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Choralandacht | 22.12.2018 | 07:50 Uhr

Es ist ein Ros entsprungen

Musik 1: Orgelvorspiel

Sprecherin:

„Jede mystische Reise beginnt mit dem Hinsehen und mit dem Staunen über Inseln der Schönheit, die wir alle brauchen“.

Autor:

Meine theologische Lehrerin Dorothee Sölle hat das einmal so in einem Vortrag zum Thema Mystik gesagt.

Als einen, der mit solchen Augen hingeschaut und gestaunt hat, stelle ich mir den Trierer Mönch Laurentius vor. Von ihm erzählt die Legende, dass er in der Weihnachtszeit des Jahres 1587 im Klostergarten spazierte – und dort eine blühende Rose fand. Für ihn eine Insel der Schönheit. Diesen Augenblick fasste er in Worte, die zur Grundlage für eines der am weitesten verbreiteten Weihnachtslieder der Gegenwart wurden.

Sprecherin:

„Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart,

wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art,

und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter

wohl zu der halben Nacht“.

Musik 2, Choral: Strophe 1

Autor:

Der Text des Liedes ist mir so vertraut, dass er auf den ersten Blick kaum der Rede wert scheint. Selbstverständlich geht es um die Geburt Jesu in der Nacht von Bethlehem. Und natürlich hat sich, nach christlicher Überzeugung, mit Jesu Geburt die Verheißung der Propheten erfüllt. Wer in der christlichen Überlieferung zuhause ist, weiß das von alters her.

Die Sache wird aber komplizierter, je genauer man hinschaut. Denn die erste Strophe gibt Rätsel auf. Wer ist eigentlich dieser Jesse? Ist damit Jesus gemeint oder Jesaja? Und welche „Art“ kam von ihm? Oder - wen beschreibt der Dichter mit seinem Bild von der Rose und wen als Blümlein, das diese Rose hervorbringt?

Die Bibel und das katholische Gesangbuch helfen beim Lösen der Fragen. Die erste Erkenntnis lautet, dass sich der Autor zu dichterischer Freiheit hinreißen ließ. Er war offenbar fasziniert von der Rose im winterlichen Klostergarten. Biblisch begründet aber dürfte es nicht heißen ‚Es ist ein Ros entsprungen‘, sondern ‚ein Reis‘. Ein Reis ist ein kleiner Zweig. Und von einem kleinen Zweig aus scheinbar toter Wurzel heißt es beim Propheten Jesaja (Jesaja 11,1):

Sprecherin:

„Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen“.

Autor:

Dieser eine Bibelvers löst auch die andere Frage. Es geht in der ersten Strophe des Liedes weder um Jesus noch um Jesaja. Vielmehr geht es um Isai, den Vater von König David. Mit Isai beginnt ein schon tot geglaubter Stamm des Volkes Israel wieder neu zu leben, so die Vision des Propheten Jesaja. Und aus diesem Stamm geht erst David hervor – und viele Generationen später Jesus.

Bleibt die Frage, wen der Dichter mit der Rose meint und wer das aus ihr hervorgehende Blümlein sein soll. Im „Gotteslob“, dem katholischen Gesangbuch, antwortet der Dichter selbst:

Sprecherin:

„Das Röslein, das ich meine, davon Jesaja sagt,

ist Maria, die Reine, die uns das Blümlein bracht.

Aus Gottes ewgem Rat hat sie ein Kind geboren

und blieb doch reine Magd“. (GL 243, 2)

Autor:

„Es ist ein Ros entsprungen“ ist also ursprünglich ein mystisch geprägtes Marienlied. Deutlich unterstreicht das noch einmal die vorletzte von ursprünglich 21 Strophen. Ihr Text lautet:

Sprecherin:

„Wir bitten dich von Herzen, du edle Königin,

durch deines Sohnes Schmerzen, wenn wir fahren dahin

aus diesem Jammertal, du wollest uns begleiten

bis in der Engel Saal“.

(Die Lieder unsrer Kirche, Hg. Johannes Kulp, Göttingen 1958, S. 55)

Autor:

Im Jahr 1599 lässt Eberhard von Dünheim, Bischof von Speyer, in Köln ein Gesangbuch für sein Bistum drucken. Dort erscheint „Es ist ein Ros entsprungen“ zum ersten Mal, bereits in der uns bekannten Melodie. Im Mainzer Kantual von 1605 erhält das Lied den Beinamen „Das alt katholisch Trierisch Christliedlein“ (Kulp S. 54).

