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Sonntagskirche | 01.06.2014 | 08:55 Uhr

Lebensgeschichten

Gestern ist in Düsseldorf die weltgrößte Bestattungsmesse zu Ende gegangen. Eigentlich sind Tod und Sterben ja eher etwas für den November, aber die „BEFA“, so heißt die Messe, findet immer im Frühsommer statt. Hier haben sich Bestatter aus der ganzen Welt ausgetauscht über die neusten Trends in ihrem Gewerbe.

Das Thema, das auch in diesem Bereich in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist, heißt Individualität. Der Sarg, die Blumen, die Karten, die Musik, möglichst alles soll individuell gestaltet und persönlich auf den Verstorbenen abgestimmt sein.

Guten Morgen verehrte Hörerinnen und Hörer und willkommen bei der Sonntagskirche auf WDR 4.

In meiner Arbeit als Trauerrednerin höre ich viele verschiedene Lebensgeschichten. Schöne, traurige, ernste, lustige, romantische Augenblicke und schwere Schicksale. Menschen erzählen die Lebensgeschichten ihrer verstorbenen Angehörigen auf sehr verschiedene Art und Weise. Und doch wiederholen sich die Muster immer wieder: Da gibt es Erfolgsgeschichten, Heldengeschichten, Erlösungsgeschichten, Geschichten einer Entwicklung und sehr sehr selten Geschichten des Scheiterns. Wie wird wohl meine Geschichte einmal aussehen, wenn jemand an meinem Grab steht?

Die Angehörigen wünschen sich, dass während der Trauerfeier der Verstorbene und seine Lebensgeschichte im Mittelpunkt stehen. Es soll individuell sein. Sie wollen keinen frommen Trost und auch keine rhetorischen Allgemeinplätze über den Sinn des Lebens und den Tod hören. Sie möchten, dass jemand mit Wertschätzung und Respekt das Leben des Verstorbenen Revue passieren lässt. So wird Trauern und Abschiednehmen möglich und meist begegnet mir hinterher eine tiefe Dankbarkeit.

Trauergespräche sind ein sensibles Terrain. In erster Linie natürlich weil die Familie mehr oder weniger plötzlich mit dem Tod eines Familienmitgliedes konfrontiert ist. Als Trauerrednerin bin ich für die Wünsche der Angehörigen da. Ich bin aber auch Anwältin des Verstorbenen. Er kann nicht mehr für sich selbst sprechen. Jeder Mensch hat etwas Großes in sich, eine Persönlichkeit, die es zu entdecken und zu „heben“ gilt. Hermann Hesse hat einmal gesagt: „Jeder Mensch ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal und so nie wieder. Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig und jeder Aufmerksamkeit würdig.“

Hesse spricht von der Würde. Und das ist ein wichtiges Stichwort. Gerade dann, wenn ein Leben nach allgemeinen Maßstäben nicht besonders „erfolgreich“ verlaufen ist, wenn vielleicht Krankheit oder Sucht einen Menschen gezeichnet haben, wenn Träume und Ziele nicht erreicht wurden, gerade dann kommt es darauf an, in all dem die Würde eines Menschen nicht aus den Augen zu verlieren.

Was bleibt also am Ende eines Lebens übrig? Bei vielen Trauerfeiern zitiere ich gerne aus einem Gedicht von Erich Fried mit dem Titel „Lebenslauf“ . Die letzte Strophe lautet: „Als Mensch bin ich krank und alt / Und werde sterben / Und werde kein Stein sein / Und keine Wolke und keine Glocke / Sondern Erde oder Asche / Und darauf kommt es nicht an.“ Merkwürdig klingt er zunächst dieser letzte Satz. Nein, es kommt nicht darauf an, ob am Ende unser Körper zu Erde oder zu Asche wird.

Es kommt auf uns und unser Leben an. Auf das, was wir in Freiheit und Verantwortung daraus machen. Dabei geht es nicht um herausragende Leistungen und große Verdienste. An den kleinen Dingen, die mit Liebe getan werden, hängt oft das Maß der Menschlichkeit.

Ein schweres Thema, das ich Ihnen da heute mit auf den Weg gebe, liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Name ist Stephanie Lichters, ich lebe in Krefeld am Niederrhein und möchte sie ermutigen, sich diesen Gedanken zu stellen. Was soll einmal von ihrem Leben gesagt werden? Was wird man von Ihnen in Erinnerung behalten? Sie haben es in der Hand. Sie sind der Autor ihrer Lebensgeschichte.

1.Hermann Hesse, Demian, Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend, Prolog

2. In: Erich Fried, Gedichte, dtv, 1995, S. 132

Copyright Vorschaubild: Annazuc PD CC0 Pixabay

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