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Kirche in WDR 2 | 11.11.2014 | 05:55 Uhr

Generation Null-Fehler

Zu den umstrittensten Passagen der Bergpredigt gehört die Aufforderung: Macht euch keine Sorgen. Seht euch die Vögel an; sie säen nicht, sie ernten nicht, und der himmlische Vater ernährt sie trotzdem. Was da auf den ersten Blick wie eine Aufforderung zu dem in unserer Gesellschaft viel zitierten Sozialschmarotzertum klingt, ist in Wirklichkeit der ernsthafte Hinweis darauf, dass wir unseren Alltag und seine Herausforderungen keineswegs allein mit unseren schlauen Plänen und effizient eingesetzten Fähigkeiten bewältigen können.

Diese Einsicht ist ziemlich abhanden gekommen. Speziell die „Generation der 40-Jährigen“, nämlich diejenigen, die beruflichen und privaten Erfolg verbuchen und Verantwortungspositionen übernehmen, huldigen dem Ideal der totalen Machbarkeit bei Null-Fehler-Toleranz. Das hat der Soziologe Heinz Bude kürzlich analysiert, und vieles von dem, was er herausgefunden hat, entwickelt sich schon seit Jahren und gilt deshalb auch für die Über-50-Jährigen.

Der innige Wunsch ist, den Begriff des gelungenen Lebens für sich selbst zu hundert Prozent einzulösen. Man denkt in Projekten und Alternativszenarien: Ziele werden gesetzt und erreicht, wenn nicht, gibt es einen Plan B, und die Katastrophe bricht herein, wenn man eine Nebenfolge nicht bedacht hat oder gar auf eine falsche Prämisse hereingefallen ist.

Das Tragische daran ist, dass sich der damit verbundene permanente Druck nicht auf das Berufsleben beschränkt. Erfülltes Dasein hat sich heute gefälligst in allen Bereichen zu vollziehen. Wehe, wenn man in der Freizeit zu oft die Beine hochlegt, statt bei den angesagten Events dabei zu sein. Gar nicht gut, wenn man um Fitness-Studios einen Bogen macht. Unbedingt jeden Urlaub so planen, dass er garantiert unvergesslich ist. Und wer eingestehen muss, seine Karriere mit dem Verzicht auf familiäres Glück erkauft zu haben, zählt schnell zu den „loosern“. Speziell Frauen gelten erst dann als erfolgreich, wenn sie sich nicht nur im Job durchgeboxt haben, sondern zugleich auch noch romantische Partnerin und warmherzige Mutter sind.

Die ursprüngliche Idee dahinter war mal, der Familie und der Freizeit den gleichen Stellenwert zuzubilligen wie dem Beruf, um einen gesunden Ausgleich zu schaffen. Neudeutsch heißt das Work-Life-Balance. Heinz Bude behauptet, dass diese Balance längst zur Falle geworden ist, weil das umfassende existenzielle Selbstoptimierungsprogramm selbst den Stärksten irgendwann erschöpft. Wenn ich mich so umschaue, verzeichne ich in meinem unmittelbaren Berufsumfeld unter den erfolgreichen Führungskräften in den letzten eineinhalb Jahren zwei Infarkte und einen Schlaganfall. Und der Kollege, der seine hohe berufliche Belastung seit ewigen Zeiten mit Leistungssport ausgleicht, hat neben dem kaputten Rücken jetzt auch die erste Knieoperation hinter sich.

Ich sehe mir deshalb seit einiger Zeit verstärkt die Vögel unter dem Himmel an. Und denke darüber nach, ob es wirklich so schlimm ist, nicht perfekt zu sein und Fehler zu machen.

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