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Das Geistliche Wort | 09.10.2016 | 08:35 Uhr

Ein Stück vom Paradies

Musik 1: Barbara Dennerlein (Komponistin und Interpretin) „Love Letters,“ Abum „Love Letters“ Nr.2, Bebab Records, LC-Nr. 08526, Bar-Code 7 4321862772 9

Das Paradies: ein Leben in Fülle, Frieden und vollkommener Harmonie. Unberührte Natur. Paradiesische Strände. Paradiesische oder auch himmlische Ruhe nach höllischem Lärm. Paradies - das Wort steht für den Traum von einer heilen Welt. In der Bibel steht es zum einen für den Himmel, für das künftige ewige Leben. Zugleich hat es in ihr aber auch eine sehr irdische Bedeutung.

Musik 1

Das Wort „Paradies“ stammt aus dem Persischen und meinte ursprünglich einen geschützten, umhegten Bezirk, eine Siedlung oder einen Garten. In der Bibel steht es für den Garten Eden in der Schöpfungsgeschichte. „Garten Eden:“ so heißen heute Botanische Gärten, Sauna-Landschaften, Feinschmecker-Restaurants, Luxus-Hotels und manches andere mehr bis hin zu Angeboten der Sex-Industrie. Der Garten Eden: ein Sinnbild für Sinnenlust und Lebensgenuss, für Luxus und Überfluss, für paradiesische Zustände - oder was man dafür hält. Bei der Vermarktung des biblischen Bildes scheint es keine Grenzen und keine Skrupel zu geben.

Vor gut 500 Jahren hat der Maler Hieronymus Bosch sein berühmtes Altargemälde „Der Garten der Lüste“ geschaffen. Auf ihm hat er den biblischen Garten Eden dargestellt. Von diesem Garten heißt es in der Schöpfungsgeschichte:

Musik 2 Gustav Holst (Komponist) „Venus, the bringer of peace,“

Interpret: Orquesta Filarmónica de Gran Canaria, Dirigent Adrian Leaper, Album “The Perfect Fool (Ballet Suite) / The Planets” Nr.5, Arte Nova Classics, LC-Nr. 3480, Bar-Code 324574

Sprecherin: Es war zu der Zeit, da Gott Himmel und Erde machte. Es wuchsen noch keine Kräuter und Sträucher auf der Erde, denn Gott hatte es noch nicht regnen lassen. Da machte Gott den Menschen aus Erde und hauchte ihm Lebensatem ein. Und er pflanzte in Eden einen Garten und ließ darin Bäume wachsen, verlockend anzusehen und voller köstlicher Früchte. In der Mitte aber stand der Baum des Lebens, der Erkenntnis von Gut und Böse. Von Eden ging ein Strom aus, der das Land bewässerte. Er teilte sich in vier Hauptarme. Sie heißen Pischon, Gihon, Tigris und Euphrat. (1. Mose 2,4-14)

Musik 2

Man hat oft gerätselt, wo der Garten Eden gelegen haben soll. Euphrat und Tigris lassen an die uralte Kulturlandschaft längs dieser beiden Flüsse im heutigen Irak denken.

Aber der Garten Eden liegt an keinem bestimmten Ort der Erde, sondern er steht symbolisch für die Erde als Ganze. In ihm entspringt ein Fluss, und in seiner Mitte steht der Baum des Lebens und der Erkenntnis von Gut und Böse. Er verbindet Himmel und Erde miteinander. Ein Garten mit einer lebenspendenden Mitte als Abbild für die Ordnung des gesamten Kosmos - dieses Bild war im Alten Orient weit verbreitet.

In den Schöpfungsmythen jener Zeit erschaffen die jeweiligen Götter die Welt für sich selbst, um sich von ihr zu ernähren und sich von den Menschen bedienen und verehren zu lassen. Deren Wohl und Wehe ist den Göttern gleichgültig. Wenn die Menschen etwas von den Göttern wollen, müssen sie es ihnen mit Opfern und religiösen Ritualen abkaufen.

