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Kirche in WDR 4 | 08.04.2016 | 08:55 Uhr

Freitagsgebet

Guten Morgen. Vor vier Wochen hatte ich das Glück, wieder einmal ein paar Tage in Jerusalem zu sein.

Und wieder liegt mein Quartier mitten im Herzen der Altstadt, nur ein paar Fuß-Minuten von Grabeskirche, Klagemauer und Felsendom entfernt. Schritt für Schritt spüre ich die ganz besondere Atmosphäre dieser ganz besonderen Stadt. Ich fühle mich schnell nicht wirklich wie ein normaler Pilger oder Tourist, sondern ich werde zum Nachbarn, der einfach dort lebt. Und daher interessiert mich neben den Sehenswürdigkeiten vor allem, was die Menschen dort umtreibt. Und die Menschen im arabischen Viertel machen in dieser Zeit einen sehr niedergeschlagenen Eindruck. Wie Fadi, der Weihrauchhändler meines Vertrauens an der Grabeskirche. Er blickt mich bei meinem Besuch traurig an, und, während er den Weihrauch, den ich bei ihm erstehen möchte, einpackt und mir den Preis nennt, fragt er mich plötzlich: „You feel safe?“ „Fühlst du dich sicher?“ – „Ja, klar!“ Für meine Antwort muss ich nicht lange überlegen. Eigentlich gegen die Vernunft, die mir angesichts der ständigen Messer-Attentate direkt vor den Toren der Altstadt etwas anderes sagen müsste. Nein, ich habe mich auch in dieser März-Woche 2016 dort in keiner Sekunde unsicher gefühlt. „You feel safe?“ Die Frage des Weihrauchhändlers und sein trauriger Blick sind mir bis jetzt nicht aus dern Kopf gegangen.

Fadi, den im Moment größte Existenzängste herumtreiben – die Pilger bleiben aus, ein Laden nach dem anderen muss schließen – er sorgt sich um meine Sicherheit.

Das ist vielleicht der erste Schritt in solchen Zeiten: Die Sorge für den anderen nicht aus den Augen verlieren, denke ich mir.

Und was mich wirklich beeindruckt ist, was Fadi mir dann erzählt: Er ist nämlich arabischer Christ. Aber so wie Fadi sich um mich sorgt, so sorgt er sich auch um seine muslimischen Freunde. Und daher betet er regelmäßig mit ihnen: Fadi als Christ, sie als Muslime. „Was ist denn dabei?“ fragt er. In diesem Augenblick durchdringt die gespenstische Ruhe in der Saint-Helen’s-Road der Ruf des Muezzins von der der Grabeskirche direkt gegenüberliegenden Omar-Moschee. Und ich sehe, wie mein Gesprächspartner, während er mein Geld nachzählt, still seine Lippen bewegt. Fadi, der Christ, betet gemeinsam mit den Muslimen. Das würde er immer so machen. Es seien nicht die gleichen Gebete – aber das sei ja auch nicht wichtig. Er finde Gebete an sich wichtig. Und er sei dankbar dafür, dass die Muslime ihn über den oft für westliche Ohren gewöhnungsbedürftigen muslimischen Gebetsruf an sein Gebet erinnerten.

Das alles klingt in meinen Ohren so selbstverständlich wie gleichzeitig überraschend und faszinierend. Was Fadi da macht, das ist für mich ein ganz großes Zeichen. Er sorgt sich um seine muslimischen Freunde: auch im Gebet! Was gibt es friedlicheres?

Seit den schlimmen Terrorattacken in Brüssel in der Woche vor Ostern scheint einmal mehr der Graben zwischen militanten Islamisten und Europa unüberwindbar. Jedes At-tentat, sei es in Paris im November, sei es jüngst in Brüssel, zieht öffentliche Anfragen an den Islam hinter sich – da gibt es nichts zu leugnen.

Heute ist Freitag – und am Vormittag werden wieder zahlreiche Muslime auch in ganz NRW in die Moscheen gehen und sich zum Gebet versammeln. Die aller-allermeisten sind rechtschaffende Menschen. Und ich frage mich: Was würde es ausmachen, wenn mancher Christ seine muslimischen Nachbarn mit ins Gebet nehmen würde, wie mein Weihrauchhändler Fadi in Jerusalem? Und umgekehrt: Was wäre, wenn die Muslime heute für ihre christlichen Nachbarn in NRW beten würden?

Vielleicht ist das utopisch. Weder die einen noch die anderen werden sich zu etwas zwingen lassen. Was ich machen kann, ist nur eines: Ich kann bei mir anfangen, wie Fadi bei sich. Und all die anderen, die sich nach Frieden sehnen.

Einen friedvollen Freitag wünscht Pfarrer Ulrich Clancett aus Jüchen.

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