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Das Geistliche Wort | 19.06.2014 | 08:40 Uhr

„Gott in Welt. Zur Bedeutung von Fronleichnam“

Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer!

Es war auch an einem Fronleichnamstag – wie heute. Ich erinnere ich mich noch sehr genau. Hier in Essen bei der Fronleichnamsprozession; es war eine der ersten Fronleichnamsfeste für mich als Bischof von Essen. Beim Gehen durch die Fußgängerzone trifft unsere Prozession plötzlich auf eine Gruppe junger Leute. Die waren offensichtlich total überrascht und irritiert, uns zu sehen. Immerhin: Wir waren ja unterwegs mit Erstkommunionkindern, Messdienerinnen und Messdienern, jungen und alten Menschen, Ordensleuten, Priestern. Ich trug das Allerheiligste in einer Monstranz – einem goldenen Schaugefäß - unter einem barocken Himmel. Vor und hinter mir, in ihren traditionellen Uniformen, die Mitglieder der Eucharistischen Ehrengarden, dazu noch Weihrauch und Schellenklang sowie Blasmusik und laute Gesänge. Das alles sieht und hört diese Gruppe junger Leute, die mir wie ein totales Kontrastprogramm vorkommt. Die Leute sitzen auf der Erde. Sie scheinen völlig übermüdet zu sein, hören ihre Musik mit lautem und hektischem Schlagzeug aus einem Radiorekorder, reden und haben mehrere Hunde an ihrer Seite und eine Flasche Bier in der Hand. Ihre Kleidung ist etwas heruntergekommen. Ihre Gesichter und Gesten sprechen Bände: Fragende Blicke, Kopfschütteln – und dann ein Satz, den ich nicht vergessen habe: „Was ist das denn?“

Zwei Welten – mindestens!, denke ich. Von dieser Szene gibt es Fotos, die ich hinterher in den öffentlichen Nachrichten entdecke. Sie bestätigen noch mal, was ich in jenem Moment fühle – mindestens zwei Welten.

Musik I

Die Erfahrung von zwei Welten: Auf der Straße wir mit der Fronleichnamsprozession, die sich, je länger sie dauert, mit mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer anfüllt. Und dann die Gruppe der jungen Leute auf der Straßenseite, wahrscheinlich nach einer langen Nacht, müde, beschäftigt mit sich und der Musik, wohl eher sich selbst als uns die Frage stellend: „Was ist das denn?“

Ich bin mir mittlerweile sicher, dass es in Deutschland Viele gibt, die nicht mehr recht wissen, was eine Fronleichnamsprozession ist. Je jünger die Leute sind, umso größer das religiöse Nichtwissen. Sind früher ganze Dörfer und Städte in katholischen Regionen auf den Beinen gewesen, um den Fronleichnamstag zu begehen, so ist das heute fast überall deutlich anders. Gelebte religiöse Traditionen werden weniger verstanden und auch weniger begangen, so dass die Frage „Was ist das denn?“ für viele christliche Feste und Bräuche gilt.

Manche werden sich noch ihrer eigenen Kindheit erinnern und wissen, wie viele Katholiken unterwegs waren, wenn zehn Tage nach Pfingsten Fronleichnam gefeiert wurde. Mancherorts ist es ja auch noch heute so: Fahnen sind zu sehen, die an Wegesrändern stehen, Altäre vor den Häusern mit Blumen, Kerzen und Kreuzen geschmückt, Marienstatuen gehören dazu, ebenso Kommunionkinder in weißen Kleidern und Anzügen, eine Heerschar von Messdienerinnen und Messdienern, zusammen mit dem zuständigen Priester, der das Altarsakrament trägt. Normalerweise gibt es vier Altäre und Segensstationen, an denen nach Bibeltext, Fürbitten und Gebet der Segen gespendet wird für die Stadt oder das Dorf, für die Ernte und die Natur, für die Arbeitsplätze und Häuser der Menschen, für den Frieden der Welt und in vielen anderen Anliegen. Ein wichtiges Fest, das Identität stiften will. Aber wird es noch verstanden?

