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Das Geistliche Wort | 18.01.2015 | 08:40 Uhr

Glauben und Lachen - Clownerie in der Kirche

Musik 1: Track 1 The Muppet Show Theme (4:11) (Jim Hensen, Sam Pottle) von CD Frauenblasorchester Berlin. Unsere Zweite – Livemitschnitt aus der Werkstatt der Kulturen, Produktion Volker Greve, Verlag unbekannt, 2009, LC Nummer-unbekannt

Autorin: Siebzehn Frauen und Männer laufen fröhlich mit roten Nasen im Gesicht durch den Seminarraum: mal im Gleichschritt, mal Stolpern sie oder geraten aus dem Takt. Aufwärmtraining in der Ausbildung „Clownerie in Kirche und Gemeinde“. Das ist mehr als Jux und Dollerei. Denn wer Sinn für Humor hat, pflegt durchaus den Ernst.

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Ich bin Susanne Wolf, Pfarrerin der Evangelischen Kirche im Rheinland. Ich arbeite in der Fortbildung für andere Kolleginnen und Kollegen am Pastoralkolleg in Villigst. Ich war eine dieser Rotnasen, damals in der Ausbildung zur Clownin. Wir haben clowneske Charaktere entwickelt mit eigenen Namen und besonderen Eigenheiten. Meine Clownin heißt Klara Sinn. Klara kommt aus Köln Sülz, trägt eine riesige bestickte Handtasche, singt gerne und träumt seit Jahren vom Fliegen. Mit ihr bin ich inzwischen unterwegs in Gottesdiensten, bei Trauungen, auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag. Klara bringt Menschen zum Lachen. Humor und Theologie? Glauben und Lachen? Wie passt das zusammen? Haben Sie schon mal in der Kirche gelacht, herzlich gelacht?

Musik 2: Track 7 Watermelon Man (4:21) (Herbie Hancock) von CD Frauenblasorchester Berlin. Unsere Zweite – Livemitschnitt aus der Werkstatt der Kulturen, Produktion Volker Greve, 2009.

Autorin: Lachen und Glauben, das verbinden wir ja nicht unbedingt sofort miteinander. In der Tat ist die Beziehungsgeschichte von Lachen und Glauben eine angespannte. Noch im Mönchtum war das Lachen verpönt. Der Blick auf das Kreuz und den Tod Jesu stand im Vordergrund. Schmerz und Leid wurden fast religiös überhöht. Das Lachen dagegen hielt man für eine Quelle sündigen Verhaltens – so unkontrolliert wie es manchmal rauskommt und so ansteckend wie es wirkt. In der Kirche sollte deshalb nur maßvoll oder möglichst gar nicht gelacht werden. Oder in den dafür reservierten Zeiten, den Narrenmessen. Erst Johannes Climacus, ein Mönch aus dem 7. Jahrhundert, erklärte:

Sprecher: „Gott will nicht, dass der Mensch traurig ist aus dem Schmerz der Seele; er will vielmehr, dass er aus Liebe zu ihm in seiner Seele lache und fröhlich sei.“ (1)

Autorin: Einige Jahrhunderte später steht ein anderer Mönch in dieser Tradition: Martin Luther. Für ihn ist das Lachen kein Ausdruck der Sünde mehr, sondern ein Ausdruck der Überwindung derselben. Das Lachen ist freigegeben. Glauben und Lachen sind verwandt, meint Luther:

Sprecher: „Denn wo der Glaube ist, da ist auch Lachen.“ (2)

Autorin: Ein Zitat aus Luthers Tischreden. In fröhlicher Runde beim Mahl macht sich Luther – anders als die meisten seiner Zeitgenossen - keine Sorgen, beim Jüngsten Gericht verurteilt zu werden. Wer an Jesus Christus glaubt, ist schon begnadigt und kann sich sicher sein, dass Gott ihn liebevoll ansieht. So rät Luther dann auch den Trübseligen: Wenn Du unlustig bist, denke: Der Vater lacht dich an.

Musik 3: Track 4 Fever (Musik und Text von John Davenport, Eddie Cooley, Bearbeitung: Paulo Moro) von CD Frauenblasorchester Berlin. Unsere Erste, Produktion Volker Greve. Verlag unbekannt, Jahr unbekannt, LC Nummer unbekannt

Autorin: Heute erklingt das Lachen immer häufiger in der Kirche. Auch durch die Clowns. Die Theologin Dr. Gisela Matthiae bildet Clowns für die Kirche aus. Für sie ist Clownerie die Lust an der Improvisation, ein Spiel mit Gefühl und neuen Möglichkeiten. Was ist das Schönste an der Clownerie, habe ich Gisela Matthiae gefragt:

O-Ton 1: Clownerie macht mich glücklich und sie macht viele andere Menschen glücklich. Das könnte jetzt so schon gleich ein bisschen oberflächlich klingen, aber es bedeutet, dass die Leute, die sich bewegen, clownesk bewegen(ähm) auch ne Nase aufsetzen oder auch nicht, dass die auf einmal wieder an ihre Lebensenergie stärker kommen und das bedeutet auch eine Art Lebensfreude und an die Möglichkeiten, wie sie sich ausdrücken können und dass sie wieder entdecken, was noch so alles in ihnen schlummert.

