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Das Geistliche Wort | 28.12.2014 | 08:40 Uhr

Ein Stück Heimat

Musik: Es ist ein Ros entsprungen, Track 12 von der CD Nils Landgren - Christmas with my friends I, LC 07644, Label: Act; Musik: 16. Jahrhundert, instrumental, Interpreten: Nils Landgren, Walter Brolund Trombone Choir

Autor: Ach, war das wieder schön! Ja, gemütlich und schön haben wir’s uns gemacht an Weihnachten, wie immer, fast bis zum kitschigen Geht-nicht-Mehr mit Tannengrün und Kerzen allüberall und Omas Stollenrezept von früher. Warum wir das tun? Weil wir gerührt sein und berührt werden wollen, wenigstens einmal im Jahr und hemmungslos dazu stehen. Und wohin zieht es uns an Tagen wie diesen? Ganz klar: Nach Hause. Ein guter Anlass für den evangelischen Pfarrer Dietmar Silbersiepe aus Düsseldorf, mit Prominenten und Menschen aus seiner Umgebung darüber ins Gespräch zu kommen, was das ist: Zuhause, Daheim, Heimat. Ich bin Gerd Höft.

Musik 1: Hillich Ovend ben ich doheim, Track 3 von der CD: Höhner – Weihnacht doheim un üverall, LC 0193, Label: Electrola Musik: Trad., Text: Bernd Streffing/Höhner, Interpreten: Die Höhner

Hillich Ovend ben ich doheim, will all´ die, die ich jän han sin, wo ich auch ben, wo ich mich römdrieve, hillich Ovend ben ich doheim!

Autor: Nach den Feiertagen ist´s dann erst recht schön. Die Hektik der Adventszeit ist endgültig vorüber, der Weihnachtsbraten ist gegessen, die Geschenke sind ausgepackt. Es wird stiller, still und besinnlich, besinnlich im schönsten Sinn des Wortes, vor allem für die, die nicht gleich wieder abdüsen in die weite Welt oder zum nächsten geschäftlichen Termin, sondern die zuhause bleiben im Kreis der Vertrauten, der Familie, der Freunde.

Wunderbar - diese schwerelose Zeit zwischen abgebrannten Weihnachtskerzen und dem Feuerwerk in der Silvesternacht: Zeit, Dinge zu tun, die das Jahr über liegen geblieben sind, Aufräumen zum Beispiel - innen und außen: den Schreibtisch, den Keller, den Dachboden, aber auch die Herzensräume, dort, wo sich im zurückliegenden Jahr ungelöste Fragen, unerfüllte Sehnsüchte eingenistet haben. Und schon sind wir bei einem Thema, das wie kein anderes in die Tage zwischen den Jahren passt: „Heimat“. Heimat, die uns, wie der Philosoph Ernst Bloch gesagt hat, in die Kindheit scheint und die uns immer wieder einholt in uralten Fragen wie: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Wo bin ich zuhause? Zu wem gehöre ich, wohin gehöre ich im Fluge der Zeiten? Was hält mich? Was trägt mich? Wo bin ich „verwurzelt“?

Der Kabarettist und Autor Frank Goosen hat darauf eine bodenständige Antwort.

O-Ton Frank Goosen 1: Ich wohn immer noch in Bochum.

Musik 2: Bochum, Track 10 von der CD: Herbert Grönemeyer – live, LC 01387, Label: Grönland; Musik, Text, Interpret: Herbert Grönemeyer

Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser, als man glaubt, tief im Westen.

O-Ton Frank Goosen 2: Heimat is‘n wichtiger Bezugspunkt für mich, das ist da, wo ich mich auskenne, das ist da, wo ich nich nach’m Weg fragen muss weder im konkreten noch im übertragenen Sinne.

Autor: Vertrautsein also mit einem Ort, mit Straßen, mit Bäumen, Blumen, Kneipen an der Ecke, Kanälen, Flüssen und Seen. Natürlich auch mit Menschen.

