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Choralandacht | 31.05.2014 | 07:50 Uhr

Komm, o komm, du Geist des Lebens (eg 134)

Autor: Glaube bewegt. Der Glaube lässt Menschen oft über sich selbst hinauswachsen. Der Glaube kann Menschen einen neuen Blick auf ihr Leben geben. Da öffnet dann eine Kirchengemeinde ihre Türen für syrische Flüchtlinge und sagt „Herzlich willkommen!“, und die Menschen auf beiden Seiten erleben Gastfreundschaft. Oder da feiert eine evangelische und eine katholische Kirchengemeinde miteinander Gottesdienst, und die Menschen erinnern sich an das, was sie verbindet. Im Glauben erfahren Menschen immer wieder: „Dass Gott mir nah kommt, ist gut für mich (1).

Im Verlauf der (Kirchen-)Geschichte bewegt Glaube wohl nicht nur Gutes: Menschen kämpfen für den rechten Glauben und kennen keine Kompromisse. Gleich zwei Mal musste Heinrich Held im Laufe seines Lebens fliehen. Der Lehrer, Rechtsgelehrte und Dichter wurde 1620 in Guhrau, Schlesien, geboren. Als Schulkind musste er seinen Geburtsort verlassen, musste in der Fremde eine neue Sprache lernen. Es waren die Kämpfe von Reformation und Gegenreformation. 1657 wurde sein Wohnort wieder katholisch, erneut musste Heinrich Held fliehen. Zwei Jahre später starb er in Stettin.

Wie geht ein Mensch mit diesen Erfahrungen um? Was lösen sie aus? Enttäuschung? Bitterkeit? Heinrich Held schrieb das Pfingstlied „Komm, o komm du Geist des Lebens“. Wenn ich es höre, entdecke ich hier einen ermutigenden Grundton: Glaube bewegt auf sehr gute, das Leben fördernde Weise. Gottes Geist wirkt. Er wirkt in uns. Er wirkt durch uns in die Welt hinein.

Musik I, Strophe 1

Komm, o komm, du Geist des Lebens, wahrer Gott von Ewigkeit,

deine Kraft sei nicht vergebens, sie erfüll uns jederzeit;

so wird Geist und Licht und Schein in dem dunklen Herzen sein.

Autor: Gottes Geist will erbeten sein. Gott ist nicht verfügbar. Sein Geist ist nicht einplanbar. Er ist ein Geschenk. Darum ist das gesamte Lied eine Bitte um Gottes Geist, der durch uns die Welt verändert. Das ermutigt.

Heinrich Held ist sich sicher: Gottes Geist ist ein Geist des Lebens. Jesus Christus kommt in dem gesamten Lied zwar nicht vor. Aber wenn ich an den „Geist des Lebens“ denke, verbinde ich das mit dem Leben Jesu. In seinen Worten und seinem Wirken wird der Geist des Lebens in besonderer Weise spürbar.

Jesus liebt das Leben. In seinem eigenen Leben drückt sich das aus: Er begibt sich mitten hinein ins Leben: ist gesellig und sucht den Kontakt, trifft sich mit den Leuten und ist ihnen zugewandt. Im gemeinsamen Essen und Trinken begegnet er den unterschiedlichsten Menschen und nimmt dabei wahr, was sie brauchen. Er tut ihnen gut, er geht ihnen nach, er meint es wohl.

Jesus heilt Leben. Von körperlichen Krankheiten befreit er die Menschen, ebenso nimmt er das seelische Leiden wahr und ernst. Und er kümmert sich darum, dass „Geist und Licht und Schein in dem dunklen Herzen“ sind.

Jesus fördert das Lebendige, indem er verkrümmte Menschen aufrichtet. Er lehrt Menschen den aufrechten Gang und hilft ihnen ein eigener Mensch zu werden. Jesus gibt Menschen Würde und bewertet sie nicht nach Leistungen und Fehlleistungen. Wo Jesus wirkt, weht der Geist der Freiheit, der Geist des Lebens.

Ich stelle mir vor: Um diesen „Geist des Lebens“ bittet Heinrich Held.

Musik II

Instrumental (Orgelmusik)

Autor: Auch in der Melodie, die aus dem letzten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts stammt, wird deutlich: Es herrscht eine dramatische Grundstimmung: ein großer Tonumfang erzeugt das Gefühl von weiten Räumen, großen Bewegungen, höchster Unruhe. Es gibt große Intervallsprünge, die immer wieder zurück zum Grundton kehren. Diese Melodie malt die Höhen und Tiefen im Leben nach. Und sie werden immer wieder zur Ruhe gebracht. Im ersten Teil jeder Strophe öffnen große Sprünge – aufwärts und abwärts – den Raum, im zweiten Teil der Strophe folgt eine ruhige, gegenläufig angelegte Melodie.

