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Kirche in WDR 4 | 06.05.2015 | 08:55 Uhr

Finger in die Wunde

Guten Morgen,

heute habe ich Ihnen ein Bild mitgebracht, ein sehr berühmtes Bild. Gemalt hat es zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts Caravaggio. Es heißt „Der ungläubige Thomas“. Zu sehen sind vier Männer, die alle auf einen einzigen Punkt starren, nach vorn gebeugt, um möglichst gut sehen zu können. Von ihren Blicken geht ein solcher Sog aus, dass ich als Betrachterin des Bildes das Gefühl habe, zur fünften Person in dieser Szenerie zu werden. Denn auch ich schaue auf diesen einen Punkt, gebannt, abgestoßen, fasziniert. Es ist eine große Schnittwunde, die da klafft. Und es ist der auferstandene Jesus, bleich und in einem fahlen Licht stehend, gehüllt in ein weißes Leinentuch, der mit der einen Hand sein Gewand etwas zur Seite zieht, so dass die ganze Wunde sichtbar wird. Mit der anderen umfasst Jesus das Handgelenk eines Mannes: Es ist Thomas, der vor ihm steht und auf diese Wunde starrt, als wären seine Augen kleine Röntgenapparate. Der Blick ist das eine, aber Thomas schaut nicht nur, er berührt die Wunde. Nicht nur oberflächlich, nein, er steckt seinen Zeigefinger in die Wunde, so dass sie etwas aufklafft. Eine äußerst drastische Szene.

Die Geschichte zum Bild ist oft erzählt worden. Sie werden sie vermutlich kennen. Thomas, ein Apostel im Kreis um Jesus, hat Zweifel daran, dass Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden sein soll. Damit er wirklich glauben kann, was da unglaubliches passiert ist, will er Beweise und zwar handfeste. Jesus kommt und fordert ihn auf, seine Wunden zu berühren. Das ist – so die oft gehörte Interpretation – für Thomas der Moment, in dem er seine Zweifel überwindet. „Mein Herr und mein Gott!“ ruft er aus. Am Ende der Geschichte werden diejenigen gelobt, die glauben, obwohl sie sich nicht wie Thomas mit eigenen Augen überzeugen konnten.

Manche Geschichten scheinen ganz klar. Sie sind oft erzählt, oft erklärt worden und man vermutet nichts Neues mehr, wenn man sie liest. Außer man entdeckt einen neuen Schlüssel zu einer Geschichte. Für mich ist ein solcher Schlüssel das Bild von Caravaggio. Das Bild lässt mich diese Geschichte noch einmal anders lesen. Der Maler fokussiert alles auf die Wunde, auf diesen einen Moment des Berührens der Wunde und darauf, wie Jesus Thomas auf diese Wunde aufmerksam macht, ihn förmlich an der Hand nimmt. Caravaggio verschont den Betrachter nicht. Will ich das mit dieser Wunde wirklich so genau wissen? Dieser Gedanke durchfährt mich jedes Mal, wenn ich dieses Bild ansehe. Und das Bild zwingt mich, bei der Wunde zu bleibe, denn das, was danach passiert, sieht man natürlich nicht. Nur dieser Moment ist zu sehen, der Augenblick des Berührens der Wunde.

Geht es in der Thomas-Erzählung vielleicht noch um etwas anderes als das Zweifeln? Zeigt sie uns nicht vielmehr auch, an welcher Stelle wir mit Gott in Berührung kommen können? Diese Spur findet sich bei dem tschechischen Theologen Tomas Halik wunderbar beschrieben. Er fragt: War Thomas wirklich von allem Zweifel befreit, als er Jesus sah? Oder war nicht etwas anderes passiert. Zeigt Jesus dem Thomas nicht vielmehr die Stelle, an der er als Suchender und Zweifelnder wirklich Gott berühren kann?

Jesus führt die Hand des Thomas, er führt sie zu seiner Verwundung. Aber es sind ja nicht nur seine Wunden, sondern die Wunden all derer, mit denen er sich in seinem Leben befasst hat. Es sind die wunden Orte dieser Welt, denen wir ausgesetzt sind, von denen wir uns aber auch möglichst abwenden, aus Desinteresse oder aus Ohnmacht oder aus Scham. Wir können diese Wunden nicht heilen – so noch einmal der Theologe Halik –, aber wir dürfen vor den Wunden der Welt auch nicht fliehen. Was bleibt? Thomas auf dem Bild zeigt uns die Antwort: Wer die Wunden sieht, sie berührt und sich von ihnen berühren lässt, der kommt mit Gott in Berührung.

Kommen Sie gut durch den Tag, Ihre Katharina Klöcker

Copyright Vorschaubild:Caravaggio Rodney CCBY 2.0 flickr

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