„Was ist das denn?“, fragen die Jugendlichen am Straßenrand. Und nicht nur sie.

Sicherlich: Damals wie heute gibt es Menschen wie mich, denen eine Prozession an Fronleichnam ganz wichtig ist – als Kundgebung der Kirche, als Glaubenszeugnis für uns Christen, als Bezugspunkt im Jahr für uns Katholiken. Aber selbstverständlich ist das aller nicht mehr.

Musik II

Ich weiß nicht, ob die jungen Leute, die unsere Prozession damals in Essen gesehen haben, bemerkten, was ich da in den Händen trug, als ich mit den vielen Menschen an ihnen vorbei ging. Es war die Monstranz mit der Eucharistie. Ein wichtiges Fest, das Identität stiften will. Eigentlich ist die Monstranz ein Zeigegerät. Aber sie zeigt nicht irgendetwas. Sie zeigt den, an den wir Katholiken glauben – Jesus, unter uns im Zeichen des Brotes, sichtbar in der Hostie. Und deshalb ist das einfache Zeigegefäß auch besonders wertvoll gestaltet. Hätte ich damals die Gelegenheit gehabt, mit den jungen Leuten wegen ihrer Frage zu reden, dann hätte ich von Jesus gesprochen. Davon, dass er in seinem Leben immer bei den Menschen ist, ihnen ganz nah und dabei so berührbar, wachsam und wirksam, so dass die Menschen erfahren: Gott ist da! Ich hätte von Ostern erzählt, von Tod und Auferstehung Jesu und davon, dass er vor seinem Sterben sein letztes Mahl mit den Jüngern gefeiert hat. Dabei hat er unter den Zeichen von Brot und Wein auf sich selbst hingewiesen, seine Liebe und seine Hingabe. Hingabe und Liebe bedeutet für Jesus das Leben! Dann hätte ich von der Liebe gesprochen und davon, dass die Liebe wandelt und dass wir das von Gott glauben: dass Gott die Kraft hat zur Wandlung. Er wandelt uns Menschen und unser Herz. Er wandelt durch seinen guten Geist Brot und Wein in Leib und Blut Christi. Und so gibt sich Gott den Menschen. Jesus ist nämlich nicht eine Figur der Vergangenheit, er lebt und schenkt sich auch heute noch, bei jeder Heiligen Messe. Denn da wird auch Brot und Wein gereicht und gewandelt, als Zeichen der Liebe und Hingabe.

Ich hätte erzählt, dass wir Katholiken genau das glauben. Und deshalb wird das Brot, der Leib Christi, bei der Messe nicht nur gegessen, sondern er wird auch gezeigt, wie bei der Fronleichnamsprozession.

Ich weiß nicht, ob die Jugendlichen damals das verstanden hätten, aber für mich ist die Hostie, der Leib Christi, ein kostbarer Schatz. Deswegen wird bei der Fronleichnamsprozession auch sorgfältig und behutsam mit ihr umgegangen. Die Teilnehmer verneigen sich ehrfurchtsvoll vor ihr, weil sie eben glauben, dass ihnen hier Jesus begegnet und Gott da ist. Schon wenn wir einen geliebten Menschen anschauen, berührt und wandelt uns das, werden wir auf Dauer mit ihm ein Herz und eine Seele. So ist das für mich auch mit der Hostie in der Monstranz: Ich schaue sie an. Je länger, desto mehr kann ich dabei ein Herz und eine Seele mit Jesus werden und erfahren: Gott ist hier, mit seinem Segen, seiner Kraft, seinem großen Herzen, seiner Liebe und seiner Hingabe.

