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katholisch

Das Geistliche Wort | 25.06.2017 | 08:35 Uhr

„Katholisch oder evangelisch in den Himmel?“

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen evangelisch und katholisch? Ganz einfach: Evangelisch ist, wenn man ganz „doll“ an Erlösung glauben soll, aber doch nicht so recht froh daran werden kann. Und katholisch ist, wenn man überhaupt nicht an Erlösung glaubt, diese dann aber nach Herzenslust feiert.

Liebe Hörerinnen und Hörer,

ich hoffe, Sie verzeihen mir diesen etwas spaßigen Einstieg. Er bringt ein Klischee auf den Punkt, nämlich: Evangelische Christen haben besser verstanden, was Gnade bedeutet, können aber von den Katholiken lernen, wie man richtig feiert. Und umgekehrt: Katholische Christen haben einen Nachholbedarf im Verständnis der Bibel, dafür verstehen sie aber mehr von Liturgie.

Ich will die Unterschiede zwischen den Konfessionen nicht in Stein meißeln. Ganz im Gegenteil. Mir geht es um Ökumene, das ist mir ein Herzensanliegen. Einmal anders formuliert: Wie komme ich eigentlich in den Himmel, katholisch oder evangelisch?

Musik: Palestrina, Missa Papae Marcelli, Kyrie (CD wird mitgebracht)

Wie in den Himmel kommen, katholisch oder evangelisch? Vier Vorüberlegungen.

Erstens: Gott ist konfessionslos. Er ist weder katholisch noch evangelisch noch sonst etwas. Er bekennt sich zu seiner Schöpfung, zu allen Menschen. Aber nicht zu irgendeiner Kirche. Die Spaltung der Christenheit ist eine Folge menschlicher Schuld. Jesus betet: „Ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, eins sind“ (Joh 17,21). Das ist der Maßstab. Deshalb diese erste Feststellung: Gott ist konfessionslos.

Zweitens: Alle Christen sind evangelisch, und alle sind katholisch. Evangelisch sind sie, weil sie unter dem Wort Gottes stehen, dem Evangelium. Dieses Wort ist nicht das Eigentum einer bestimmten Kirche oder Konfession. Es ist vielmehr Maßstab und Herausforderung. Und alle Christen sind katholisch. Weil sie das Ganze im Blick haben sollen. „katá holón“ bedeutet: „über das Ganze“. Damit hat das Wort „katholisch“ in etwa dieselbe Bedeutung wie heute „ökumenisch“. Der christliche Glaube ist eine Botschaft, die für die ganze Welt bestimmt ist, universal.

Drittens: Ich bin gerne katholisch, auch römisch-katholisch. Vor einiger Zeit habe ich mal gedacht: „Eigentlich müsstest du evangelisch-lutherisch werden, die haben die bessere Theologie, vor allem in Sachen Gnade und Rechtfertigung.“ Aber dann kam ein sehr kluger evangelischer Mitbruder, der sagte: „Bleib du mal schön katholisch. Deine Biografie ist viel wichtiger als die Theologie. Du musst da bleiben, wo du deine Wurzeln hast.“ Also bin ich geblieben, was ich bin: römisch-katholisch. Und ich sehe es als meine Aufgabe an, die katholische Kirche evangelischer zu machen – also evangeliumsgemäßer, und die evangelische Kirche katholischer – weiter, offener, spannender und heutiger.

Aber, und das ist die vierte Vorbemerkung: Ich bin ein ziemlich evangelischer Katholik. Ich liebe die Konsequenz, mit der die evangelische Kirche die Bibel auslegt. Ich liebe aber auch den Reichtum der Formen, der Farben, der großen Vielfalt, den mir meine katholische Kirche schenkt. Theologisch haben wir uns nämlich gar nicht so weit voneinander entfernt. Da gab es im 16. Jahrhundert viel Rechthaberei und Dummheit – auf beiden Seiten. Heute sind wir wieder sehr nah beieinander. Aber jetzt liegen fünfhundert Jahre Kulturgeschichte dazwischen. Wir hängen eben doch alle an Gewohnheiten, an Traditionen und kindlichen Geborgenheiten. Die können wir nicht einfach so abstreifen, weil Christen eben auch Menschen sind.

Musik: Bach, Hohe Messe h-moll, Gloria (CD wird mitgebracht)

Wie in den Himmel kommen, katholisch oder evangelisch? Ich beantworte die Frage wiederum ein wenig spaßig: Evangelische kommen einzeln in den Himmel, sozusagen als „freeclimber“, und Katholiken sind angeseilt, sie halten sich gegenseitig fest und kommen dann gemeinsam an.

