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Das Geistliche Wort | 08.11.2015 | 08:35 Uhr

Ein Mensch kann den Unterschied ausmachen

Autorin: Ein Mensch kann den Unterschied ausmachen! – Das zeigt mir das Leben von Benjamin Ferencz. Ein Amerikaner von kleiner Statur, aus einer armen jüdischen Familie, der Großes erreicht hat. – Guten Morgen, ich bin Antje Borchers aus Lemgo und ich erzähle Ihnen heute von Benjamin Ferencz. Er ist Jurist, inzwischen 95 Jahre alt, jahrzehntelang hat er sich für einen Internationalen Strafgerichtshof eingesetzt, der Kriegsverbrechen ahndet.

Vor 70 Jahren, direkt nach Ende des 2. Weltkriegs, hat Benjamin Ferencz im Auftrag der amerikanischen Regierung in den Konzentrationslagern Beweise für Kriegsverbrechen der Deutschen gesichert. Mit 27 Jahren wurde er zum Chefankläger im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess. Benjamin Ferencz sagt:

O-Ton 1 Benjamin Ferencz: „It had 3000 men …“ (1)

Sprecher/Overvoice: „Es waren 3000, die in den Lagern Massenmord verübt hatten. Jeden Tag, zwei Jahre lang. Kinder erschossen, Köpfe an Bäumen zerschmettert. Oder Mütter mit Babys vor der Brust erschossen. Sie brauchten nur auf das Baby zu schießen und hatten die Mutter gleich dabei. – Alles in den Akten vermerkt. Meine Aufgabe war es, in den Schreibstuben Beweise zu finden, die der Verhandlung standhielten.“

Autorin: Als einer zum Beispiel behauptete: „Ich war gar nicht dabei. An dem Tag war ich zur Beerdigung meiner Großmutter“, da recherchierten Ben Ferencz und seine Assistenten sofort, ob es diese Beerdigung gegeben hatte und ob der Angeklagte wirklich dort gewesen war. Es stellte sich raus: Der Mann hatte gar keine Großmutter mehr, sie war vor seiner Geburt gestorben. 22 ehemaligen SS-Kommandeuren wurde damals vor Gericht der Prozess gemacht: für den Mord an hunderttausenden unschuldigen Menschen. 22 von 3000 Tätern. (2)

O-Ton 2 Benjamin Ferencz: „Why 22? …“

Sprecher/Overvoice: „Warum 22? Weil es nur 22 Plätze im Nürnberger Gerichtssaal gab. Was geschah mit den anderen 3000? Nichts! Gar nichts! Der Gerechtigkeit wurde nicht Genüge getan. Es war nur ein Symbol für Gerechtigkeit. In der Hoffnung, dass dies andere künftig von solchen Verbrechen abhalten wird. Und um den Menschen zu vermitteln, was wirklich geschehen war. Dafür muss man nicht 3000 Menschen anklagen.“

Autorin: Am Ende hielten die Beweise stand, alle 22 SS-Kommandeure wurden rechtmäßig verurteilt.

Sprecherin: „Ein böses Maul wird kein Glück haben auf Erden; ein frecher, böser Mensch wird verjagt und gestürzt werden. Denn ich weiß, dass Gott, der Herr, des Elenden Sache führen und den Armen Recht schaffen wird. – Die Bibel, Psalm 140“ (Psalm 140,12f, Luther 1984)

1. Musik: Track 2 Fantasia (5:37) aus Quintett für Klarinette und Streichorchester B-dur, op 34, Komponist: Carl Maria von Weber; von CD Werke für Klarinette und Orchester. Interpreten: Sabine Meyer (Klarinette), Wolfgang Meyer (Klarinette, Bassetthorn), Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, Dirigent: Jörg Faerber. Label: Warner Classics International, Copyright: 2014 Warner Music Group Germany Holding GmbH / A Warner Music Group Company, LC-Nr. 06019.

WDR-Schallarchiv: 5001 305 0

Autorin: Nach Ende der Nürnberger Prozesse setzte sich Benjamin Ferencz dafür ein, dass die Deutschen die überlebenden Opfer des 2. Weltkriegs entschädigten. Aber was nimmt man für ein fehlendes Bein oder für die verlorenen Jahre, die jemand zu Unrecht im Gefängnis oder Konzentrationslager gesessen hat? Selbst wenn man so etwas nicht wirklich mit Geld aufwiegen kann, schon die Geste einer Entschädigung wäre viel wert.