Musik III

Noch einmal geht mir der Frage der jungen Leute bei der Essener Fronleichnamsprozession vor ein paar Jahren durch den Kopf: „Was ist das denn?“ Ich würde den jungen Leuten nämlich auch erzählen, wenn ich sie heute wiederträfe, dass Gott grenzenlos ist, von Anfang an, und dass er es auch am Ende des Lebens ist. Ich würde davon erzählen, dass die Ahnung und das Wissen seiner Grenzenlosigkeit aus der Botschaft Jesu und aus seinem Leben kommt: aus seiner Liebe, seiner Hingabe und seinem Willen, ganz bei uns Menschen zu sein. Es geht um Gott, der die Grenzen des Üblichen überschreitet. Wie? Schon an Weihnachten wird daran erinnert, dass Gottes Abstieg in die Welt eine Grenzüberschreitung ist. Gott wird Mensch, und dieser Grenzüberschreitung folgen dann viele weitere in Jesu Leben: Er lebt mit den Armen, tritt für die Hungernden ein, isst mit den Sündern, nennt die, die ihm untergeben sind und nachfolgen, seine Freunde und wäscht ihnen sogar die Füße. Bis heute nehmen Menschen Anstoß daran, dass er sich am Schluss auch noch verspotten lässt und, fast von allen verlassen, am Kreuz stirbt. Dann aber erfolgt die bedeutendste Grenzüberschreitung: er steht vom Tode auf in das neue Leben der Ewigkeit. Eigentlich unvorstellbar! Und eine solche Grenzüberschreitung ist auch die Eucharistie, ist auch die Hostie. Sie sprengt alle Grenzen. In alten Liedern wird vom „Himmelsbrot“ und der „Himmelsspeise“ gesungen. Ziemlich ungewöhnlich für den heutigen Sprachgebrauch. Aber was hiermit gesagt wird, macht den Grenzüberschritt deutlich: in diesem Brot berühren sich Himmel und Erde, Gott und Mensch. Schließlich provoziert Jesus sogar noch größeres Erstaunen, wenn er dann sagt: Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. In dieser Hostie, in der Jesus da ist, haben alle Menschen Platz: alle Lebenden, die Toten, die ganze Welt.

Musik IV

Noch einmal: „Was ist das denn?“ So fragten junge Leute angesichts unserer Essener Fronleichnamsprozession. Schließlich würde ich – wenn ich sie heute wiederträfe und mit ihnen sprechen könnte - auch vom Tod reden. Ich würde sagen, dass viele Menschen vor ihrem Tod eine wichtige Botschaft haben, die keiner vergessen soll, wenn es ein Wort oder eine Geste der Liebe ist, der Dankbarkeit oder der Hoffnung. All dies darf doch nicht vergeblich gewesen sein?! All dies muss doch eine tiefere Bedeutung haben?! Beim letzten Mahl Jesu gibt es solche letzten Worte und gibt es solche letzten Taten. Es geht Jesus um Liebe und Hingabe. Das bleibt für immer ein großes Geheimnis, auch für uns Katholiken. Jesus schenkt sich selbst. Er sagt vom Brot und vom Wein, den er reicht: Das bin ich. Und er setzt es ein als sein Testament: Tut dies zu meinem Gedächtnis! Das ist ein sehr geheimnissvolles Erbe. Und es gehört auch wesentlich zu Fronleichnam: Gott ist Geheimnis.

Musik V

Heute gehen wiederum Christen mit der Fronleichnamsprozession durch die Städte und Dörfer. Menschen singen und beten, bitten und danken. Und es wird wieder diejenigen geben, die fragen: „Was ist das denn?“ Die einfachste Antwort ist: Eine Prozession – mit Jesus. Da ist Gott, mitten in der Welt. Für ihn und mit ihm gehen die Katholiken auf die Straße!

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Feiertag und grüße Sie aus Essen als

Ihr Bischof Franz-Josef Overbeck.

(Copyright Vorschaubild: vauvau CCBY 2.0 flickr)

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