O-Ton Frank Goosen 3: Ganz starker Bezugspunkt war immer meine Omma, von der ich ja auch auf‘er Bühne erzähle und von der ich so’n bisschen das pointierte Quasseln habe. Also, meine Omma hat ja schon, als ich‘n Kind war, so Sätze abgesondert, die wir Komiker One-liner nennen, so Ein-Satz-Witze, die ich später dann tatsächlich nur ins Programm einfügen musste. So berühmte Sachen wie „Omma, wie war dat nach’m Krieg?“, „ja, wir hatten nix, da steckt ja alles drin ‘ne“.

Autor: Auch also die Wege und Richtungen im übertragenen Sinn, die einem durch Oma und Opa, die Eltern und das Umfeld der Heimat mitgegeben wurden.

O-Ton Frank Goosen 4: Wenn man’s so’n bisschen von der idealen Warte aus betrachtet, ist es so, dass im Ruhrgebiet ja durch das sehr starke Zusammengehörigkeitsgefühl der Arbeiter im Bergbau tatsächlich lange Jahrzehnte so’n Solidaritätsgefühl überlebt hat. Also dieses Ding, dass man sich unternander hilft, das ist ne Sache, die ich immer erlebt habe, so als Kind hab ich die Erwachsenen dabei beobachtet, wenn’s um den Schrebbergarten ging, da liefen immer genug rum, der eine konnte mauern, mein Vater war Elektriker, der nächste konnte tapezieren, also, die ham kein Handwerker angerufen, weil die sich untereinander alle geholfen haben, die haben ganze Häuser so hochgezogen, und das ist schon ein Kennzeichen dieser Gegend.

Musik 3 = Musik 2: Bochum, Herbert Grönemeyer - live

Du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau, du liebst dich ohne schminke, bist 'ne ehrliche Haut, leider total verbaut, aber grade das macht dich aus.

Autor: Und was für ein Glück, wenn das heimatliche Zusammengehörigkeitsgefühl vor Menschen anderer Herkunft und Nationalität nicht haltmacht.

O-Ton Frank Goosen 5: Heimat hat ganz viel mit der Gegend zu tun, klar, vor allem is Heimat aber eben auch ein Gefühl, das einschließen, also zusammenführen soll und nicht ausschließen soll. Das ist ja das Problematische am alten Heimatbegriff, das ist meine Heimat, aber da hast du nix zu suchen, wenn du zum Beispiel nicht von hier bist, das ist ein Heimatbegriff, den in meiner Generation eigentlich alle ablehnen würden. Das Ruhrgebiet war eben als Anziehungspunkt für Arbeitskräfte immer unter nem Druck des ewigen Wandels, auch des demographischen Wandels, und da kann man schon ne Menge studieren, was anderen Gegenden bevorsteht, gerade was eben das Miteinander der Kulturen angeht.

Autor: Ein gutes Miteinander hat Nihat Öztürk erlebt. Er ist Geschäftsführer der IG Metall Düsseldorf und lebt seit über 40 Jahren in Deutschland. Geboren und aufgewachsen ist er im türkischen Antakya.

O-Ton Nihat Öztürk 1: Es gibt tausend schönere Ort definitiv weltweit, aber es gibt keinen Ort, wo ich, ja, so‘ne Seelenruhe haben kann und auch genießen kann, und womit ich auch, ja, meine ganzen Erinnerungen, meine ganze Familie und so weiter, ich fühle mich einfach da wohl.

