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Das Geistliche Wort | 15.10.2017 | 08:35 Uhr

„Eherne Künder des Herren – die Botschaft der Glocken“

Guten Morgen!

Für die einen ein Genuss – für die andern ein Verdruss, das Glockengeläut. Morgens, mittags, abends, vor den Gottesdiensten und dazu der Uhrschlag im Halb- oder Viertelstundentakt. Was die einen als Ruhestörung empfinden, ist für andere eine Beruhigung oder sogar eine Orientierung.

Ich persönlich muss zugeben, dass mich Glockengeläut einfach fasziniert. So freue ich mich jeden Tag über das Geläut vom Kölner Dom, denn ich arbeite genau gegenüber beim domradio als Redakteur. Schon als Kind habe ich aufgehorcht, wenn irgendwo eine Glocke erklang. Ihre Musik mag einfach sein, wenn der Klöppel in der schwingenden Glocke an die Wandung schlägt. Bim-bam könnte man sagen. Doch Glockengeläut ist für mich mehr als nur ein „Gebimmel“. Der Klang der Glocke berührt meine Seele. Eine alte Glockeninschrift hat das einmal sehr treffend formuliert: „Mein Ton ist gestimmt gleichwie dein Herz, bald klingt er freudig, bald voll Schmerz.“

Musik I: Geläut vom Kölner Dom

Glocken begleiten manche Menschen im christlichen Kulturkreis ein ganzes Leben lang; so habe ich das jedenfalls immer wieder erlebt: Glocken läuten zur Kindstaufe, zur Hochzeit und zur Beerdigung. Und ich vermute einmal: Genau deshalb hat Friedrich Schiller in seinem „Lied von der Glocke“ den Entstehungsprozess der Glocke mit den Stationen des menschlichen Lebens verknüpft. Und diese enge Verknüpfung gibt dem ansonsten rein physikalischen Glockenklang seine Seele. Möglicherweise ist das auch der Grund, weshalb in der katholischen Liturgie die Glocke neben dem Altar und den 12 Weihesteinen der einzige Gegenstand ist, der zur Weihe mit dem Chrisam gesalbt wird.

Der gebürtige Kölner Komponist Max Bruch hat Schillers Lied von der Glocke in einem weltlichen Oratorium eindrucksvoll vertont. Die vielfältigen Aufgaben besingen Chor und Solisten, nämlich dass sie „mit ihrem Schwunge des Lebens wechselvolles Spiel“ begleitet und dem „Schicksal ihre Zunge“ verleiht. Hier ein Auszug:

Musik II: Max Bruch, Das Lied von der Glocke („Und dies sei fortan ihr Beruf …“)

Ich möchte heute von einer ganz besonderen Glocke erzählen. Sie feiert in diesem Jahr ihren 600. Geburtstag. Es ist die Große Marienglocke in der Großen Marienkirche zu Lippstadt. In dieser Stadt wurde ich vor gut 40 Jahren geboren und bin dort auch aufgewachsen. Und diese Glocke ist mir von klein auf eine Begleiterin gewesen, ihr Klang hat mich von Kindesbeinen an beeindruckt, so schön klingt sie für mich.

Ich erinnere mich noch, wie ich das erste Mal bewusst diese Glocke gehört habe. Es war an einem Samstagmittag. Meine Mutter hatte mich mit in die Stadt genommen, um auf dem Wochenmarkt Besorgungen zu erledigen. Die Große Marienkirche bildet zweimal in der Woche die große Kulisse für diesen Markt. Als es auf 12 Uhr zuging, bin ich zur Kirche hin um zu horchen, was denn da gleich aus dem Turm zu hören sein würde. Und dann kamen sie, die ersten ungleichmäßigen Schläge, nachdem sich die Glocke langsam in Bewegung gesetzt hatte. Als die Große Marienglocke gerade ihre volle Schwunghöhe erreicht hatte und gleichmäßig anschlug, hörte das Läuten auch schon wieder auf. Kurz war es, zudem leise und irgendwie unnahbar.

Musik III: Große Marienglocke (dis¹) der Großen Marienkirche in Lippstadt

Einige Jahre später habe ich als Schüler mitbekommen, wie die Große Marienglocke restauriert wurde, d.h. sie und drei weitere Glocken des Geläutes der Großen Marienkirche in Lippstadt. Jahrhunderte langer Gebrauch und zum Teil fragwürdige Sanierungsmaßnahmen in den vergangenen Zeiten hatten allen Vieren arg zugesetzt. Jetzt sollte sogar noch das alte Geläut auf sieben Glocken aufgestockt werden. Zu der Restaurierung mussten alle vorhandenen Glocken ausgebaut und vom Turm abgelassen werden. Für die Große Marienglocke von 1417 war es das erste Mal seit über 570 Jahren, dass sie den Turm verließ.

Ich hatte gerade Schwimmunterricht in der Schule, als der Kran neben dem Kirchturm stand, um die Glocken heraus zu hieven. Von den Fenstern des Schwimmbads aus konnte man das Schauspiel jedoch sehr gut beobachten, und mein Sportlehrer hatte sogar Verständnis dafür, dass mir ein Blick auf dieses Ereignis nicht ganz unwichtig war. Drei Jahre dauerte es, bis die restaurierten Glocken zusammen mit den Neugüssen wieder in Lippstadt eintrafen und mit einem Kran in den Turm gehoben wurden. Auch dabei konnte ich zuschauen. Mein Klassenzimmer in einem der oberen Stockwerke der Schule hatte die Fenster wiederum in Richtung Innenstadt und Marienkirche, und mein Sitzplatz war direkt am Fenster. So saß ich quasi in der ersten Reihe bei dieser akrobatischen Meisterleistung: Die Glocken in den Turm der Großen Marienkirche zu hieven.

Nun hängen seit gut 25 Jahren nicht mehr vier sondern sieben Glocken im Turm der Großen Marienkirche. Die fünfte Glocke war nach dem Zweiten Weltkrieg an eine Filialkirche ausgeliehen worden und kehrte nun zurück an ihren angestammten Platz. Von einer weiteren im Ersten Weltkrieg vernichteten Glocke wurde ein Gipsabdruck gefunden, so dass die Rekonstruktion zumindest ihrer äußeren Form möglich wurde. Als Ersatz für eine weitere im Ersten Weltkrieg vernichtete Glocke kam als siebtes ein modernes Instrument hinzu.

Obwohl diese sieben Glocken aus vier verschiedenen Jahrhunderten stammen und zum Teil extrem gegensätzliche Klangbilder aufweisen, ist das Gesamtgeläut erstaunlich homogen. Über die Jahrhunderte gewachsen beeindruckt das volle Geläut an den hohen Feiertagen. Für mich klingt darin etwas von der Botschaft der Liebe Gottes zu den Menschen mit.

Musik IV: Vollgeläut (h°d¹dis¹e¹fis²gis²gis³) der Großen Marienkirche in Lippstadt

Das volle Geläut aus der Großen Marienkirche von Lippstadt. Dabei zählt die Große Marienglocke gar nicht zu den ganz großen Glocken. Die größte mittelalterliche Glocke, die hängt nämlich im Dom zu Erfurt. Knapp elfeinhalb Tonnen ist sie schwer und wurde im Jahr 1497 von dem niederländischen Gießer Geert van Wou geschaffen, also 80 Jahre nach der Großen Marienglocke von Lippstadt. Die Gloriosa wird wegen ihres prachtvollen Klangs als „omnium campanarum regina“, als „aller Glocken Königin“ bezeichnet. Auch von ihr gibt es eine Restaurierungsgeschichte und die hat mich auch sehr angerührt, weil sie zeigt, dass Glocken nicht nur etwas für Christen sind. 1984, also noch vor der Wiedervereinigung, bekam das kostbare Instrument beim Einläuten des Weihnachtsfestes einen Sprung. Im Jahr darauf wurde sie in einer aufwendigen Aktion im Turm geschweißt; dabei halfen auch Glockenspezialisten aus Westdeutschland – eine deutsch-deutsche Aktion zur Rettung eines historischen Kulturgutes. 2004 wies die Gloriosa abermals einen Riss auf. Sie musste nun ganz aus dem Turm ausgebaut werden, in eine Fachfirma gebracht werden, wo sie erneut geschweißt wurde. Als sie am 8. Dezember desselben Jahres erstmals nach der Reparatur wieder vom Erfurter Domturm erklang, verfolgten dies tausende von Menschen vom Domplatz aus. Nicht wenige hatten dabei Tränen in den Augen. Ich finde das bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass in Thüringen nur knapp 8% der Bevölkerung katholisch sind, der überwiegende Teil hingegen sich zu keiner Religionsgemeinschaft bekennt, dann ist das doch ein erstaunliches Bild: Glockengeläut, das die Gemüter bewegt – über Grenzen der Religionszugehörigkeit hinweg.

