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Kirche in WDR 3 | 15.07.2015 | 07:50 Uhr

Leben

Am 22. Dezember 1849 sollte der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski in Petersburg auf dem Semjonow-Platz hingerichtet werden. Er hatte sich mit anderen Intellektuellen regelmäßig getroffen, um mit ihnen über Literatur zu diskutieren, die der Zar verboten hatte. Im April des Jahres wurden sie verhaftet und sollten jetzt erschossen werden. In der letzten Minute, als alle nur noch auf den Schuss warteten, wurde die Exekution abgebrochen und verkündet, dass der Zar ihnen das Leben schenke. Die Strafe wurde umgewandelt in vier Jahre Zwangsarbeit. Zwar durfte er seinen Bruder nicht mehr sehen, doch war ihm erlaubt, ihm noch einen Brief zu schreiben, in dem er all das erzählt, was ihm geschehen ist. Er bittet ihn, nicht um ihn zu trauern, denn das Erlebte habe ihn zu einem neuen Menschen gemacht. Nach der Zwangsarbeit, fünf Jahre später, schrieb er seine großen Werke wie „Die Brüder Karamasow“ und andere.

In diesem Brief an seinen Bruder Michail schreibt Dostojewski:

Sprecher:

„Ich bin nicht verzweifelt oder mutlos. Überall gibt es Leben! Es ist in uns selbst, nicht außerhalb von uns. Es werden Menschen um mich sein! Ein Mensch zu sein unter Menschen, nicht mutlos und verzweifelt angesichts des Unglücks, das uns befallen mag – das ist das Leben und die Aufgabe des Lebens.“

In den letzten Minuten seines Lebens, bevor das Todesurteil vollstreckt werden sollte, ging ihm auf, was das wirklich Wichtige in seinem Leben war: die Liebe, das Menschsein, das Leben. Es ist in uns, nicht außerhalb von uns. Doch nicht die Diskussionen mit seinen intellektuellen Freunden haben ihm die Erkenntnis gebracht, sondern das Leid, der nahe Tod, das Ende.

Als ich das las, stand mir Ijob vor Augen, der große Leidende im Alten Testament. Seine hoffnungsvolle Klage im 19. Kapitel des Buches Ijob hat mich von Anfang meiner Klosterzeit an begleitet. Da heißt es:

Sprecher:

„Dass doch meine Worte geschrieben würden, in einer Inschrift eingegraben mit eisernem Griffel und mit Blei, für immer gehauen in den Fels. Doch ich, ich weiß: mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub. Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen. Ihn selber werde ich dann für mich schauen; meine Augen werden ihn sehen, nicht mehr fremd. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust. (Ijob 19,23-27)

Es kann sein, dass mir vieles genommen wird, von dem ich glaubte, es gehöre unbedingt zu mir. Es kann sein, dass die Auseinandersetzung mit meiner Lebenssituation mich fast zerschmiergelt und zerfetzt. Es kann sein, dass all die Schichten, die ich zu meinem Schutz so mühsam um mich herum aufgebaut habe, schmerzlich aufgebrochen werden. Das lässt sich nicht klein reden. Das ist Schmerz und Leid, aber es ist auch ein Befreitwerden zu dem, was in mir ist. Dostojewski hat in seiner Todessituation entdeckt, dass das Leben in uns ist, und nicht außerhalb von uns. Wir selbst wissen es nur so oft gar nicht, da wir dem nachtrauern, was uns genommen wird.

Gott schauen, wie es Ijob sagt, heißt das Leben schauen, denn Gott ist Leben.

Dass Sie sich in den vielleicht schmerzlichen Situationen des heutigen Tages daran erinnern können, dass das Leben in Ihnen ist und von Ihnen wahrgenommen werden will, wünscht Ihnen aus Münster Sr. Ancilla Röttger.

*Letters of Note. Briefe, die die Welt bedeuten, München 2014, S. 188.

Copyright Vorschaubild: Public Domain Pixabay

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