz, das ewig ungetrübt bleibt, nur weil es sich auf Gott ausgerichtet hat?

Wenn ich an mein Leben denke, dann gibt es immer wieder Situationen, die mich richtig runterziehen, die mein Herz betrüben, die mich mutlos machen. Streitereien in der Großfamilie zum Beispiel. Niemand will sie wirklich und doch reißen sie immer neu Wunden. Ob das in diesem Leben noch heilen kann?

Oder Israel und Palästina. Ich war vor wenigen Wochen erst dort. Ein Land, das seit mehr als 30 Jahren in einer Art Kriegszustand lebt. Soldaten, Straßensperren, der Bau einer riesigen Mauer quer durch das Land – all das gehört zum Alltag. Wie sollen die Wunden dieser Feindschaft jemals heilen? Mal wird verhandelt, dann werden wieder neue israelische Siedlungen gebaut und dafür palästinensische Familien enteignet…wie soll da Frieden werden? Ein ewig ungetrübtes Herz…nur weil ich an Gott glaube? Ach, lieber Paul Gerhardt…möchte ich sagen. Das ist und bleibt ein Traum.

Musik II: Choral, Strophe 3 und 4

Sprecher (overvoice):

Ach ich bin viel zu wenig, / zu rühmen Seinen Ruhm;

der Herr allein ist König, / ich eine welke Blum.

Jedoch weil ich gehöre / gen Zion in Sein Zelt,

ist´s billig, dass ich mehre / Sein Lob vor aller Welt

Autorin: Dietrich Bonhoeffer hat die Lieder von Paul Gerhardt im Gefängnis auswendig gelernt. Der evangelische Theologe durchschaute früh die Gewaltherrschaft des nationalsozialistischen Regimes. Als Widerstandskämpfer wurde er 1943 verhaftet. Im Gestapo-Gefängnis in Berlin hatte er viel Zeit, über den Glauben nachzusinnen und seine Gedanken aufzuschreiben.

Manchmal, wenn er mutlos wurde, las und sang er die Lieder Paul Gerhardts.

Diese Verse richteten ihn wieder auf und machten ihn stark. Im Juli 1944, vor ziemlich genau 70 Jahren, verübten Weggefährten von Dietrich Bonhoeffer ein Attentat auf Hitler, das leider fehlschlug.

Einen Tag später schreibt Dietrich Bonhoeffer in sein Tagebuch:

Sprecher: “Zwar beschäftigen mich die theologischen Gedanken unablässig, aber es kommen dann doch auch Stunden, in denen man sich mit den unreflektierten Lebens- und Glaubensvorgängen genügen lässt. Dann freut man sich einfach an den Losungen des Tages…, und kehrt zu den schönen Paul-Gerhardt-Liedern zurück und ist froh über diesen Besitz.“ (zit. nach Martin Rößler, Liedermacher im Gesangbuch, Stuttgart 2001, S. 425)

Autorin: Wir Menschen tragen immer beides in uns: Glauben und Zweifel. Wie Geschwister gehen diese beiden mit uns durch das Leben. Da unterscheiden sich Paul Gerhardt und Dietrich Bonhoeffer nicht von mir und vielen anderen.

Aber wir sind nicht alleine unterwegs. Vor uns waren da viele andere, die uns Worte hinterlassen haben, die stärken, Mut machen und vom Glauben reden. Ein großer Schatz in Stunden der Not und des Zweifels – das waren die Lieder Paul Gerhardts für Dietrich Bonhoeffer und das können sie auch für uns sein.

Keine rosarote Brille, die das Elend dieser Welt vernebelt. Kein weltfremder Traum. Sondern die Erinnerung daran, dass Gottes Kraft wirkt – manchmal sehen und fühlen wir sie nicht – nicht - oder erst hinterher. Sieh doch - ruft Paul Gerhardt uns zu - es geschieht immer wieder: Gott bringt Licht in die Dunkelheit, richtet Menschen auf. Gottes Kraft dringt immer wieder zu uns durch, berührt uns, gerade wenn wir es gar nicht mehr erwarten, stärkt sie uns.

Für mich sind diese Lieder wie ein köstliches Brot, von dem ich essen kann. Gerade dann wenn mich hungert nach Licht und Sonne, nach Zuversicht und Leichtigkeit. Während ich mir ihre Worte und Klänge auf der Zunge zergehen lasse, beginnen sie zu wirken: Wohlauf! Das Leben ist kostbar, Gott sei Dank.

Musik 2: Choral (instrumental)

Musikinformationen:

Musik I.

CD-Name: Du meine Seele singe – Choräle auf sechs Saiten

Titel: Du meine Seele singe

Text: Paul Gerhardt

Melodie: J. G. Ebeling

Interpret: Reinhard Börner

Label: cap!-music

LC-Nr. 06860

Musik II.

CD-Name: Die schönsten Choräle

Titel:Du meine Seele singe

Chor: Wetzlarer Evangeliumschor Wilfried Mann

Leitung :Margret Birkenfeld

Verlag: Schulte & Gerth, Asslar

LC-Nr. 00895

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