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Kirche in WDR 2 | 14.09.2016 | 05:55 Uhr

Frieden statt Angst

Ich steige in den Zug und fahre nach Hamburg. Ein paar Tage etwas anderes sehen. Ich habe keine Reservierung und schaue mich nach einem freien Platz um. Da: ein Tisch, vier Plätze. Die beiden am Fenster sind besetzt. Ich frage, ob noch frei ist, die beiden nicken und setze mich dazu. Packe meine Zeitung aus und lese. Zwei Stationen später steigt ein Mann ein. Groß, muskulös, grüne Militärhose, schwarzes T-Shirt mit V-Ausschnitt, in der Hand eine schwarze Sporttasche. Er redet nicht und setzt sich auf den noch freien Platz. Er scheint gestresst zu sein, schaut immer wieder auf die Uhr, wischt sich den Schweiß von seiner Stirn. Seine schwarze Tasche hält er fest auf seinem Schoß. Ich merke, wie ich mich nicht mehr auf meinen Zeitungsartikel konzentrieren kann. Angst kriecht plötzlich in mir hoch und breitet sich in meinem Körper aus. Meine Gedanken fangen an sich zu verselbstständigen. Was ist, wenn dieser Mann gleich aufsteht und eine Waffe zückt? Oder vielleicht hat er auch eine Bombe dabei, die er beim Aussteigen auf der Toilette deponiert? Soll ich lieber den Wagen wechseln?

Dann ärgere ich mich über mich selbst. Ich verurteile einen Mann, den ich absolut nicht kenne, nur aufgrund seines Äußeren. Das ist alles andere als christlich. Ja, aber was ist, wenn meine Angst doch berechtigt ist? Wenn mein Körper mir die richtigen Signale schickt und ich jetzt einfach mal ganz schnell abhauen sollte? Der Mann wirkt nicht nur auf mich verängstigend. Auch die anderen beiden Fahrgäste am Fenster gucken ihn

abwechselnd unauffällig an und tauschen besorgte Blicke. In Osnabrück steht der Mann wortlos auf. Als der Zug weiterfährt sehe ich ihn mit seiner Tasche am Bahnhof stehen. Wir drei atmen auf. Glück gehabt, denke ich und gleichzeitig zweifele ich auch: Vielleicht wollte er doch einfach nur zum Training? Ich lese weiter und entdecke eine interessante Überschrift im Feuilleton meiner Zeitung: Die Epidemie des Argwohns. Mit dem Untertitel: „Der Terrorismus ist keine mediale Erfindung. Er zeigt Wirkung. Der Verdacht dominiert neuerdings unsere Wahrnehmung des Alltags“. Der Terror sei der Feind der Zukunft, er versetze Bürgerinnen und Bürger in eine Art Schockstarre und erzeuge eine hysterische Passivität, schreibt der Autor. Ja, denke ich, das habe ich gerade erlebt. Argwohn, Klischeehafte Verurteilung und spürbare Angst. Doch will ich das? Will ich so leben? Ich merke: Die Gefahr der Gewalt fordert mein Verständnis von Frieden neu heraus. Er ist nicht mehr selbstverständlich. Frieden muss bewusst gelebt werden, z.B. indem ich friedlich spreche, positiv denke und Dinge tue, die den Frieden unter uns fördern. „Nächster Halt, Hamburg Hauptbahnhof!“ - ich muss aussteigen. Die anderen beiden fahren noch weiter. Als ich meine Sachen zusammenpacke, beschließe ich, das zu tun, was ich gerade gedacht habe: „Friede sei mit ihnen!“, sage ich zum Abschied. Und die beiden am Fenster lächeln.

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