Musik 4: Antakya Nr. 2, Track 19 von der CD: Quadro Nuevo - Antakya, LC 11188,Label: Fine Music, instrumental, Musik und Interpreten: Quadro Nuevo, Musik zu dem Film „Zwei halbe Leben sind kein Ganzes“ von Servet Ahmet Golbol

Autor: Ohne Eltern aber mit einem türkischen Schulabschluss kam Nihat Öztürk Anfang der siebziger Jahre nach Deutschland, nach Mittelfranken. Dort lebten bereits entfernte Verwandte von ihm. Antakya, das antike Antiochien, wird für ihn immer seine erste Heimat sein und Heimat bleiben, doch:

O-Ton Nihat Öztürk 2: Das ist das eine, das ist Vergangenheit. So. Es gibt eine zweite Vergangenheit: Also, wenn ich in Franken bin, wo ich meine ersten Gehversuche gemacht habe, in Mittelfranken, in Bad Windsheim, wo ich sozusagen als Heranwachsender im Alter von 18/19 gelebt habe und meine Grundsozialisation in Deutsch sozusagen durchlebt habe. Ich hab viel länger in Hamburg gelebt, in Dortmund gelebt, und ich leb mittlerweile seit 1995 in Düsseldorf, und trotzdem ist das ein ganz besonderer Ort für mich, weil ich, wie gesagt, Deutschland dort gelernt habe, deutsch gelernt habe, mich mit dem Leben hier auseinandergesetzt habe, gearbeitet habe, die ersten Freundschaften, die ersten Kontakte - und darauf bin ich sehr, sehr froh: Ich habe zwei Freunde, die ich seit dem zweiten oder dritten Tag meines Aufenthaltes in Deutschland, das sind immerhin 41 Jahre, kennengelernt habe, bis heute haben wir einen engen Kontakt und wir sehen uns regelmäßig.

Sprecherin: Heimat ist unerlässlich, aber sie ist nicht an Ländereien gebunden. Heimat ist der Mensch, dessen Wesen wir vernehmen und erreichen": Max Frisch. „Was ich an Heimat habe, liegt da und dort verteilt, im Bewusstsein der Freunde“: Rainer Maria Rilke. „Dort wo Freunde sind, entsteht Heimat: Anselm Grün“.

Autor: Dort, wo Feinde sind oder feindliche Verhältnisse, kannst du Heimat und heimatliche Gefühle verlieren. Vertriebene und Menschen auf der Flucht wissen davon ihr Lied zu singen, auch Menschen, die aus freien Stücken in die Fremde gegangen sind, um dort ein neues Zuhause zu suchen. Nicht allen Einwanderern ist es in Deutschland so ergangen wie Nihat Öztürk.

Wie bedroht und wie zerbrechlich heimatgebende menschliche Beziehungen sein können, davon weiß jeder von uns sein eigenes Lied zu singen. Trennungsschmerz kann heimatlos machen - mitten im Leben oder wenn uns der Tod einen Menschen nimmt. Die Zahl der Freunde nimmt ab im Alter und damit Stück für Stück das, was uns diese Welt zur Heimat macht.

Musik 5: Ich bin ein Gast auf Erden, Track 1 von der CD: Gerhard Schöne - Ich bin ein Gast auf Erden Gast auf Erden, LC 6312, Label: Buschfunk; Musik: Leo Hassler 1601, Text und Interpret: Gerhard Schöne, Arrangement: Tobias Morgenstern

Ich bin ein Gast auf Erden. Bald muss ich wieder gehn. Umarme ich Gefährten, sag ich: „Auf Wiedersehn!“ Dann denke ich beklommen: Ob wir wohl noch einmal wie heut zusammenkommen? Wer weiß der Stunden Zahl?

Autor: Nur Gäste sind wir und wie Fremde in diesem Leben auf dem Planeten Erde - heißt es in der Bibel nüchtern und realistisch. Wir finden hier nur „ein Stück“ Heimat. Von Johann Wolfgang von Goethe stammt der berühmte Satz: Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel. Nur wer Wurzeln hat, kann fliegen, fliegen durch die Zeit mit all den Herausforderungen, die wir zu bestehen haben in unserem kleinen und zeitlich begrenzten Stück Heimat, bis wir ganz und vollkommen zuhause sind bei Gott, von dem wir gekommen sind und zu dem wir gehen. In diesem Vertrauen ist Jesus uns vorangegangen. Geboren in einem provisorischen Stall, einsam gestorben, heimatlos und verloren an einem Kreuz und am Ostermorgen auferstanden - geborgen in den Händen Gottes. Wie schön und wie heilsam, dass ich daran glauben kann: So wird es auch mit mir und meinem provisorischen Leben sein.

