#
Aktuelles

Beiträge auf wdr3 

katholisch

Kirche in WDR 3 | 20.04.2018 | 07:50 Uhr

Friedhofsschuffelei

Es war kurz vor Ostern. Ein paar Jahre ist das her. Ich hatte eine Beerdigung auf dem Waldfriedhof. Wir erreichten das Grab. Gegenüber fiel mir ein Mann auf. Er werkelte vor einem anderen Grab und seine Mütze saß fest auf seinem Kopf. Trotz des kalten Wetters meinte ich, Schweißtropfen auf seiner Stirn zu sehen. Immer wieder bückte sich der Mann. Die Regenjacke spannte dann und zog sich hoch, so dass der zu enge Hosenbund für die ganze Begräbnisgesellschaft sichtbar wurde. Mit seinen verdreckten Schuhen stand er vor seinem Grab. Neben ihm lagen eine Harke und eine leere Gießkanne. Ohne auf uns zu achten, schnappte er sich die Harke und begann zu schuffeln, wie wir am Niederrhein sagen. Ich versuchte, die Worte des Beerdigungs-Ritus so deutlich wie möglich zu sprechen. Mein Gegenüber sollte merken, dass er Zuschauer hatte. Nichts tat sich. Es war, als ob der Mensch taub wäre. Von oben nach unten kratzte er mit der Harke in die frostfreie Erde. Er zog die Schuffel langsam zu sich hin, hob sie heraus und fing dann wieder von vorne an. Alles wiederholte sich, und trotz der Entfernung hörte ich ein dauerndes Schuffeln. Vielleicht bildete ich es mir auch nur ein. Bewusst stoppte ich mein Beten und machte eine Pause. Trotz allem ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen. Er schlug die Harke in die Erde und verfolgte aufmerksam ihre Spur. Als der Sarg in die Grube gesenkt wurde, blickte er nur einmal kurz auf, um dann sofort weiter zu schuffeln. Beinahe hätte ich mich beim Vaterunser versprochen. Denn während des Betens fing er wieder von vorne an. Jedes Gebet prallte am Schuffler ab. Als Knecht seiner Harke schuffelte er und schuffelte.

„Herr, gib dem Verstorbenen die ewige Ruhe!“

Die ewige Ruhe stelle ich mir anders vor, zumindest schuffelfrei. Ist es die Angst vor dem Tod, die die Menschen auf dem Friedhof schuffeln lässt?

Zu jener Zeit war meine Mutter über 90 Jahre alt. Sie sagte nicht mehr viel. Jedes Mal, wenn ich meine Mutter besuchte, wünschte sie sich nur eins. Klar und deutlich sprach sie es aus: „Gehen wir heute zum Friedhof? Hoffentlich sieht Vaters Grab ordentlich aus.“ Kaum standen wir vor dem Grab, bückte sie sich wie auf Kommando und fing an, die verwelkten Blätter aufzusammeln. Immer wieder lief sie zum Container, um die kleine Ausbeute loszuwerden. Wieder zurück und dasselbe Spiel von vorne, flott und flink. Jetzt wurden die beiden Sträucher zurechtgerupft. Ich wunderte mich, mit welcher Sorgfalt sie an die Arbeit ging. Dabei wirkte das Grab gepflegt. Die Ränder waren sauber beschnitten, und der Bodendecker bedeckte tatsächlich den Boden, ohne wild zu wuchern. Meine Mutter bestätigte: „Der Gärtner arbeitet ordentlich.“

Immer häufiger erfahre ich, dass junge Menschen des Schuffelns müde geworden sind. Sie haben keine Zeit, die Gräber ihrer so genannten Lieben zu pflegen. Auch aus diesem Grund verschwinden die Toten unter einem Rasen, der nie mehr geschuffelt werden muss. Schuffelt also ruhig weiter, damit ihr euch an mich erinnert.

Einen guten Tag wünscht Pfarrer Albert Damblon aus Mönchengladbach

evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen