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Das Geistliche Wort | 31.05.2015 | 08:40 Uhr

Gott ist weder tot noch einsam

Guten Morgen,

Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal das Wort „Trinitit“ gehört haben. Mir ist es zum ersten Mal bei der Vorbereitung dieser Sendung begegnet. „Trinitit“ ist der chemische Fachbegriff für Sand, der unter extremen Bedingungen geschmolzen ist. Diese Bedingungen wurden erstmals erreicht, als am 16. Juli 1945 morgens kurz vor halb Sechs Ortszeit in der Wüste von New Mexico der erste Kernwaffentest durchgeführt wurde. Die Explosionskraft und Hitzeentwicklung der Bombe waren so groß, dass der Wüstensand und das Gestein ringsum zu grünem Glas verschmolzen. Dieses nuklear geschmolzene Glas wurde „Trinitit“ genannt, weil der Erfinder der Atombombe dem Testgelände für dem Atomversuch einen Tarnnamen gegeben hatte: „Trinity“. Es war der Physiker Julius Robert Oppenheimer.

Doch wie kam Oppenheimer ausgerechnet auf den Codenamen „Trinity“? Er musste doch wissen, was für eine zerstörerische Kraft sein Experiment hatte? Wir wissen aus seinem eigenen Mund, dass ihm bei der Namenswahl u. a ein Sonett des englischen Dichters John Donne durch den Kopf ging. Dessen erste Zeile lautet:

Sprecher:

„Batter my heart, three person’d God“ „Zerschlag mein Herz, dreifalt’ger Gott“.

Auch heute, 70 Jahre danach bleibt mir das Wort im Halse stecken – Dreifaltigkeit -, wenn ich bedenke, für welchen Skandal der Menschheitsgeschichte dieser Begriff Pate stand: der erste Atomwaffentest. Aber heute feiert die katholische Kirche den Dreifaltigkeitssonntag. So rückt sie das vielleicht größte und zugleich schwierigste Glaubensgeheimnis der Christenheit für einen Tag in den Mittelpunkt.

Grund genug, über das Eigentliche, über den Kern des Gemeinten nachzudenken.

Vielleicht kann das Sonett von John Donne, das er nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1617 verfasste, uns auf eine erste Spur bringen. Denn dieses Gedicht lässt schon bei den ersten Worten erkennen: Dreifaltigkeit ist für jenen Dichter mehr als eine abstrakte Lehre. John Donne ruft angesichts von inneren Nöten, die ihn niederwerfen und gefangen halten, den dreifaltigen Gott an. Ihm allein traut er zu, sein von Trauer und vielleicht auch Enttäuschung gepanzertes Herz zu zerschlagen und ihm eine innere Freiheit zurückzugeben, die er verloren hatte. Achten Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, einmal auf die Sprachbilder, die aus Donne's Worten geradezu hervorsprudeln:

Sprecher (als Gebet vortragen):

"Zerschlag mein Herz, dreifalt'ger Gott! Ja, Du,

der bislang nur klopft, atmend flüstert, glänzet und zu heilen sucht,

stürz um mich, dass ich erhebe mich und steh, und lenk hernieder

deine Kraft, zu brechen, tosen, brennen und mich neu zu machen."

Wie weit entfernt ist diese Sprache von gelehrter Diskussion. Und doch: Wie nah ist sie vielleicht an dem, um den es geht: Gott als lebendiger, kraftvoller, geradezu spürbarer Grund des Lebens, von dem Menschen nur in Bildern und Gleichnissen sprechen können.

Musik I

Was ist das für ein Gott, den John Donne in seinem Sonett anruft? Egal, welches Bildwort ich herausgreife, es spricht von einem Gott, der lebendig ist, der in Bewegung ist. Ein Gott, der sich entweder ganz vorsichtig und zart oder auch mit geradezu naturhafter Kraft Zugang zum Menschen verschafft. Und all das wird vorwegnehmend zusammengefasst in der Anrede: „Dreifaltiger Gott“. Noch genauer steht da im Englischen: "Du Gott in drei Personen."