Der Gott aber, von dem in der Bibel erzählt wird, ist ein fürsorglicher Gott. Er formt den Menschen aus Erde und haucht ihm Leben ein; dann legt er für ihn den Garten Eden an, um ihn zu versorgen und zu ernähren. Viele stellen sich den Garten Eden wie eine Art Schlaraffenland vor. Im Märchen vom Schlaraffenland fliegen den faulenzenden Menschen die gebratenen Tauben in den Mund. Aber im Garten Eden wird nicht nur in vollen Zügen genossen und geruht, sondern auch gearbeitet:

Sprecherin: „Gott nahm den Menschen, den er gemacht hatte, und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ (1. Mose 2,15)

Nicht die Arbeit als solche gilt in der Bibel als Fluch, sondern die sinnlose, vergebliche Arbeit. Die Arbeit, die zu schwer ist und die körperlich und seelisch ruiniert. Die entfremdete Arbeit, die keine Freude macht, für die ich keine Anerkennung finde oder um deren Lohn ich betrogen werde. Für Arbeit dagegen, die mich befriedigt und erfüllt, die ich mit anderen und für sie tue und deren Früchte ich mit ihnen gemeinsam genießen kann, strenge ich mich gern an. Da ist sogar die völlige Erschöpfung nach getaner Arbeit ein gutes, befriedigendes Gefühl.

Musik 3: Cairo (Interpret / Band) „Scottish Highland,“ Komponist: Mark Robertson, Album „Time Of Legends“ Nr.3, Magna Carta Records

(http://www.magnacarta.net), keine LC-Nummer, Bar-Code 0 2624590442 2

Arbeit ist im Garten Eden also etwas ganz Selbstverständliches. Der Mensch soll die Erde bebauen und gestalten und dabei Freude und Erfüllung finden. Aber er soll es nicht selbstherrlich und willkürlich tun, so als wäre er niemandem außer sich selbst verantwortlich. In der Mitte des Gartens gibt es etwas Unverfügbares, Unantastbares, an dem sich der Mensch nicht vergreifen darf:

Sprecherin: „Gott sagte zu dem Menschen: ‚Von allen Bäumen im Garten darfst Du essen. Aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse in der Mitte des Gartens sollst Du nicht essen; denn an dem Tag, an dem Du von ihm isst, wirst Du sterben.‘“(1. Mose 2,16-17)

Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse ist tabu. Warum? Worin liegt die Gefahr? Darin, dass die Menschen zu viel wissen könnten? Um Gut und Böse wissen sollen sie sehr wohl - gefährlich wird es, wenn sie die Maßstäbe dafür nach eigenem Gutdünken festlegen.

Wie viele Paradiese hier auf Erden haben gierige Menschen nicht schon durch hemmungslosen Raubbau zerstört! Und zu welchen mörderisch-selbstmörderischen Grausamkeiten Menschen in der Lage sind, zeigen die Nachrichten, die ich sehe und höre, täglich aufs Neue.

In unserem Alltag geht es meistens nicht um Leben und Tod. Aber die Frage nach Gut und Böse, Falsch oder Richtig ist im Kleinen oft genauso schwer zu beantworten wie im Großen. Patent-Antworten greifen oft nicht. Eindeutig-einseitige Schuldzuweisungen sind häufig nicht möglich. Was in einem Fall richtig ist, kann in einem anderen grundverkehrt sein. Manchmal habe ich nur die Wahl zwischen mehreren Übeln und muss abwägen, welches wohl das geringste sei.

Die Frage nach Gut und Böse kann ich dabei weder anderen noch Gott überlassen, dessen Anweisungen ich einfach nur befolgen müsste. Ich muss selber Entscheidungen treffen - und sie vor mir selbst, vor den betroffenen Menschen und vor allem vor Gott verantworten. Das Tabu, das die Mitte des Paradies-Gartens umgibt, richtet sich nicht gegen meine Freiheit, sondern erinnert mich an die Verantwortung, die mit ihr verbunden ist, und daran, dass ich nicht über alles verfügen kann und darf.

Vor allem bewahrt es mich davor, über andere Menschen verfügen zu wollen. Einen übersteigerten Drang, alle und alles zu überwachen, gibt es nicht nur bei politischen Machthabern, staatlichen Behörden oder Geheimdiensten - es gibt ihn im Berufsleben, unter Nachbarn oder in Familien genauso.

Menschen, die alles kontrollieren wollen und nichts aus der Hand geben können, sind in ihrem Inneren oft sehr unsicher und haltlos. Und so wirft die Geschichte vom Garten Eden und seiner unantastbaren Mitte auch die Frage nach meiner eigenen inneren Mitte auf. Denn daran entscheidet sich oft noch viel mehr als an den äußeren Umständen, ob ich mit Freude arbeiten und das, was ich habe, wirklich genießen und mich meines Lebens freuen kann.