Und hinterher sagen sie dann oft: „Ach, das ist ja ein Ding, das kann ich auch noch und so bin ich auch noch.“ Und dann strahlen die Augen. Und das ist eine Erweiterung vom Handlungsspielraum.“

Autorin: Handlungsspielraum erweitern. Das reizt mich. Neue Möglichkeiten entdecken. Wenn ich selbst als Clownin Klara Sinn unterwegs bin, kann ich mir einiges erlauben, was in meinem Berufsalltag sonst nicht geht. Klara darf in Fettnäpfchen tappen und Peinliches ansprechen, sie darf große Gefühle zeigen und hervorrufen. Aber nie würde sie andere vorführen. Sondern: Die Clownin Klara Sinn ist selbst Zielscheibe des Gelächters.

Zum Beispiel bei einer Trauung: Da spiele ich in der Rolle von Klara Sinn eine einsame Clownin. Die ist ganz gerührt von der Liebe des Traupaares. Klara wird plötzlich bewusst, wie alleine sie ist. So geht es sicher auch mancher oder manchem anderen in der Hochzeitsgesellschaft. Klaras Blick fällt auf eine große Stofftasche auf dem Altar. Und in ihrer Not sieht Klara die Tasche als ein geliebtes Wesen. Sie flirtet die Tasche an, nähert sich und schließlich küsst sie sie. Ihr Mund ist ganz fusselig von der bestickten Tasche. Im selben Augenblick ist die Illusion dahin. Die Hochzeitsgemeinde sieht an Klaras Gesicht, dass der Traum vom Geliebten zerplatzt ist. Sie guckt ziemlich kariert. Alle Lachen. Mitten im Gottesdienst. Es lachen die, die keinen Partner haben, die, deren Liebe gefährdet ist, die vielleicht in der Beziehung selbst nicht mehr küssen und die, die immer noch auf der Suche nach der Richtigen sind. Sie lachen, weil sie dieses Gefühl kennen. Humor ist eine innere Haltung, eine liebevolle Haltung zu sich selbst und anderen. Ich werde nicht bloßgestellt. Sondern der Humor schafft einen Raum, in dem ich über meine Unvollkommenheiten lachen kann. Clownerie schärft die Sinne für das ganze Leben.

Musik 4: Track 2 Viniashto mi (aus dem Film Dogora, Etienne Perruchon) von CD Frauenblasorchester Berlin. Unsere Erste, Produktion Volker Greve

Autorin: Der Begriff Humor ist seit der Antike mit der Medizin verbunden. Damals dachte man: Je nach Mischung der vier Hauptkörpersäfte entscheidet sich, ob ein Mensch gesund oder krank ist. Humor hat mit Flüssigkeiten zu tun, verflüssigt Zustände. Er vermag festgefahrene Situationen aufzulockern, auch Schmerzhaftes erträglich zu machen. Gisela Matthiae bringt es auf den Punkt.

O-Ton 2: „Haben Sie Humor, wenn Sie alleine sind? Das ist eine Frage aus einem Fragebogen von Max Frisch. Aus einem seiner Tagebücher zu Humor. Und ich finde das ist die genialste Frage zu Humor. Weil Humor bei einem selbst anfängt und bei der Fähigkeit sich selbst zum Lachen zu bringen, wenn man genauso gut heulen könnte, oder wütend werden könnte. „Humor wächst auf dem Mist, der mir die Luft verpestet.“ Also gerade wenn´s schwierig wird, braucht man Humor.

Autorin: Ein schönes Beispiel dafür, dass Humor hilft wenn´s schwierig wird, finde ich in der Bibel. Das Volk Israel murrt gegen seinen Anführer Mose nach dem Auszug aus Ägypten. Auf dem langen Weg durch die Wüste sehnen sich alle zurück nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Sie fangen richtig heftig an zu meckern und stellen Mose als Anführer in Frage. Und Mose? Er nimmt sich selbst in dieser schwierigen Situation nicht so ernst und präsentiert sich Gott gegenüber wie eine junge Mutter, die ein Babytragetuch umgelegt hat:

Sprecher: „Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer.“ (4. Mose 11,14)

Autorin: Mose gesteht in einem sehr humorvollen Bild vor Gott ein: Ich schaffe es nicht. Die Aufgabe ist mir zu schwer. Auch Clowninnen und Clowns halten mit ihrem Nicht-Schaffen nicht hinterm Berg. Sie stellen sich bloß. Sie haben keine Ahnung. Weit davon entfernt, selbst einmal perfekt zu sein, scheitern sie an einfachsten Dingen. Genau damit erlauben sie uns Zuschauern unser eigenes Misslingen mit einem Lachen milder zu betrachten. Gisela Matthiae:

O-Ton 3: Wir sind vollkommen unvollkommen. Oder auch umgedreht. Unvollkommen vollkommen. Alles zugleich eben.