Und nun stelle ich mir im Jahr 1605 den evangelischen Kirchenmusiker Michael Prätorius vor, Sohn eines streng lutherischen Predigers. Ein Jahr zuvor hat ihn Heinrich Julius, der Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, zum Hofkapellmeister berufen. Als Organist, Komponist und Schriftsteller hat er einen hervorragenden Ruf. Und offenbar hat auch er die Begabung, Schönes zu sehen und darüber zu staunen.

Eher zufällig wird ihm im protestantischen Wolfenbüttel ein katholisches Gesangbuch aus Köln oder Mainz in die Hände gefallen sein. In jedem Fall entdeckt er dort ein Lied, dessen Text ihn zwar nicht vollständig überzeugt, dessen Melodie ihm aber nicht mehr aus dem Kopf geht. Er schreibt einen vierstimmigen Chorsatz, der zum musikalischen Bindeglied zwischen Protestanten und Katholiken wird, bis in die Gesangbücher unserer Gegenwart.

Nur mit der Überhöhung der Mutter Jesu kann sich der protestantische Kirchenmusiker nicht abfinden. Er steht fest auf dem Boden der lutherischen Lehre. Und in ihr gilt als theologischer Grundsatz, dass Gott eindeutig allein in Christus zu finden ist und auch allein in Christus zum Heil der Menschen gehandelt hat. Solus Christus heißt darum ein Kerngedanke der Reformation. Michael Prätorius fügt diese Überzeugung nun fast unmerklich in die zweite Strophe ein. Und so steht im Zentrum der evangelischen Bearbeitung von Vers 2 nicht mehr Maria, sondern das neugeborene Kind und die mit ihm verbundene Hoffnung.

Sprecherin:

„Das Blümlein, das ich meine, davon Jesaja sagt,

hat uns gebracht alleine Marie, die reine Magd;

aus Gottes ewgem Rat hat sie ein Kind geboren,

welches uns selig macht“.

Musik 2, Choral: Strophe 2

Autor:

Obwohl Michael Prätorius das Lied in einem Gesangbuch mit seinem Text herausgibt, verschwindet es doch für fast drei Jahrhunderte aus dem Bewusstsein der Kirchen. Erst im 19. Jahrhundert wird es von der Hymnologie und der Volksliedforschung wiederentdeckt. Der fränkische Pfarrer Fridrich Layritz ergänzt 1844 drei Strophen. Eine von ihnen stößt auf so große Resonanz, dass sie Eingang in das evangelische und katholische Gesangbuch findet.

Sprecherin:

„Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß,

mit seinem hellen Scheine vertreibt’s die Finsternis.

Wahr‘ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide,

rettet von Sünd und Tod“.

Autor:

Bearbeitungen durch vier Jahrhunderte haben „Es ist ein Ros entsprungen“ letztlich zu einem ökumenischen Weihnachtslied zurechtgerückt, obwohl bislang alle Versuche gescheitert sind, eine einheitliche, konfessionsübergreifende Textfassung zu finden. Das Geheimnis seiner weltweiten Verbreitung liegt sicher darin, dass viele Menschen in diesem Lied eine „Insel der Schönheit“ entdecken können, einen Ort mystischer Erfahrung, der den eigenen Glauben stärkt.

Musik 3, Choral: Strophe 3

Musikinformationen:

Musik 1: Orgelvorspiel

CD-Name:Es ist ein Ros entsprungen

Titel:Es ist ein Ros entsprungen

Track:13

Interpret:Albert Behrens

Komponist:Köln 1599

Verlag:Hansisches Druck-und Verlagshaus GmbH Hamburg

LC-Nr.:16005

Label:Edition Chrismon

Best.Nr.unbekannt

EAN:unbekannt

Musik 2:

CD-Name:Es ist ein Ros entsprungen

Titel:Es ist ein Ros entsprungen

Interpret:Wilhelmshavener Vokalensemble

Leitung:Ralf Popkens

Komponist:Köln 1599

Texter:Trier 1587/88 Strophe 1und 2;Friedrich Leyritz Strophe 3, 1844

Verlag:Hansisches Druck-und Verlagshaus GmbH Hamburg

LC-Nr.:16005

Label:Edition Chrismon

Best.Nr.unbekannt

EAN:unbekannt

Musik 3:

CD-Name:Anno Domini- Geistliche Chormusik aus 2 Jahrtausenden

Titel:Es ist ein Ros entsprungen

Interpret:Bach-Chor Siegen

Leitung:Ulrich Stötzel

Komponist:Melodie 16. Jahrhundert, Köln 1599

Texter:Strophe 1 Trier 1587/88

Verlag:Gerth Medien GmbH Asslar

LC-Nr.:00895

Label:Schulte&Gerth

Best.Nr.939-200

EAN:4029856392004

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