Und die Möglichkeit gab es: Nach Kriegsende hatte die bundesdeutsche Regierung herrenloses Eigentum übernommen. Damit hätten die Opfer entschädigt werden können. Aber der bundesdeutsche Finanzminister sagte: „Wir sind nicht verantwortlich, das war die Nazi-Regierung.“ – Benjamin Ferencz antwortete:

O-Ton 3 Benjamin Ferencz: „I said: Yes, you are …“

Sprecher/Overvoice: „’Doch, das sind Sie. Sie haben das Eigentum übernommen, und nun übernehmen Sie die Verpflichtungen.’ Und dann erarbeiteten wir das Gesetz Bundesentschädigungsgesetz Nummer 1.“

Autorin: Trotz des Bundesentschädigungsgesetzes gab es ganze Gruppen, die gar nicht entschädigt wurden. Sie waren zur falschen Zeit im falschen Land. Zum Beispiel polnische Frauen. Die Nazis hatten sie für ihre medizinischen Experimente missbraucht, hatten ihnen Dreck und Sand in offene Wunden gedrückt, um zu sehen, was passiert. „Die bekommen nichts“, sagte die deutsche Regierung, „denn wir haben keine diplomatischen Beziehungen zu Polen.“ Benjamin Ferencz sagte:

O-Ton 4 Benjamin Ferencz: „You get away with that …“

Sprecher/Overvoice: „‘Das wollen wir mal sehen.‘ – Ich wurde Teil einer Kampagne, mit der wir schlussendlich doch eine Entschädigung für diese – meist katholischen – Frauen erkämpften, die im Gesetz nicht vorgesehen waren.

Autorin: Der amerikanische Anwalt flog nach Polen, um dort einige der Frauen zu treffen. Sein Flugzeug hatte Verspätung, die Frauen standen lange im Regen und warteten, ihre kleinen Blumensträuße waren verwelkt.

O-Ton 5 Benjamin Ferencz: „And that’s another touching experience of my life …“

Sprecher/Overvoice: Das war eine berührende Erfahrung in meinem Leben, ihre Dankbarkeit zu sehen. Solche Erlebnisse treiben mich an, weiter zu machen.“

Sprecherin: „Gott spricht: Lasst ab vom Bösen! Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache. – So der Prophet Jesaja in der Bibel.“ (Jesaja 1,16f, Luther 1984)

2. Musik: wie Musik 1

Autorin: Benjamin Ferencz machte weiter. Nicht nur die schönen Erfahrungen wie die entschädigten Frauen in Polen treiben ihn an. Auch die schrecklichen. Alles, was er in den KZs an Leid miterlebt hatte, die detaillierten Berichte, die er über die Gräuel gelesen hatte, und das, was er mit eigenen Augen gesehen hatte: Wie die KZ-Gefangenen Lynchjustiz an den Wärtern übten. Das geht nicht folgenlos an einem Menschen vorüber.

O-Ton 6 Benjamin Ferencz: „I was just an observer …“

Sprecher/Overvoice: „Ich war nur Beobachter, aber ich konnte mit den Opfern fühlen, weil ich so nah dran war. – Heute würde ein Arzt sagen: posttraumatisches Belastungssyndrom. Ich habe es nicht ignoriert. Es ist in mir. Nicht verborgen, wie in einem Kokon, es ist eine treibende Kraft in mir. Und als ich 50 war, beschloss ich, alles andere, was ich tat, aufzugeben und zu versuchen zu verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht. Das ist eine schwierige Aufgabe, denn es passiert wieder und wieder. Auch jetzt gerade.“

Autorin: Benjamin Ferencz sieht seine Lebensaufgabe darin, dass die Lehren aus den Nürnberger Prozessen nicht vergessen werden. Sie heißen: Angriffskrieg ist das schlimmste internationale Verbrechen. Und alle Staaten und alle Menschen unterliegen demselben Gesetz. Besonders geschmerzt hat ihn: Ausgerechnet die Amerikaner selbst hatten beim Vietnamkrieg diese Lehren von Nürnberg vergessen, die sie dem Rest der Welt beibringen wollten. Benjamin Ferencz kämpfte für ein internationales Gericht, das internationale Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ahndet, ganz gleich, welchen Status ein Staat in der Weltgemeinschaft hat oder welche Gesetze dort herrschen.

O-Ton 7 Benjamin Ferencz: „And of course …“

Sprecher/Overvoice: „Aber natürlich scherten sich weder die Amerikaner, die Russen, die Franzosen, noch die Chinesen einen Deut darum.“

Autorin: Doch er blieb hartnäckig. Schrieb grundlegende juristische Bücher über das Völkerrecht und internationale Verbrechen und er verschaffte sich über verschiedene Nicht-Regierungs-Organisationen Zugang zu den Versammlungen der Vereinten Nationen.

O-Ton 8 Benjamin Ferencz: „I sat in that all that meetings …”

Sprecher/Overvoice: „Ich saß in allen Meetings. Niemand meinte es ernst mit dem Thema. Sie sagten mir immer wieder ‚Ben, hör auf damit! Es wird nie einen Internationalen Gerichtshof geben. Die Großmächte werden das niemals akzeptieren.’ Worauf meine Antwort war: ‚Ich werde es trotzdem versuchen.’“

Sprecherin: „Gott hat dich wissen lassen, Mensch, was gut ist und was er von dir erwartet: Halte dich an das Recht, sei menschlich zu deinen Mitmenschen und lebe in steter Verbindung mit deinem Gott! – Der Prophet Micha“ (Micha 6,8 Gute Nachricht Bibel)

3. Musik: wie Musik 1

Autorin: Benjamin Ferencz machte Lobbyarbeit für sein Thema: die Gründung eines Internationalen Strafgerichtshofs. Manche, viele hielten ihn für einen Spinner. Dann kam der Bosnienkrieg, zehntausende Frauen wurden vergewaltigt.