Donne wählt mit dieser Anrede einen Begriff, der nicht erst heute Schwierigkeiten bereitet. Natürlich, er gehört wie selbstverständlich zum christlichen Glauben dazu. Jedes Kreuzzeichen, das Katholiken machen, geschieht im Namen dieses dreifaltigen Gottes: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Evangelische Christen machen in der Regel zwar nicht das Kreuzzeichen, stellen sich aber mit denselben Worten unter den dreifaltigen Gott. So erinnern sich Christen an die eigene Taufe, die auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes erfolgte. Diese Taufformel geht bereits auf das Neue Testament zurück. Matthäus hält als eines der letzten Worte Jesu fest: „Darum geht zu allen Völkern ... tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ (Mt 28,19)

Aber all das macht die Sache nicht einfacher. Denn die Frage bleibt: Was ist hier gemeint? Formeln bergen prinzipiell die Gefahr in sich, zu Nussschalen zu werden, an denen man sich die Zähne ausbeißt, ohne zum Kern vorzudringen. Am Ende wälzt man das Gebilde nur noch als bedeutungslose Hülse im Mund herum und spricht mit, was alle sagen. Und so kommt es, dass die Rede vom dreifaltigen Gott wohl für die wenigsten sich mit Zartheit und Zärtlichkeit verbindet oder umgekehrt mit einer Kraft, die den Kummerpanzer eines Herzens aufzubrechen vermag.

Tatsächlich hatte sich die Heilige Schrift selbst noch wenig Gedanken über das gemacht, was wir Dreifaltigkeit nennen. Der Begriff und die Theologie der Dreifaltigkeit, entstehen überhaupt erst über die Jahrhunderte im Nachdenken über den Gott der Bibel. Besonders knüpften die Theologen dabei an das Neue Testament an. Seine Kernbotschaft lautet: Gott, der die Welt erschaffen hat, der das Volk Israel erwählt und durch die Geschichte begleitet hat, den die Menschen betend als „Vater“ angerufen und den sie in ihrem Leben als wirksam erfahren haben, dieser Gott ist in Jesus von Nazareth Mensch geworden. Diese Aussage reichte den ersten Christen: Gott wurde Mensch.

Erst im zweiten bis vierten Jahrhundert fragt man weiter: Wie muss ich mir denn das Verhältnis von Göttlichkeit und Menschlichkeit in Jesus genauer vorstellen? Diese Frage wird durch den Osterglauben noch komplizierter: Jesus von Nazareth, der Sohn Gottes, wurde gekreuzigt, ist wirklich gestorben, ist aber nicht im Tod verblieben. Gott hat ihn von den Toten auferweckt – so lautet das andere christliche Grundbekenntnis. Dieser Satz ist nicht weniger ungeheuerlich als der erste: Gott ist Mensch geworden. Von diesem von den Toten auferweckten Jesus von Nazareth glaubt die Christenheit: Er ist weiter gegenwärtig. Besonders das Johannesevangelium betont: Der auferweckte Christus ist gegenwärtig als Heiliger Geist. „Tröster“, „Anwalt“, „Lehrer“ sind dabei Umschreibungen dessen, was mit Geist gemeint ist. Er ist Gott selbst, der mit seiner erfahrbaren Gegenwart trösten, stärken, zum Recht verhelfen und schließlich selbst Wege zum Glauben an ihn eröffnen möchte. Wie soll das nun alles zusammen gehen?

Musik II

Zu keinem Zeitpunkt in der Christenheit war es strittig, dass Gott ein einziger ist. Unerschütterlich hat die christliche Kirche diese Glaubenseinsicht aus dem Judentum übernommen und an ihr festgehalten. Im Glaubensbekenntnis steht deshalb am Anfang: „Wir glauben an den einen Gott“. Und doch gibt es zugleich den Sohn, und doch gibt es zugleich den Geist. Sie treten aber nicht irgendwie später zum Vater hinzu. Sondern was der Glaube als Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist erkennt, ist sozusagen die Außenseite einer inneren Dreiheit in Gott selbst von allem Anfang an. Den dahinter stehenden Glaubensgedanken hat für mich am eindrücklichsten ein Glaubensbekenntnis aus dem 5. Jh. auf den Punkt gebracht:

Sprecher:

„Nicht so bekennen wir Gott, als ob er gleichsam für sich allein wäre.“ (Fides Damasi, in: H. Denzinger/ P. Hünermann, Enchiridion symbolorum ... Lateinisch - Deutsch, Freiburg 371991, S. 48 )

Gott ist in sich Einer und dennoch Vielfalt -Fülle, so sagt es der Glaube.