Das ist natürlich völliger Unsinn, denn der Himmel ist ja Geschenk des gnädigen Gottes. Und eben kein Berg, den man erklimmen muss – allein oder angeseilt, wie auch immer. Aber, Spaß beiseite: Die evangelische Theologie betont mehr die individuelle Gottesbeziehung, die katholische mehr die gemeinschaftliche. Beides ist wahr, und ganz sicher gehört beides auch zusammen.

Also noch einmal: Wie in den Himmel kommen, katholisch oder evangelisch? Ich fange mal von hinten an: „Evangelisch oder katholisch“ mit Fragezeichen. Und dann: „In den Himmel“ mit Ausrufungszeichen. In den Himmel kommen wir nämlich alle. Ob wir dabei evangelisch oder katholisch sind, ist eine rein innerweltliche Angelegenheit. Die Konfessionen werden im Himmel nicht abgefragt. Gott ist ja konfessionslos, Jesus hat keine Kirche gegründet, und der Heilige Geist war bei der Kirchenspaltung definitiv nicht beteiligt.

Musik: Palestrina, Missa Papae Marcelli, Credo (CD wird mitgebracht)

„Katholisch oder evangelisch?“ – In den meisten Punkten sind sich die Christen einig. Die Zeit des Konfessionalismus ist vorbei. In den letzten fünfzig Jahren war mehr Dialog als in den fünfhundert Jahren davor. Wir haben voneinander gelernt: Die katholische Kirche ist biblischer, die evangelische Kirche ist sakramentaler geworden. Die einen predigen jetzt auch die Bibel, und die anderen feiern ihren Gott, ohne dabei verkniffen dreinzuschauen. Die Themen, die vormals trennend waren, werden nun gemeinsam durchdacht.

Zum Beispiel das Thema Rechtfertigung. Den meisten Christen ist längst klar: Der Mensch steht allein durch den Glauben vor Gott gut da, und nicht aufgrund eigener Werke. Hier gibt es allerdings noch unterschiedliche Gewichtungen: Die Katholiken betonen mehr die Freiheit des Willens, die Evangelischen mehr die Gnade. Für die einen ist der Mensch durch und durch Sünder, für die anderen hat er noch ein Fünkchen heile Schöpfung in sich. Aber dass das Heil allein von Gott kommt, dass in Christus alles geschehen und geschenkt ist, das ist Konsens.

Kein evangelischer Christ wird die Gnade billig machen, indem er nichts tut, und kein Katholik wird noch Angst haben, sich selbst erlösen zu müssen. Damit ist die wichtigste Frage in der Ökumene geklärt. Defizite gibt es noch in der Volksfrömmigkeit: Die ist bei Katholiken noch allzu kultisch-magisch und von daher klerikal, und bei vielen Protestanten macht Glauben einfach zu wenig Spaß. Rechtfertigung, noch einmal ganz einfach ausgedrückt: Wir können alle nur als Beschenkte leben. Oder, anders gesagt: Christsein heißt, sich von Gott lieben zu lassen. Gott liebt uns nicht, weil wir gut sind, sondern weil er gut ist. Alles andere folgt daraus.

Ein zweiter ökumenischer Knackpunkt: Eucharistie und Abendmahl. In den Gestalten von Brot und Wein begegnet uns Christus, ganz real im Hier und Jetzt; wir feiern seinen Tod und seine Auferstehung. Die Differenz, die es hier gibt, hat weniger mit Theologie als mit Kirchenordnung zu tun. Denn Protestanten sagen: „Kommt zum Abendmahl, Christus lädt euch alle ein; irgendwann klappt es dann schon mit der Kirchengemeinschaft!“ Katholiken sagen umgekehrt: „Bevor ihr kommen könnt, muss die Kirchengemeinschaft wiederhergestellt sein. Die gemeinsame Eucharistie ist kein Mittel zur Ökumene, sondern ihr Ziel.“

Das alles mag in der Theorie relevant sein, aber in der Praxis kann das kaum einer mehr nachvollziehen. Die Unterschiede spielen kaum noch eine Rolle, auch nicht für sehr engagierte Christen. Ich selber glaube, dass sich die Kirche hier nicht wichtiger nehmen darf als die Einladung durch Jesus selbst. Deswegen sage ich im Gottesdienst: „Ich darf Sie zwar noch nicht einladen, aber wenn Sie kommen, darf ich Sie auch nicht abweisen. Also entscheiden Sie selbst.“ Diese „Interkommunion“ wird schon fast überall praktiziert. Im vorauseilenden Gehorsam ist vieles möglich.

