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Hörmal | 10.11.2013 | 07:45 Uhr

Er ist ja noch so verspielt

„Er ist ja noch so verspielt“. Sechs Wochen nach der Einschulung unseres jüngsten Sohnes, war das die Bilanz des ersten Gesprächs mit der Grundschullehrerin: „Er ist ja noch so verspielt.“ Ein Kompliment, so könnte man meinen, eine respektvolle Bemerkung, die uns Eltern wohlwollend bestätigte: „Sie haben vieles richtig gemacht in der Erziehung, Ihrem Sohn eine lebensfrohe Unbefangenheit bewahrt, die Freude am Spiel, die Leichtigkeit eines entdeckungsfreudigen Lebens.“ Aber das war kein Kompliment, nein, das war Kritik: Schule ist nicht Spiel, Schule, da geht es um Aufmerksamkeit, zuhören, still sitzen, sich einfügen in den Ernst des Lebens!

In den folgenden Wochen und Monaten gab es weitere kritische Untertöne: “Ihrem Sohn fehlt die nötige Anstrengungsbereitschaft, er fragt zu viel nach, er ist zu unsicher.“ Anstrengungsbereitschaft, dieses Wort hatte ich so noch nicht gehört, das klang wie der pädagogische Fachbegriff für: Untauglich. Natürlich waren wir verunsichert. Wie soll man denn Anstrengungsbereitschaft fördern, Therapie, Medizin, Disziplin? Der Austausch mit anderen Eltern war hilfreich. Auch andere hatten schon reichlich Stress wegen ähnlichen pädagogischen Diagnosen: „Wir müssen zum Logopäden, es besteht der Verdacht einer Sprachentwicklungsverzögerung.“ „Uns ist Retalin empfohlen worden, wegen der Hyperaktivität unserer Tochter.“ „Wir sind beim Therapeuten, vermutlich ist es ADS, eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung.“

Was passiert da? Kinder kommen mit fünf oder sechs Jahren verspielt, lebensfroh, wissbegierig, aber natürlich auch ängstlich und unsicher zur Schule. Die Eltern sind selber auch gespannt und ängstlich oder sorgenvoll. Also ein riesiges Lernfeld für alle Beteiligten, für die Schülerinnen und Schüler, die rechnen, schreiben, lesen lernen, für die Eltern, die lernen müssen loszulassen und für Lehrerinnen und Lehrer, die diese Kinder mit ihren Eigenarten, ihren Persönlichkeiten kennen lernen müssen, um zu fragen: Wie kann ich auf jedes Kind angemessen eingehen, damit es sich wohl fühlt, sich öffnet, interessiert bleibt, motiviert ist?

Aber da hapert es, nicht immer, nicht überall, aber doch häufig und das gibt Fragen auf: Ist zu wenig Anstrengungsbereitschaft eindeutig ein Defizit des Kindes oder nicht auch ein Motivationsproblem des Unterrichts? Wenn ein Kind häufig nachfragt, mangelt es da nicht auch an der Klarheit, mit der eine Lehrperson erklärt? Wenn ein Kind unruhig, wie man sagt hyperaktiv ist, kann es nicht sein, dass es einfach mehr Bewegungsfreiheit braucht und dass die Taktung von 45 minütigem still sitzen wenig kindgemäß ist?

Der amerikanische Psychologe Allen France warnt in seinem jüngsten Buch unter dem Titel „Normal“ vor der Inflation psychischer Diagnosen bei Kindern. Die Diagnose „bipolare Störung“ also heute himmelhoch jauchzend, morgen zu Tode betrübt, sei in den letzten 15 Jahren um das Vierzigfache angestiegen, „Autismus“ um das Zwanzigfache und das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom um das Dreifache. Er fragt: Könnte es nicht sein, dass Kinder nur das Naheliegende tun, wenn die Erwartungen der Schule und der Erwachsenenwelt so gar nicht ihren Bedürfnissen und ihrem Entwicklungsstand gerecht werden?

Unser jüngster Sohn ist übrigens inzwischen 14, ein recht guter Schüler und ein begeisterter Tänzer, seit sechs Jahren Hip-hop, er ist wohl immer noch ein wenig verspielt – und ich sage: Gott sei dank.

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