Musik V: Gloriosa (e°) des Erfurter Domes

Ihre Wurzeln haben die Glocken im asiatischen Raum, wo in einigen buddhistischen Tempeln große gonghaft klingende Glocken aufgehängt sind. Über Äthiopien und die iroschottische Mission kamen sie dann zu uns nach Europa, wo sie zunächst als akustischer Signalgeber fungierten. Erst im Hochmittelalter hat sich der uns heute vertraute Glockenklang herausgebildet, und später begann man Glocken aufeinander abzustimmen, so dass sich ein harmonisches Gesamtgeläut ergibt. Festlich verkünden solche Gesamtgeläute, wenn zum Beispiel ein kirchlicher Feiertag vor der Tür steht, ob der Anlass ein trauriger, ernster oder ein freudiger ist. Glockengeläut hat für mich daher auch etwas mit Verkündigung zu tun. Es drängt sich dabei nicht auf, weil die Wirkung der Botschaft vom Empfinden des Hörers und seiner Interpretation abhängig ist. Ich muss dabei immer wieder an das Gleichnis des Sämanns denken, wo der Samen auf unterschiedlichen Grund fällt und dabei verdorrt oder aufgeht. So ist es auch mit Gottes Wort. Was es im Menschen bewirkt, liegt nicht zuletzt an den Menschen selbst. Ich kann es abweisen oder annehmen, in mir wirken lassen, kurzzeitig oder langfristig. Ganz wie das Glockenläuten: Für den einen ist das Läuten um 12 Uhr ein Zeichen, dass gleich Mittagspause ist. Andere wiederum nehmen es als Aufruf zum Gebet: Sie nehmen ihren Rosenkranz zur Hand und gedenken der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Und wieder andere vernehmen das Glockenläuten als Impuls mitten am Tag, um kurz inne zu halten inmitten des ganzen hektischen Treibens um sie herum.

Das Glockenläuten an Festtagen wie auch im Alltag griff schließlich der US-amerikanische Komponist Charles Ives in manchen seiner Werke auf. Dabei arbeitete er mit modernen musikalischen Elementen, die auch über 100 Jahre nach der Entstehung dieser Musik die Ohren kitzeln. Toncluster, Bitonalität und Polyrhythmik sind dabei feste Elemente. Mich beeindruckt am meisten seine umfangreiche Vertonung des neunzigsten Psalms, wo es inhaltlich um den ewigen Gott und den vergänglichen Mensch geht. Charles Ives zieht hier alle Register seines musikalischen Experimentierens, bis schließlich am Ende bei der Bitte um die Huld des Herrn in der Musik wieder versöhnlichere Töne angeschlagen werden. Und unter allem liegt als „ewiger Gott“ das tiefe C der Orgel, das – natürlich – von Glockengeläut umrahmt wird.

Musik VI: Charles Ives, 90. Psalm

Heute, am Sonntag, sind Glocken besonders häufig und festlich zu hören. Ihre einfache, aber bewegende Botschaft vermittelt mir Gottes Nähe und seine Zusage, bei den Menschen zu sein – und das auf eine Art und Weise, die für mich nicht vereinnahmend ist aber dennoch Präsenz zeigt.

Einen schönen Sonntag – mit hoffentlich schönen Glockenklängen – wünscht ihnen

Ihr Jan Hendrik Stens aus Köln.

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