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Kirche in WDR 2 | 14.04.2014 | 05:55 Uhr

Gänse

Ich erinnere mich gut. Ein Nachmittag im November. Wir saßen im Wohnzimmer, wir tranken Tee. Und dann hörten wir sie. Erst leise, dann immer lauter. Durchdringender. Sie kamen näher. Und plötzlich flogen sie über unser Haus. Hunderte von Gänsen- auf ihrem Weg in den Süden. Wir standen am Fenster und bewunderten sie. Wie sie sich hintereinander sortieren, versuchen mitzuhalten und wie sie sich dann mit ihren Rufen von uns verabschiedeten.

Es war berührend, diesen Start auf ihre weite Reise zu erleben. Seit diesem Nachmittag im November hängt ein Zettel an unserem Kühlschrank: 24. November, 15.30 Uhr, Gänse fliegen in den Süden.

Es ist einige Zeit vergangen. Die ersten warmen Sonnenstrahlen sind da, die Narzissen blühen – Zeit für Gartenarbeit, denkt unser Nachbar. Ich sitze in der Sonne, als er über den Zaun ruft: „Jetzt ist es amtlich! Der Frühling kommt!“. Er zeigt mit seiner Harke zum Himmel. Und dann stehe ich auf, sehe war er meint. Tatsächlich: Die Gänse – sie kommen zurück!

Es ist der 8. März - internationaler Frauentag. Fünf Monate sind seit damals, seit ihrem Abflug vergangen. Fünf Monate - eine lange Zeit. Was sie wohl alles auf ihrer Reise erlebt haben? Ich gehe in Gedanken das letzte halbe Jahr noch einmal durch. Einiges ist passiert: Mein Cousin ist an Krebs gestorben – mit 46 Jahren. Zwei meiner Freundinnen haben sich von ihren Männern getrennt und leben jetzt alleine, unsere Tochter hat Backenzähne bekommen. Und dann waren da noch ein schöner Winterurlaub und ein gelungenes Silvesterfest.

Auch politisch hat sich einiges getan: Meldungen über neue Steuersünder, amerikanische Abhörskandale, kranke Bischöfe. Und das Unglück von Fukushima jährte sich zum dritten Mal. Fünf Monate mit Höhen und Tiefen. Mit Außergewöhnlichem, mit Alltäglichem.

Je älter ich werde, desto mehr versuche ich, diese Höhen und Tiefen des Lebens gelassener zu nehmen. Das gelingt mir nicht immer, aber ich versuche, nicht jeden Ausschlag in den Kurven des Lebens voll auszuleben. Ich suche nach der Ideallinie durch die Kurven. Das spart Energie. Wenn ich mein Leben in einen größeren Kontext stelle, gelingt es mir, gelassen zu bleiben. Wenn ich daran denke, dass mein Leben mehr ist als meine gezählten Tage.

So muss sich Ewigkeit anfühlen, zu wissen, die Gänse gehen. Und zu wissen, sie kommen wieder. Dazwischen die Höhen und Tiefen des Alltags. Aber die Gänse zeigen die Linie. Die Katastrophen des Alltags müssen mich nicht aus der Bahn reißen. Das heißt nicht, dass ich abstumpfe. Aber der Glaube, dass mein Leben in ein großes Ganzes eingebettet ist, nimmt mir den Druck. Den Druck, dass alles in meinem Leben gelingen muss.

Niederlagen? Das sind Ausreißer rechts und links, unter oder über der Ideallinie. Wer sagt, dass das, was ich für eine Niederlage halte, auch wirklich eine ist? Unser Leben lebt von Rhythmen, vom Ein- und ausatmen, von unserem Herzschlag, von dem Wechsel der Jahreszeiten, von Leben und Tod, vom Kommen und Gehen. Alle Zeiten meines Lebens sind in deiner Hand, heißt es in Psalm 31. Jeder Winter, jeder Frühling, jeder Augenblick im Leben sind ein Geschenk.

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