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Sonntagskirche | 28.06.2015 | 08:55 Uhr

Gastfreundschaft

Guten Morgen! Es begann damit, dass Anna-Lena und ihr Lebensgefährte Christoph ganz unbürokratisch helfen wollten. Das Paar war bewegt vom Elend der Flüchtlinge, die in ihrer Heimatstadt landeten. Die Flüchtlingsheime waren überfüllt, die Stadt suchte nach Unterkünften. Eines Abends setzten sich Anna-Lena und Christoph an den Computer und schrieben eine Mail an die Stadt: Sie wollten einem Flüchtling ein Zimmer in ihrer Wohnung anbieten. Platz hätten sie genug, schrieben sie. Zunächst reagierte die Stadt mit Skepsis, denn diese Art der Unterbringung war eigentlich nicht vorgesehen. Aber dann lud man das Paar zu einem Besuch in einem Flüchtlingsheim ein. Dort lernten die beiden Wasseem kennen, der aus Syrien stammt.

Er hat dort studiert und als Rechtsanwalt gearbeitet. Als die Lage in seinem Land immer furchtbarer und bedrohlicher wurde, musste er über Nacht fliehen. Die drei trafen sich einige Male und dann beschlossen sie gemeinsam, dass Wasseem in die Wohnung von Anna-Lena und Christoph einzieht. Nun lernt er Deutsch. Seine Gastgeber helfen ihm dabei, wo sie können. Auf viele Gegenstände in der Wohnung haben sie kleine Zettel aufgeklebt, auf die Heizung, den Kühlschrank, den Tisch. Sogar die Katze trägt einen Zettel. So lernt Wasseem, was der Gegenstand auf Deutsch heißt.

Aber nicht nur die Sprache muss er lernen, auch das Alltagsleben in Deutschland. Die Mülltrennung ist schon ziemlich kompliziert, genauso wie die vielen Formulare, die er ausfüllen muss. Die deutsche Mentalität ist anders als in Syrien, fällt Wasseem auf. Alles ist so durchorganisiert, jeder hat ständig Termine. Aber – so meint er - es ist ja gut zu wissen, dass der Bus auch kommt, wenn ich auf ihn warte.

Die drei sind inzwischen gute Freunde geworden. Sie lernen viel voneinander und miteinander. Der große Esstisch in der Küche ist zum Kommunikationsort geworden. Gemeinsam essen und trinken ist die einfachste Sprache der Welt, haben sie festgestellt. Man lacht miteinander, erzählt sich Geschichten, lernt die Kultur des anderen kennen. Oft reden sie über Syrien und die Flucht. Sie spüren: Dieses ferne Land rückt einem nahe, wenn man ein persönliches Schicksal kennt und sich davon berühren lässt. Krieg und Elend haben ein Gesicht bekommen, Wasseems Gesicht.

Inzwischen ist die Wohnung auch für andere Flüchtlinge zu einem Treffpunkt geworden. Sie kommen aus verschiedenen Ländern. Der Blick über den Tellerrand weitet das Herz und führt Menschen zusammen. Für Wasseem ist das alles ein Glücksfall. Er fühlt sich zu Hause.

Gastfreundschaft in der Fremde ist ein zentrales Gebot in der Bibel:

„Wenn Fremde in eurem Land leben, bedrückt sie nicht, sondern behandelt sie wie eine und einen von Euch.“ (3. Mose 19,33), heißt es da.

Gastfreundschaft zu üben bereichert das Leben. Die evangelische Theologin Dorothee Sölle hat das so formuliert:

„Wenn ich einen Traum von der Kirche habe, so ist es der Traum von den offenen Türen gerade für die Fremden, die anders sprechen, essen, riechen. Mein Haus wünsche ich mir nicht als eine für andere unbetretbare Festung, sondern mit vielen Türen. Heimat, die wir nur für uns selber besitzen, macht uns eng und muffig. Jeder Gast bringt etwas mit ins Haus, das wir selber nicht haben.“ (1)

Inzwischen hat die Initiative von Anna-Lena und Christoph schon Nachahmer gefunden! Wie schön, wenn man einem Menschen ein Stück Heimat in der Fremde geben kann und dabei selbst beschenkt wird.

Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen Annette Krüger, Pfarrerin in Witten.

(1) aus: Dorothee Sölle, Mutanfälle, (1993) - . Zitiert nach Gesammelte Werke, Bd. 3, Kreuz Verlag, Stuttgart, 2006, S. 291 f

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