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Kirche in WDR 4 | 07.11.2016 | 08:55 Uhr

Lebensmelodie

Guten Morgen!

Wynton Marsalis ist einer der populärsten Jazz-Musiker unserer Zeit und vielleicht der größte Jazz-Trompeter aller Zeiten. An einem Abend spielt er mit einer kleinen, wenig bekannten Combo in einem New Yorker Keller-Club. Er hat schon einige Songs hinter sich, als er auf der Bühne ganz nach vorne tritt und ein Solo der 30er-Jahre-Ballade “I don’t stand a ghost of a chance with you” beginnt. Ein Lied über eine chancenlose Liebe. Das Publikum ist wie gebannt von den Tönen, die die ganze Verzweiflung des Liedes ausdrücken – Wynton Marsalis presst buchstäblich jede einzelne Note aus der Trompete, ist ganz eins mit dem Schmerz der Musik. Die Spannung im Raum ist greifbar, als Marsalis zur letzten Zeile des Liedes gelangt – jeden Ton langsamer und langsamer spielend, mit immer länger werdenden Pausen.

In diesem Moment klingelt ein Handy. Ein absurder nerviger Klingelton. Im Publikum machen sich Gemurmel und Gekicher breit. Der Mann mit dem Smartphone stürmt mit hochrotem Kopf und dem Handy in der Hand aus dem Raum und die Magie des Augenblicks ist verflogen.

Doch Marsalis beginnt erneut zu spielen. Und zwar den Klingelton. Note für Note, immer wieder mit verschiedenen Akzentuierungen. Er spielt regelrecht mit der Melodie, wechselt die Tonarten. Das Publikum kommt wieder zur Ruhe und spürt, dass hier etwas Außerordentliches passiert. Mehrere Minuten zaubert Marsalis mit der Melodie und verwandelt eine alberne Handy-Tonfolge in ein Kunstwerk – um dieses schließlich wieder zur letzten Zeile des begonnenen Liedes zurückzuführen:

“…with …. you.”

Diese Geschichte, die ich als Jazzfan allzu gerne live erlebt hätte, berührt mich. Denn Gott geht mit mir genauso um wie der geniale Musiker mit den störenden Tönen und Missklängen. Oft glaube ich, ich sei mit meinen Wunden, Verkrümmungen und Versagen nicht mehr zu gebrauchen. Meine Lebensmelodie klingt in meinen Ohren wie ein nerviger absurder Klingelton in einem schönen Konzert. Doch Gott kann aus diesen Dingen eine Gabe, ein Gebet, ein Geschenk, aus den Misstönen eine neue Lebensmelodie machen. Auch wenn sich das zuerst ganz anders anfühlt für mich. Das zu wissen, befreit mich. Ich kann all das, was mir an mir schlecht, komisch, schmutzig oder fehlerhaft vorkommt mutig anschauen und es von Gott heilsam berühren lassen. Deswegen sollten Kirchen Schutzräume sein. Orte, an denen ich erleben kann: Hier wird mein Kaputtes zu einer Melodie verwandelt. Mir geht das so, wenn ich einen Gottesdienst feiere, der mich bewegt. Ich komme mit etwas auf dem Herzen, das mich belastet. Und plötzlich – vielleicht ausgelöst durch einen Satz, eine Melodie - steigt die Gewissheit in mir auf: „Es gibt dich, Gott. Du bist da. Du lebst. Du wirkst. Du hilfst mir, dass ich mich verwandeln kann. Neue Wege einschlage.“ Und das tut er unermüdlich. Immer wieder. Ich muss dem Wirken dieses Meisters der Lebensmelodien nur zuhören.

Zeit zum Lauschen auf Ihre Lebensmelodie und was Gott draus macht,

– die wünscht Ihnen Ihr Pastor Christof Lenzen aus Gera.

Quelle zur Geschichte von Marsalis: Hajdu, David. “Wynton’s blues.” The Atlantic Monthly, March 2003, 43-44 (laut: http://www.homileticsonline.com/nonsubscriber/btl_display.asp?installment_id=3230

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