Musik II

Instrumental (Orgelmusik)

Sprecherin (overvoice): Komm, o komm, du Geist des Lebens, wahrer Gott von Ewigkeit, deine Kraft sei nicht vergebens, sie erfüll uns jederzeit; so wird Geist und Licht und Schein in dem dunklen Herzen sein.

Autor: Wirken möge der Geist des Lebens. Seine Kraft erfülle uns jederzeit. So – und „nicht vergebens“ – möge Gott, möge der Glaube wirken.

Heinrich Held, der unser Pfingstlied geschrieben hat, hat eine sehr nüchterne Einschätzung über den Menschen. Er spricht vom „dunklen Herzen“. In einer Zeit, wo konfessionelle Auseinandersetzungen zu Flucht und Vertreibung führten, kann man sich wohl keine Illusionen machen über den Menschen, kein Idealbild zeichnen. „Geist und Licht und Schein“ möge der „Geist des Lebens“ „in dem dunklen Herzen“ bewirken.

Wer von Gottes Geist bewegt wird, schaut anders auf das Zusammenleben der Menschen. Denn der Glaube sucht Gott in unserer Welt. Und er findet ihn in Begegnung mit den Hungrigen, den Durstigen, den Fremden, den Armen, den Kranken und den Gefangenen (2).

Gottes Geist führt uns mitten hinein in die Welt. Er lässt uns parteilich und diakonisch und seelsorglich sein.

Gottes Geist bewirkt eine neue Haltung zum Leben. So wie Jesus Menschen aufrichtet, die am Rand stehen, lässt Gottes Geist Menschen aufeinander zu gehen. Er bringt uns einander nah und lässt alle Fragen zu, vor die uns das Leben stellt. Dann sehen wir im andern zuerst einen von Gott geliebten Menschen. Dann begegnen wir uns offen und sensibel - ohne Zensur oder Wertung.

Musik I, Strophe 5

Wird uns auch nach Troste bange, dass das Herz oft rufen muss:

»Ach mein Gott, mein Gott, wie lange?« o so mache den Beschluss;

sprich der Seele tröstlich zu und gib Mut, Geduld und Ruh.

Autor: Mir gefällt, dass das Lied erfahrungsgetränkt ist. Hier hebt keiner entzückt ab und blendet das Leben aus. Das Leben hinterlässt Spuren. Da gibt es keinen Platz für Verzückung ohne Bodenhaftung. Es geht ganz realistisch zu. Wem „nach Trost bange“ ist, der kennt Trostlosigkeit. Und wer sagt „Ach mein Gott, mein Gott, wie lange?“, der kennt bedrückende Erfahrungen. Und er oder sie sehnt sich nach Zuspruch, nach Gottes Trost. Sein Wunsch, sein Gebet zielt auf „Mut, Geduld und Ruh“ ab, wie Heinrich Held es in der fünften Strophe seines Liedes beschreibt.

Manchmal erlebe ich das ähnlich. Wenn ich zum Beispiel einen bewegenden Gottesdienst erlebt habe, fühle ich mich ermutigt und gestärkt. Oft weiß ich dann besser als zuvor, was dran ist: ich rufe einen Menschen an, dessen Ergehen mich sehr beschäftigt. Dabei habe ich keine Antworten, aber mit ihm gemeinsam halte ich eine bedrückende Situation aus. Oder ich führe ein Gespräch, das heikel, aber auch klärend ist. Glaube bewegt. Er führt uns zueinander. Er hilft Menschen, dankbar zu leben und getröstet zu sterben.

Ich wünsche Ihnen eine fröhliche und gesegnete Zeit auf Pfingsten zu!

Anmerkungen:

(1)In Anknüpfung an den Text der Jahreslosung 2014 aus Psalm 73,28

(2)Vgl. Matthäus 25,31ff.

Musikinformationen:

Musik I

CD-Name: Lobt Gott getrost mit Singen – Lieder aus dem Ev. Gesangbuch

Titel: Komm, o komm, du Geist des Lebens

Text: Heinrich Held 1658

Melodie: Meiningen 1693

Chor: Studierende der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg

Leitung: Andreas Schmidt

Herausgeber: Gottesdienst Institut

Musik II

CD-Name: WDR-Eigenproduktion

Titel:Komm, o komm, du Geist des Lebens

Komponist: Johann Philipp Kirnberger

Interpret: Philip Swanton (Orgel)

Verlag: Kistner und Siegel

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