Musik 4: Camel (Interpret / Band) „Rhayader,“ Komponisten: Andrew Latimer und Peter Bardens, Album „Musik Inspired By The Snow Goose“ Nr.2,

Decca, LC-Nr. 0942, Bar-Code 0 4228829302 6

Wenn ich in mir selber keinen Halt und keine Mitte finde, bekommen sowohl die Arbeit als auch das Vergnügen Sucht- und Fluchtcharakter. Sie füllen meine innere Leere nicht, sondern überdecken sie nur. An keinem Ziel komme ich zur Ruhe, weil ich merke, dass es das gar nicht ist, was ich gesucht habe. Jeder Genuss wird mir bald schal, ich will immer noch mehr - und werde doch nie satt. Ich bin voller Unruhe, getrieben und ständig auf der Flucht vor der Frage: Wer bin ich eigentlich? Und was brauche ich wirklich? Wenn ich zur Ruhe kommen und zu mir selber finden will, muss ich mich diesen Fragen stellen.

Über mich selber nachzudenken und in mich hineinzuhorchen kann dabei nicht alles sein. Wenn ich immer nur um mich selber kreise, finde ich meine Mitte genauso wenig, wie wenn ich vor mir selber fliehe. In beiden Fällen bliebe ich auf mich fixiert und in mir selbst gefangen, ohne mich zu finden und bei mir selber anzukommen. Was mich wirklich erfüllt, ist nicht, was ich an mich reiße, sondern woran ich mich selbstvergessen und mit ganzer Leidenschaft und Liebe hingeben kann.

Ganz bei mir selbst bin ich, wenn ich von mir wegsehen kann. Wenn ich mich nicht um mich selber sorgen muss, weil ich weiß, dass für mich gesorgt ist. Wenn ich niemandem etwas beweisen muss, weder anderen noch mir selbst, weil ich mich bejaht und geliebt weiß, so wie ich bin. Darum brauche ich, um meine eigene Mitte zu finden, Menschen, die mich kennen und verstehen. Die mich lieben und zu schätzen wissen. Vor denen ich auch Schwächen zugeben kann, ohne fürchten zu müssen, dass sie sie ausnutzen. Die mit mir vielleicht nicht immer einer Meinung sind, aber die zu mir stehen, wenn’s drauf ankommt.

Vor allem aber steht Gott zu mir. Ich muss ihm nichts beweisen. Er sagt Ja zu mir, so wie ich bin. Ich muss mich keinen fremden Maßstäben unterwerfen, wie ich zu leben, was ich zu erreichen und zu besitzen, was ich zu denken und zu meinen oder wie ich meine Freizeit zu gestalten hätte. In paradiesischem Einklang mit Gott und sich selbst leben auch die Menschen im biblischen Garten Eden - bis sie sich an seiner unantastbaren Mitte vergreifen und alles zerstören.

Wenn Gottes Ja zur Mitte wird, an der ich mich ausrichte, werde ich ein Stück gelassener, zufriedener, selbstsicherer. Und zugleich offener für andere. Da kann ich mit Freude arbeiten und mein irdisches Glück genießen. Kann auch mit meinen Schwächen und Grenzen leben, ohne mich ständig an ihnen wund zu reiben. Kann unlösbare Fragen ungelöst lassen. Kann anderen ihre Verfehlungen nachsehen und vielleicht auch mir selber verzeihen, was ich verschuldet habe und bereue. Bei Gott finde ich Frieden, einen inneren Halt und neue Kraft. Ein Stück vom Paradies hier auf Erden - und darin einen Vorgeschmack auf das himmlische Paradies, das mich erwartet, wenn ich diese Welt eines Tages verlassen muss.

Für diese Verbundenheit mit Gott steht der Baum, der in der Mitte des Gartens Himmel und Erde miteinander verbindet. Mit ihm habe ich ein Stück des Gartens Eden in mir selbst. In allem Glück, aller Zufriedenheit, aller Kraft und allen Einsichten, die Gott mir schenkt. Und vor allem in der Liebe und Freundschaft, die mich mit anderen verbindet.

Einen guten Sonntag mit paradiesischen Momenten wünscht Ihnen Pfarrer Johannes Doering von der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.

Musik 5: Ekseption (Interpret / Band) „Sonata in F,“

Komponist: A.Vivaldi, Ekseption-Arrangement: J.Vennik,

Album „Best Of Ekseption” Nr. 19, Philipps, LC-Nr.0305

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