Autorin: Doch in der Clownerie bleibt es nicht beim Scheitern. Eher zufällig ergeben sich kreative Lösungen. Klara Sinn entdeckt in ihrer großen Tasche einen Pflanzensprüher und ist glückselig vom zarten Hauch der Wassertropfen. Sie erfrischt ihr Gesicht und teilt dieses „Glückssprüh“ mit dem Brautpaar. Sie taucht die beiden in einen feinen Nebel und segnet ihre Liebe damit. Auch Mose bekommt kreative Hilfe: Gott stellt ihm 70 andere Führungskräfte zur Seite. In der Clownerie und im Glauben gibt es überraschende Wendungen.

Musik 5: Track 10 Soul Bossa Nova (5:13) (Quincy Jones/ Thierry Muller) von CD Frauenblasorchester Berlin. Unsere Zweite – Livemitschnitt aus der Werkstatt der Kulturen, Produktion Volker Greve, 2009. LC

Autorin: Clownstheater, das ist auch frech! Im Spiel findet subversiver Perspektivenwechsel statt. Denn in der Regel repräsentieren Clowninnen Menschen ohne Rang und Namen. Sie blicken vom Rand zur Mitte, sind Grenzgänger. Mit ihrem frechen Spiel befinden sie sich stets nah am Tabubruch. Ihr Spiel ist politisch. So leihen sie Menschen, die in unserer Gesellschaft oder auch in der Kirche nicht so viel zu sagen haben, ihre Stimme.

So wie die Clownin Adele Seibold, eine Figur der Theologin Gisela Matthiae, die sich zu den Sparmaßnahmen ihrer Kirche äußert. Früher einmal hat sie den Frauenkreis geleitet und sie ist in der Gemeinde aktiv. Natürlich hat sie eine Meinung:

O-Ton 4: Sie. Das isch unglaublich! Jetzt wolle se in der Theologie sparen, ja? Und sie haben gesagt, sie fangen mal an bei der Dreieinigkeit. Isch ja auch ein bissele üppig, oder? Drei, gell. Isch meine dasch is interreligiös überhaupt nicht zum vermitteln. Aber Sie, wen kürzt man da jetzt raus?

Kannscht doch Gott Vater, den Schöpfer, kannscht doch nicht rauskürze. Der Allmächtige, der von überall mit seinem Zyklopischen Auge alles sieht. Uhhh, isch schon bissele unheimlich, gell? Also wegen mir könnt man vielleicht doch da, na ja.

Aber der Herr Jesus, gell, Nei, den nett. Der gfällt mir so. Sie, der kann auch net alles gleich, gell. Also, einmal hat er für eine Heilung zwei Anläufe gebraucht.

Ja, und der Heilige Geischt, also ich mein, die heilige Geistkraft. Diesch weiblich. Ja, das kann man erst recht nicht rauskürzen. Hoffentlich bleibe sie alle drei zusammen.“

Musik 6: Track 6 Libertango (Astor Piazolla, Bearbeitung: Bart Picquer) von CD Frauenblasorchester Berlin. Unsere Erste, Produktion Volker Greve

Autorin: Adele Seibold, Klara Sinn und die vielen anderen Clowns – sie entdecken mit den Zuschauern neue Blickwinkel und Möglichkeiten. Und die gehen über das Hier und Jetzt hinaus. Auch der christliche Glaube geht davon aus, dass nichts bleiben muss, wie es ist. Dass sich aus dem Scheitern wieder neue Möglichkeiten auftun können. So passen sie recht gut zueinander. Der Glaube und das Lachen mit und über die Clowns.

Von Herzen wünsche ich meiner Kirche, dass sie dem Humor genug Raum lässt. Von Herzen wünsche ich Ihnen an diesem Sonntag, dass Sie etwas Humorvolles für sich entdecken. Ihre Susanne Wolf von der Evangelischen Kirche.

Musik 7 = Musik 6

(1) Zitiert nach: Werner Thiede, Des Reformators befreites Lachen. Luthers Humor – allein aus Glauben, www.luther2017.de/1127-des-reformators-befreites-lachen. Vgl. auch Ders., Das verheißene Lachen. Humor in theologischer Perspektive, Göttingen 1986.

(2) Martin Luther, Tischrede 457, zitiert nach: Friedemann Richert, Kleine Geistesgeschichte des Lachens, Darmstadt 2009, bes. 135.

Weitere Informationen:

http://www.luther2017.de/1169-denn-wo-der-glaube-ist-da-ist-auch-lachen?contid=863

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