Für mich als Alttestamentler ist spannend: Schon das hebräische Wort für Gott lässt etwas davon ahnen. Gleich im Schöpfungsbericht der Genesis taucht es auf in der Schwebe zwischen Ein- und Mehrzahl. Es meint den einen Gott, und ist doch in sich ein Wort in der Mehrzahl. Dem Buchstaben nach heißt elohim „Götter“. Aber immer heißt es, dass „elohim“ spricht, schafft, handelt. Das Verb steht also in der Einzahl, weil elohim eben nur ein einziger ist. Aber er ist in sich Fülle. Ihm fehlt nichts. Ja, er ist in sich Gemeinschaft und Kommunikation, so dass er – nun doch im Plural – sagen kann: „Lasst uns den Menschen machen“ oder „Lasst uns hinabsteigen und den Turm anschauen, den die Menschen gebaut haben“. Das ist mit den Mitteln der biblischen Zeit ein Ausdruck dafür, dass Gott sozusagen mit sich selbst zu Rate gehen kann und dazu in sich kommuniziert.

Natürlich sind dies alles sehr menschliche Bilder und Vorstellungen. Aber von Gott lässt sich nie anders als in solchen Bildern und Vorstellungen sprechen. Glaube sagt beides: Es sind Bilder, die hinter dem zurück bleiben, von dem sie sprechen, und doch gehen sie nicht ganz an der Wirklichkeit Gottes vorbei. So schrieb Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt, in seiner „Einführung in das Christentum“:

Sprecher:

„Jeder der großen Grundbegriffe der Trinitätslehre ist einmal verurteilt worden; sie alle sind nur durch diese Durchkreuzung einer Verurteilung hindurch angenommen; sie gelten nur, indem sie gleichzeitig als unbrauchbar gekennzeichnet sind, um so als armseliges Gestammel – aber auch nichts mehr – zugelassen zu werden.“ (Einführung ins Christentum, München 31977, S. 117f.)

Mit dieser Einschränkung darf man aber nun sagen: Die Fülle in Gott lässt sich als Dreifaltigkeit, Dreieinheit oder Trinität näher bestimmen bzw. erkennen. Dies gilt besonders, wenn Gott über das Bild des Gesprächs verstanden wird. Kommunikation setzt mindestens eine Zweizahl voraus. Doch erst die Dreizahl öffnet das Gespräch ins Größere und Weitere. Sie führt aus der Selbstumkreisung, die auch in der Zweierrunde noch möglich ist, in die Einbeziehung des ganz Anderen. Erst so wird das Gespräch wirklich zu Mitteilung und Austausch. Ein einziger Gott, ein einziges göttliches Wesen, aber dennoch drei Personen – sonst wären alle Bilder von Kommunikation, Gemeinschaft und Liebe im Kern unwahr. Einheit und Unterschiedenheit in einem ist das letztlich unvorstellbare Geheimnis Gottes, der kein toter, sondern ein lebendiger Gott ist.

Musik III

Dreifaltigkeit ist Ausdruck der Glaubenserfahrung, dass Gott weder tot noch einsam ist. Sie spricht von einem Gott, der hineinredet in das Leben, schöpferisch, ordnend, weisend, verlebendigend. Das ist Gott Vater. Dreifaltigkeit spricht von einem Gott, der bis zur Selbstaufgabe liebt, den unteren Weg vorzieht gegenüber allem Machtgepränge, achtsam mit den Menschen mit geht, heilt und „sucht, was verloren ist“. Das ist Gott Sohn, sichtbar geworden in Jesus Christus. Dreifaltigkeit spricht schließlich von einem Gott, der in Bewegung setzen will und dazu ein Repertoire vom zartesten Anhauch bis zum alles umstürzenden Sturmwind in sich birgt. Das ist Gott Heiliger Geist. Um es in moderner Sprache zu sagen, und doch mit allem Ernst und in Anlehnung an das biblische Verständnis des hebräischen Wortes für „Geist“: Gott ist ein Energiebündel, das nach dem Herzen sucht, das sich von ihm anregen lässt.

Hieran genau knüpft die eingangs zitierte Bitte von John Donne an: „Zerschlag mein Herz, dreifalt’ger Gott.“

Ja, Gott ist weder tot noch einsam, sondern als Vater, Sohn und Heiliger Geist wartet er darauf, zur Wirkung kommen zu dürfen.

Musik IV

Dass Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, eine Spur von diesem dreifaltigen Gott heute oder in der kommenden Woche entdecken, wünscht Ihnen Gunther Fleischer, Leiter der Bibelschule im Erzbistum Köln.

Copyright Vorschaubild: Trinity Recuerdos de Pandora CCBY-SA 2.0 flickr

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