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Sonntagskirche | 10.04.2016 | 08:55 Uhr

Gott zum Anfassen

Unser erster Tag in Jerusalem. Rauf auf den Ölberg und dann die Via Dolorosa entlang zur Grabeskirche – dem vielleicht wichtigsten Ort der Christenheit. Ich bin zum ersten Mal hier, meine Erwartung ist groß: Das wird sicher ergreifend! Tatsächlich ist die Kirche aber total wuselig, unübersichtlich. Ruhe? Fehlanzeige. Am Flughafenterminal ist es besinnlicher als direkt vor dem Heiligen Grab!

Fast eine Stunde stehe ich im Eingangsbereich, mit Blick auf den Salbungsstein. Den Stein, auf dem der Leichnam Jesu für die Bestattung vorbereitet worden sein soll. Gebannt beobachte ich die Vielen, die ganz zielstrebig auf den Salbungsstein zusteuern. Sie fallen auf die Knie, viele küssen den Stein, streicheln ihn, beten. Einige lächeln dabei beseelt, manche weinen laut und wiegen sich schluchzend über dem Stein. Ein Ehepaar kommt mit zwei großen Tüten voll mit Kreuzen, Heiligenbildchen und Ikonen. Ein Teil nach dem anderen wird aus der Tüte gezogen und auf den Stein gelegt. Ein kurzes Gebet gesprochen, laut und inbrünstig, dann ein Foto und das nächste Mitbringsel landet auf dem Stein. Anders als ich, ist das Ehepaar ganz ergriffen. Sie legen jedes Teil ganz andächtig auf den Stein. Als könnten sie ihre eben gekauften Mitbringsel so mit Gott aufladen.

Dieser Anblick ist für ein emotional eher münsterländisch gestricktes Wesen wie mich eine echte Herausforderung, kann Ihnen sagen. So viel Emotionalität in der Öffentlichkeit!

Und überhaupt, frage ich mich kritisch: Wie sicher ist denn, dass dies wirklich der Stein ist, auf dem Jesu Leichnam gelegen hat? Übertreiben die nicht ein bisschen?

Und doch: es fasziniert mich, wie diese Menschen versuchen, ihr Bedürfnis zu stillen, mit Gott so konkret wie möglich in Berührung zu kommen. Denn diesen Wunsch kenne ich selbst gut. Sie denken nicht lange darüber nach, ob es wirklich „DER“ Stein ist. Er könnte es sein. Also ergreifen sie die Chance.

Vor einigen Wochen war ich wieder in Jerusalem, wieder in der Grabeskirche. Diesmal wusste ich ja schon: Für mich ist das nichts. Für mich bleibt das ein Stein, ob Jesus darauf gelegen hat oder nicht.

Aber dann ist es auch mir passiert, ich war echt ergriffen. Wieder stehe ich in der Nähe des Salbungssteins und da sehe ich diesen alten Mann mit seinem Gehstock kommen. Sehr langsam geht er, schwerfällig. Und trotzdem steuert er zielstrebig auf den Salbungsstein zu und geht mühsam auf die Knie. Die Schmerzen sind ihm dabei deutlich anzusehen. Und dann beugt er sich zum Stein hinunter. Es scheint eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis er unten ankommt, Zentimeter für Zentimeter, bis seine Lippen endlich den Stein berühren. Und als er wieder hochkommt, ist sein Gesicht nicht schmerzverzehrt, im Gegenteil, er sieht zufrieden aus.

Guck dir das an, Michaela, habe ich da gedacht: Er hat es einfach gewagt! Er hat den Stein geküsst und sieht danach so glücklich aus, als wäre er soeben Gott selbst begegnet. Stein hin oder her – Das ist einer, der schon vor langer Zeit von Gott berührt wurde. Und in dem Moment war ich es auch.

Bildrechte:Salbungsstein Grabeskirche cordyph CCBY - SA 2.0 flickr

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