O-Ton 9 Benjamin Ferencz: „The American Women …”

Sprecher/Overvoice: „Die amerikanischen Frauen – Gott segne sie – waren empört. ‚Unternehmt was! Das ist ungeheuerlich. Wir müssen die Vergewaltigungen und Morde an den Frauen stoppen!’ – Es war im Wesentlichen eine Frauenbewegung, die genügend Druck auf Washington und die Politiker aufbaute, damit sie etwas taten.“

Autorin: Doch noch immer kein Internationaler Strafgerichtshof. Kurz danach geschah in Ruanda der Genozid, der Völkermord.

O-Ton 10 Benjamin Ferencz: „Ruanda …“

Sprecher/Overvoice: „Ruanda betrachte ich als eine Schande für die Weltgemeinschaft: zuzulassen, dass nach dem Nazi-Holocaust 800.000 Menschen abgeschlachtet werden, und die internationale Gemeinschaft es geschehen ließ. Sie hätten aufschreien und etwas tun können – und sie taten es nicht.“

Autorin: Dies war die politische Weltlage, als sich die Vereinten Nationen 1998 in Rom trafen. Es ging um die mögliche Gründung eines Internationalen Strafgerichtshofs. Die kleinen Staaten wollten ihn, die USA auf keinen Fall.

Da war Benjamin Ferencz mittlerweile 78 Jahre alt. Obwohl er keinen offiziellen Status hatte, bat man ihn, ein Eröffnungsstatement zu halten.

O-Ton 11 Benjamin Ferencz: „And I began …“

Sprecher/Overvoice: „Ich begann meine Rede so: Ich bin nach Rom gekommen, um für die zu sprechen, die nicht sprechen können: die Opfer grausamer Verbrechen. Und ich bin hierher gekommen, um Ihnen für Ihre Arbeit Mut zu machen: Sie können es tun!“

Autorin: Am Ende wurde das Rom-Statut angenommen. Mit 120 Ja-Stimmen, 7 Nein-Stimmen und 21 Enthaltungen.

Atmo Jubel und O-Ton 12 Benjamin Ferencz: „It was a time of jubilation …“

Sprecher/Overvoice: „Es war ein Moment des Jubels. Alle sprangen auf: Hurra! Wir sind nicht gescheitert. – Es war ein historisches Ereignis.“

Autorin: Vier Jahre später, 2002, begann der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag seine Arbeit. Seine Aufgaben: Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Genozid und potentiell auch das Verbrechen des Angriffskrieges zu untersuchen und anzuklagen. Die Arbeit ist nicht einfach. Denn kann der Strafgerichtshof die Zeugen schützen, die oft aus Ländern kommen, die kein Zeugenschutzprogramm haben? Werden seine Urteile wirklich weltweit anerkannt? Wenigstens von den 120 Unterzeichner-Staaten? – Es gibt noch viel zu tun. Und die Welt braucht weiterhin Menschen, die sich unbeirrt für ein besseres Zusammenleben engagieren. Die einen Unterschied ausmachen.

Lebensgeschichten wie die von Benjamin Ferencz machen mir Mut: dass auch ich mich engagiere. Diese Woche kommt ein sehr interessanter Film über ihn und seine Lebensaufgabe in die Kinos. Titel: „A man can make a difference“ – Ein Mensch kann einen Unterschied ausmachen. Das stimmt. Immer wieder. Damit wahr wird, was Gott versprochen hat:

Sprecherin: „Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Gerechtigkeit Nutzen wird ewige Stille und Sicherheit sein, dass mein Volk in Häusern des Friedens wohnen wird, in sicheren Wohnungen und in stolzer Ruhe. – Der Prophet Jesaja“ (Jesaja 32,17f, Luther 1912)

4. Musik: Track 1 Allegro (7:33) aus Quintett für Klarinette und Streichorchester B-dur, op 34, Komponist: Carl Maria von Weber; von CD Werke für Klarinette und Orchester. Interpreten: Sabine Meyer (Klarinette), Wolfgang Meyer (Klarinette, Bassetthorn), Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, Dirigent: Jörg Faerber. Label: Warner Classics International, Copyright: 2014 Warner Music Group Germany Holding GmbH / A Warner Music Group Company, LC-Nr. 06019.

WDR-Schallarchiv: 5001 305 0

Autorin: Es verabschiedet sich von Ihnen Antje Borchers von der evangelischen Kirche in Lemgo.

(1)O-Töne von Benjamin Ferencz aus dem Film „A man can make a difference“, ab 12. November 2015 in den Kinos. Rechte sind eingeholt über Senta Koske Presseabteilung W-film Distribution, 50679 Köln, (Pressematerial)

(2)Ursprünglich waren es 24. Zwei überlebten den Prozess nicht (verstorben, Suizid).

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