Musik 6: Come darkness, come light, Track 5 von der CD: Mary Chapin Carpenter - Come darkness, come light, Twelve songs of Christmas, LC 00171, Label: Decca; Musik, Text, Interpret: Mary Chapin Carpenter

Come running, come walking slow, come weary on your broken road, come see Him and shed your heavy load. Alleluia. There's a humble stable and a light within, there's an angel hovering and three wise men, today a baby's born in Bethlehem. Alleluia.

Autor: „Wurzeln, die uns Flügel schenken: Glaubensreisen zwischen Himmel und Erde“, heißt ein Buch von Margot Käßmann. Die streitbare Protestantin, die sich unermüdlich einsetzt für Frieden und Gerechtigkeit im Stück Heimat auf Erden, bekennt gerne, worin sie selber verwurzelt ist und was ihr Kraft gibt.

O-Ton Margot Käßmann 1: Ich denk, es ist wichtig im Leben, dass du so‘ne innere Kraft hast, auch damit fertig zu werden, wenn es Schwierigkeiten gibt, Probleme, Leid, Kummer, Krankheit, ja, Scheitern, und dann zu sagen, du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand, das war für mich immer ein Satz, der mir viel bedeutet hat.

Margot Käßmann: Ich hätte gerne einen lila Sarg, Leben mit dem Tod, ARD Themenwoche 2012, ARD-Videos: www.youtube.com/watch?v=qnWcriLhMws

Musik 7: Someday at Christmas, Track 5 von der CD: Nils Landgren - Christmas with my friends III, LC 07644, Label: Act; Musik: Stevie Wonder, Arrangement: Johan Norberg, Text: Ronald Miller, Bryan Wells, Interpreten: Jessica Pilnäs, vocals, Jonas Knutsson, Eva Kruse, Johan Norberg, Nils Landgren, Ida Sand

Someday at Christmas there'll be no wars, when we have learned what Christmas is for, when we have found what life's really worth, there'll be peace on earth. Someday all our dreams will come to be, someday in a world where men are free, maybe not in time for you and me, but someday at Christmastime.

O-Ton Margot Käßmann 2: Über die Zeit nach dem Leben ist in der Bibel gar nicht so viel gesagt, außer dass es eine Zeit bei Gott gibt nach dem Tod. Und da gibt’s ‘n schönen Vers im Buch der Offenbarung, der sagt, dann werden die Tränen alle abgewischt sein und Leid, Geschrei, Not und auch der Tod werden ein Ende haben. Und die Vorstellung, die reicht mir erst mal.

Autor: „Wohin gehen wir? Immer nach Hause“, sagt der Dichter Novalis. „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“, sagt Jesus zu seinen Freunden. „Ich gehe hin, um dort alles für euch vorzubereiten. Und wenn alles bereit ist, werde ich kommen und euch zu mir holen. Dann werdet auch ihr dort sein, wo ich bin“. Die Zeit zwischen den Jahren - Zeit darüber nachzudenken: wie finde und kultiviere ich mein Stück Heimat auf Erden und wo werde ich einmal endgültig zu Hause sein.

Musik 8 = Musik 7: Someday at Christmas, Nils Landgren - Christmas with my friends III, instrumental

Autor: Diese Sendung der evangelischen Kirche von Pfarrer Dietmar Silbersiepe aus Düsseldorf wurde gesprochen von Gerd Höft. Einen schönen Sonntag!

Musik 9 = Musik 7: Someday at Christmas, Nils Landgren - Christmas with my friends III Someday at Christmas we'll see a man, no hungry children, no empty hand, one happy morning people will share, our world where people care.

Someday at Christmas there'll be no tears, all men are equal and no men have fears, one shining moment my heart ran away from our world today.

Someday all our dreams will come to be, someday in a world where men are free, maybe not in time for you and me, but someday at Christmastime.

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