Ein dritter ökumenischer Knackpunkt: Das Amt, inklusive Papst. Alle Christen sind berufen, als Erlöste zu leben und Gott durch Wort und Tat bekannt zu machen. Das ist die Berufung aller, das so genannte gemeinsame Priestertum. Luther hatte es wiederentdeckt, und im Zweiten Vatikanischen Konzil wurde der Gedanke auch katholischerseits wieder aufgegriffen. Ist der Pfarrer nur beauftragt, ist er ordiniert oder sogar geweiht? Ist er Priester, also Presbyter, Repräsentant – oder eher Prediger? Steht er „in“ der Gemeinde oder ihr gegenüber? Vielleicht beides? Was bedeutet konkret: apostolische Nachfolge? Das sind die Fragen, über die man reden muss. Eines steht fest: Die Menschen brauchen keine Kleriker und Kirchenbeamten, sondern sie wünschen sich gute Seelsorgerinnen und Seelsorger.

Und der Papst? Ich bin froh, dass die römisch-katholische Kirche mit einer Stimme sprechen kann. Das ist in dieser globalen Welt ein enormer Vorteil. Wenn eine Idee erst durch viele Landeskirchen muss, ist sie schon von gestern, wenn sie dann endlich rauskommt. Verkündet wird dann meistens der kleinste gemeinsame Nenner.

Eine Person ist jedoch immer interessanter als ein Gremium, ein Gesicht kann mehr Authentizität haben als eine Synode.

Was mir am Papst nicht so gefällt, ist sein Anspruch auf Alleinherrschaft in allen Glaubens-, Moral- und Kirchenfragen. Er ist oberster Lehrer und Gesetzgeber, das ist mir zu undurchsichtig. Außerdem ist sein Amt nicht zeitlich begrenzt und die Wahl nicht wirklich basisdemokratisch. Das heißt: Mit der Person des Papstes kann man Glück oder eben auch Pech haben. Aber ein Papst als Sprecher der Christenheit, als Repräsentant der einen Kirche; ein Papst, der nicht über, sondern inmitten eines Konzils oder einer Synode stehen würde: Ich glaube, das wäre ein Weg.

Musik: Bach, Hohe Messe h-moll, Sanktus (CD wird mitgebracht)

Das ökumenische Miteinander ist selbstverständlicher geworden, alltäglicher, aber heute leider auch wieder gleichgültiger. Das Interesse an den Konfessionen ist gering, weil das Interesse an der Kirche als Institution gering ist. Außerdem sind die Kirchen in Deutschland momentan sehr mit sich selbst beschäftigt, mit ihren Finanzen und Strukturen, mit Querelen und Skandalen, vor allem aber mit einer gewaltigen Bürokratie. Beim Thema Ökumene bleibt es meistens bei frommen Wünschen und symbolischem Händeschütteln. Das Thema ist gründlich verschlafen worden.

Eine versöhnte Verschiedenheit haben wir schon, als nächstes muss die differenzierte Einheit kommen, aber das wird noch lange dauern. Immer müssen sich Christen an Christus orientieren, von dem sie ihren Namen haben: Christen heißen sie – nicht Kirchis, Katholis oder Evangelis, sondern eben – Christen. Durch gemeinsam gelebtes Christsein wird der Glaube glaubwürdig. Und das ist ja das Ziel: „Damit die Welt glaubt“ (Joh 17,21).

Musik: Palestrina, Missa Papae Marcelli, Agnus Dei (CD wird mitgebracht)

Zurück zur Frage: Wie in den Himmel kommen, katholisch oder evangelisch? Bisher ging es um „Evangelisch oder katholisch“ mit Fragezeichen. Jetzt kommt Teil zwei: „In den Himmel“ mit Ausrufungszeichen. Dieser Teil ist mir so gewiss, dass ich ihn ganz kurz halten kann. Jesus Christus ist gestorben und auferstanden – für die ganze Welt, für alle Menschen. Deshalb glaube ich fest, dass alle bei ihm sein werden.

Für Christen wird es ein frohes Wiedersehen werden. Dabei spielt es keine Rolle, in welcher Kirche sie ihren Lebensweg gegangen sind. Gott ist unteilbar, er ist konfessions- und grenzenlos. Unsere krumme Kirchengeschichte kann seinen Heilswillen nicht kaputt machen. Für Christen also ein frohes Wiedersehen.

Und für die anderen – eine große Überraschung. Erlösung für alle, ob sie daran geglaubt haben oder nicht. Es darf nach Herzenslust gefeiert werden!

Musik: Bach, Hohe Messe h-moll, Dona nobis pacem (CD wird mitgebracht)

Aus Münster grüßt Sie der evangelische Katholik Pfarrer Stefan Jürgens.

Musikauswahl:

Palestrina, Missa Papae Marcelli, Simon Preston, Polydor 1986

Bach, Messe in h-Moll, John Eliot Gardiner, Polydor 1985

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